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Europäische Forschung fürs Internet der Zukunft

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Braucht das Internet eine Generalüberholung, eine ganz neue Architektur oder gar Tabula-rasa-Entwürfe? Einige Forschergruppen, die auf der Förderliste des siebten Forschungsrahmenprogramms stehen, "forschen in der Tat an 'post-IP'-Szenarien", sagte Joao da Silva, Direktor des Bereichs Konvergente Netze und Dienste bei der Generaldirektion Medien und Informationsgesellschaft, am Rande einer Konferenz zur Zukunft des Internets im slowenischen Bled. Sich komplett vom IP zu verabschieden nannte er aber "völlig irrsinnig". Alle neuen Netzentwicklungen sollten seiner Meinung nach bruchlos eingeführt werden.

Da Silva hält derzeit besonders neue Managementmodelle für künftige Netze in Bereichen wie E-Health, Umwelt oder fürs viel gepriesene Internet der Dinge für wichtig. Es könne nicht angehen, dass bestehende Netzbetreiber die Kontrolle über neuartige Netze haben, sagte da Silva. Er verwies beispielhaft auf die mit der Vergreisung der europäischen Gesellschaft wahrscheinlich zunehmende Betreuung über das Netz. Fraglich und vor dem Hintergrund von Datenschutz und Privatheit wichtig sei aber, wer dieses Netz betreiben soll, also beispielsweise der Telekommunikationsanbieter oder die jeweilige Klinik.

Da Silva sieht bei IP die Quality of Service als ein beträchtliches Problem. Ähnlich äußerte sich Medienkommissarin Viviane Reding in ihrer per Video in die Konferenz übertragenen Rede: "Das Internet wurde nicht mit Blick auf Datenraten von 100 MBit/s entwickelt. Wir müssen uns auf das zukünftige Internet vorbereiten – einschließlich einem Internet der Dreidimensionalität." Die EU-Kommission habe bisher 300 Millionen Euro für das Thema "zukünftiges Internet" im neuen Forschungsprogramm bereitgestellt.

Für Reding ist der Ausgleich zwischen einander widerstrebenden Interessen im gewachsenen Internet wichtig. Entgegen dem ursprünglichen offenen Modell gebe es heute Bestrebungen, Nutzer auf Inseln festzusetzen, um den freien Informationsfluss einzuschränken. Ein weiteres Motiv zur Einschränkung des Ende-zu-Ende-Prinzips sei, die Einkommensströme zu lenken. In diesem Problemfeld setzt das Projekt Trilogy an, das sich zum Ziel gesetzt hat, die traditionelle Trennung zwischen Routing-Mechanismen und wirtschaftlichen Anforderungen aufzuheben. Dazu sollen Letztere von Unternehmen wie Nutzern selbst kontrolliert werden können, sagte ein Mitglied der Trilogy-Forschergruppe auf der Konferenz. Es sei allerdings schwierig, von guten theoretischen Modellen aus die praktische Arbeit am Protokoll zu erledigen.

Es werde eine Menge über E-Business geredet, sagte der slowenische Minister für Wachstum, Ziga Turk. Für ihn steht aber mit Blick auf das Internet die Kommunikationsrevolution im Mittelpunkt, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung. In Slowenien fuhren jugoslawische Panzer zu der Zeit auf, als sich das Internet massiv zu verbreiten begann. So seien von dort aus E-Mails mit Aufrufen zum Widerstand in die Welt geschickt worden. Die durchs Internet ausgelöste Kommunikationsrevolution verglich Turk mit "Papier-Revolution" im 16. und 17. Jahrhundert. Seit damals habe Papier nicht mehr nur für Abschriften von Aristoteles oder der Bibel bereitgestanden, sondern auch für die Verbreitung mathematischen und naturwissenschaftlichen Wissens. Diese Revolution habe die europäische Dominanz der darauffolgenden Jahrhunderte begründet.

Bei der durch das partizipative Element noch verstärkten Revolution durch das Internet sei Europa bislang eher anderen gefolgt, merkte Turk an. Die slowenische Präsidentschaft habe sich bei der Verabschiedung der neuen Lissabon-Strategie allerdings dafür stark gemacht, dass die partizipative Idee gewürdigt werde. Die formulierten Ziele etwa beim Breitbandanschluss für alle Schulen bis 2010 seien zwar bescheiden, Kompromisse in Europa aber immer notwendig. (Monika Ermert) / (anw)