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EuroHawk bleibt am Boden

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Der Eurohawk fliegt nicht: Vor dem Verteidigungsausschuss des Bundestages hat Verteidigungs-Staatssekretär Stéphane Beemelmans das Aus für das Drohnenprojekt bekannt gegeben. "Ohne viel zusätzliches Geld ist das Ding nicht zulassungsfähig zu betreiben", erklärte Beemelmans anschließend vor der Presse in Berlin. Man werde bei solchen Projekten in Zukunft genauer hinschauen und sich nun auf die Suche nach geeigneten Alternativen machen, das "erstklassige Missionsmodul" in die Luft zu bekommen. Den wirtschaftlichen Schaden könne er derzeit nicht genau beziffern.

Solche Zufälle denkt sich nur ein Thriller-Klempner wie Dan Brown aus: Wenn Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) am Donnerstag im Parlament eine Regierungserklärung zur Neuausrichtung der Bundeswehr abgibt, absolviert der vieldiskutierte Eurohawk über Bayern seinen dritten Testflug. Es wird der letzte sein: "Wir haben aus sicherheitspolitischen und aus fiskalischen Gründen die Reißleine gezogen", sagt Beemelmans. Das Projekt, mit in großer Höhe über Deutschland kreisenden EuroHawk-Drohnen SIGINT-Aufklärung zu betreiben, ist damit gescheitert.

Der EuroHawk bleibt nun endgültig am Boden, das Verteidigungsministerium hat "die Reißleine gezogen".

(Bild: heise online/D. Borchers)

Der EuroHawk könnte also direkt im Fliegermuseum Gatow landen, während die elf in den USA am GlobalHawk ausgebildeten "Luftfahrzeugführer unbemannter Luftfahrzeuge" (PDF-Datei) wieder in ein echtes Flugzeug umsteigen müssen. Was bleibt, ist ein 37 Millionen Euro teurer Hangar am Fliegerhorst Jagel.

Über Millionen und Milliarden wird im anlaufenden Wahlkampf sicher noch ordentlich gestritten. Nach Angaben von Beemelmans hat das Projekt nicht über eine Milliarde Euro gekostet, wie von einigen Medien berichtet wurde. Vielmehr sei nur das Geld für den "Demonstrator" abzuschreiben, nicht das für das erstklassige Missionsmodul, das von Cassidian konstruiert wurde. Für das Flugsystem GlobalHawk, die Basis des EuroHawk, hat Flugzeugbauer Northrop Grumman einen Preis von rund 250 Millionen genannt.

Ähnlich unaufgeregt wie Beemelmans ist man auch beim EU-Konzern EADS, dessen Rüstungssparte Cassidian zusammen mit Northrop Grumman als Joint Venture die EuroHawk GmbH für die Drohne gegründet hat. Gegenüber dem Focus erklärte Cassidian-Chef Bernhard Grawert, dass das eigens für den EuroHawk entwickelte SIGINT-System auch mit anderen Trägerplattformen in der Luft seine Mission erfüllen könnte.

Auch ein Sprecher des Verteidigungsministeriums folgt dieser Argumentationslinie: Man sei daran interessiert, weiterhin die SIGINT-Fähigkeiten zu haben. Bis Ende September sollten letzte Tests der Sensorik abgeschlossen werden, damit diese Technik weiter genutzt werden könne, sagte der Sprecher. Aus dem Projekt habe man lernen müssen, wie schwierig es sei, wenn ein ausländischer Hersteller nicht zu allen Details Auskunft geben könne. Mit Israel und den USA als Anbieter sei der Markt für passende Drohnen einfach zu klein.

Empörung kommt dagegen aus den Reihen der Opposition. Für die SPD sprach Rainer Arnold von einem großen Vertrauensbruch der Bundesregierung. Das Parlament sei zwei Jahre lang über den Zustand des Projektes getäuscht worden. Gegenüber n-tv zeigte sich der Verteidigungsexperte der Grünen, Omid Nouripur, besonders darüber irritiert, dass auch nachdem den Beteiligten klar geworden sei, dass das Projekt nicht realisiert werden könne, zwei Jahre daran weitergearbeitet wurde.

Das "Optionally Piloted Aircraft" könnte den Weg weisen, wie das SIGINT-Modul doch noch in die Luft zu bringen ist.

(Bild: heise online/D. Borchers)

Die Wehrexpertin der FDP, Elke Hoff, nahm den Bundesverteidigungsminister in der Bild in Schutz. Die Anschaffung von EuroHawks sei von der rot-grünen Koalition geplant und von der großen Koalition zum Vertragsabschluss gebracht wurde, sagte Hoff der Zeitung. "Da hängen alle mit drin."

Die größten Chancen, das "erstklassige Missionsmodul" schnellstmöglich über Deutschland fliegen zu lassen und damit die SIGINT-Fähigkeitslücke der Bundeswehr schließen zu können, bestehen mit den Marine-Aufklärern von Lockheed. Hoffnungen macht sich auch der Rüstungskonzern Rheinmetall mit seinem "OPALE 42" (Optionally Piloted Aircraft Long Endurance). Das aktuelle Kleinsystem kann mit 120 Kilogramm Nutzlast zwar nur ein Zehntel des rund eine Tonne schweren "erstklassigen Missionsmoduls" tragen, könnte aber die Richtung weisen, wie eine "Halbdrohne" den schwierigen Weg zur Luftfahrtzulassung bestehen könnte. (vbr)

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