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Europäische Silicon Valleys im Vergleich

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Europas Softwarecluster sind sehr unterschiedlich ausgeprägt, reichen aber nicht an das Silicon Valley heran, stellt eine nun präsentierte Studie "EU Softwarecluster Benchmark 2013" fest. Erstellt wurde sie vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe im Auftrag von Software-Cluster.org. Es hat 15 europäische Ballungszentren der Software-Industrie miteinander verglichen, die sich vor allem entweder durch ihre Größe oder ihre Wachstumsdynamik auszeichnen. Allein das US-amerikanische Silicon Valley in Kalifornien kombiniert beide Attribute.

Zwar sind einige europäische Cluster in bestimmten Aspekten international wettbewerbsfähig, dennoch ist keines auch nur annähernd mit dem Silicon Valley vergleichbar, ergab die Studie. Ein Gesamtranking wird darin bewusst nicht aufgestellt, da die ausgesuchten Regionen unterschiedlich groß und beschaffen sind. Die Cluster werden stattdessen in sieben Kategorien miteinander verglichen, nämlich Beschäftigung, Umsatz, Wachstumsdynamik, Humankapital, Unternehmensdemographie sowie allgemeine und branchenspezifische Rahmenbedingungen.

Bernard Louis Roques von der französischen Wagniskapitalfirma Truffle Capital, die seit einigen Jahren die europäische IT-Industrie untersucht, sagt, dass sich die europäische Softwareindustrie im Vergleich zur amerikanischen ganz gut schlage. Gleichwohl sei es ein großer Nachteil, "dass wir staatliche Fördergelder nicht in europäische Software stecken können, so wie das in den USA der Fall ist, wo amerikanische Software gezielt gefördert wird". Außerdem gebe es im Vergleich erheblich weniger Wagniskapital, obwohl die Industrie sehr kapitalintensiv sei. Roques: "Das fehlt in Europa." Er weist darauf hin, "dass in diesem Jahr die Gewinne der 100 größten europäischen Softwareunternehmen um 8,7 Prozent aufgrund höherer Investments in Forschung und Entwicklung zurückgegangen sind." Gleichwohl erwarteten die Unternehmen für das kommende Jahr ein Wachstum von 5 bis 15 Prozent.

Softwarecluster in Deutschland

(Bild: software-cluster.org)

Vertreter mehrerer europäischer Cluster betonten am heutigen Montag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, es sei wichtig, dass die europäischen Ballungszentren individuelle Wachstumspfade verfolgen und voneinander lernen. Deutschland ist aufgrund der Beschäftigungsstärke mit drei Ballungszentren das europäische Land mit den meisten Softwareclustern. Das größte befindet sich mit rund 11.000 Software- und IT-Services-Unternehmen in der Region um Darmstadt, Karlsruhe, Kaiserslautern und Saarbrücken und zeichnet sich vor allem durch Umsatz, Unternehmensdemographie und Humankapital aus. Im Einzugsgebiet finden sich mit der SAP AG und der Software AG große Unternehmen sowie 42 Hochschulen, wobei etliche Institute einschlägig stark profiliert sind. Die Cluster in Oberbayern sowie Berlin sind vergleichsweise klein, weisen jedoch eine hohe Wachstumsdynamik auf. Dabei stelle sich bei Berlin die Frage, "ob es sich hier nicht vor allem um ein Aufholwachstum handelt und ob dieser Trend lange genug anhalten wird, um Berlin fest unter den führenden Standorten zu etablieren".

In der Kategorie der "allgemeinen Rahmenbedingungen" schneiden die deutschen Regionen eher mittelmäßig ab. Dies liegt vor allem am großen Anteil der ländlich geprägten Gebiete, die über einen schlechteren Internetzugang verfügen und eine geringere Wertschöpfung haben. Außerdem ist das Gründungsklima im Gegensatz zu nordeuropäischen Ländern nachteilig.

Von den 15 untersuchten Softwareclustern erreichen nur fünf Bestnoten in mehreren Kategorien. Das sind der deutsche Software-Cluster um Darmstadt, Karlsruhe, Kaiserslautern und Saarbrücken, London sowie die Region um Berkshire, Buckinghamshire und Oxfordshire, die Île de France und Stockholm. Der deutsche Software-Cluster erzielt dabei den höchsten Umsatz, London hingegen zeigt sich vor allem im Bereich Humankapital und den allgemeinen Rahmenbedingungen stark. Die Île de France weist ein moderates Wachstum auf hohem Niveau auf.

Stephan Fischer, Vorsitzender des Software-Cluster-Strategieboards und Direktor für Strategische Innovation bei der SAP AG, sieht Innovation vor allem durch Kollaboration stattfinden. So zeichne sich der deutsche Software-Cluster dadurch aus, dass "große und mittlere Software-Unternehmen und renommierte Forschungseinrichtungen ihre komplementären Kompetenzen bündeln". Er sieht neue Möglichkeiten für die europäischen Unternehmen vor allem in der Ergänzung von traditionellem durch digitales Engineering. "Hier gibt es eine wirkliche Chance weltweit führend zu sein", meinte Fischer.

Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG, glaubt: "Alle europäischen Cluster haben im globalen Vergleich Nachholbedarf." Sie bräuchten "noch bessere Rahmenbedingungen und die Unterstützung der Politik sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene". Es sei ein großes Defizit, dass Europa von vieler Technik abhängig sei, die nicht in Europa entwickelt wurde. Er ist außerdem der Überzeugung, dass es wichtig für Europa sei, "in einem Daten-Schengen eine gemeinsame Sicherheitssprache zu sprechen". Europäische Unternehmen seien vor allem im Bereich Business-Software erfolgreich. Durch Cloud-basierte Innovation eröffneten sich neue Möglichkeiten im Consumer-Geschäft.

Der NSA-Skandal befördere die Nachfrage nach europäischen Anbietern, glaubt Streibich. Das bestätigt auch Roques: "Die Entwicklung bevorzugt jetzt europäische Player. Die Verbraucher verlangen jetzt ein europäisches Hosting. Außerdem schauen sie stärker auf die Nutzungsbedingungen, also wer Zugang zu den Daten hat und ob Daten ohne Wissen des Kunden wieder genutzt werden." Roques glaubt, dass europäische Unternehmen auch von den Präferenzen öffentlicher Auftraggeber profitieren werden. (anw)