Menü

Europäische Union: Wie viele Mobilfunker braucht ein Land?

Die EU-Kommission will mit dem Single-Market-Paket den Telekommunikationsmarkt umgestalten. Konkret stellt sich die Frage: Wie viel Wettbewerb muss sein, wie viel darf sein?

vorlesen Drucken Kommentare lesen 33 Beiträge

Während sich Netzpolitiker bei der Bewertung der vom zuständigen EU-Parlamentsausschuss abgesegneten EU-Pläne auf die Aspekte Netzneutralität und Roaming-Gebühren konzentrieren, machen sich die Vertreter der Branche auf einer Konferenz des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste Gedanken über die langfristigen Auswirkungen der neuen Regulierungen und der zu erwartenden Folgen.

Obwohl alle Seiten demonstrativ die Vorteile des Wettbewerbs hochhalten, stellt sich besonders für kleinere Anbieter die Frage der Existenz. Denn gerade deren Gewinne haben in den vergangenen Jahren stark abgenommen, während nur wenige große Konzerne wie Vodafone, BT und Liberty Global ihre Zahlen verbessern konnten.

Deutschlands Mobilfunkmarkt ist noch zwischen vier Anbietern aufgeteilt (Telekom - magenta, Vodafone - rot, E-Plus - grün, Telefónica O2 - blau).

Die Frage, ob drei Mobilfunkunternehmen pro Staat genug sein könnten, stellt sich nicht mehr nur theoretisch. In Deutschland wäre dieser Fall gegeben, wenn die geplante Übernahme des Mobilfunkunternehmens E-Plus durch Telefónica trotz Bedenken der EU-Regulierer vollzogen wird. Doch die deutsche Bundesnetzagentur sieht dies nicht zwingend als Dauerzustand und kann sich vorstellen, dass der Mobilfunkmarkt in Deutschland Platz für einen neuen Konkurrenten hat.

Der ungarische Marktforscher Zoltán Pápai konnte zwar Preissenkungen im Sprachmarkt nachweisen, wenn mehr Mobilfunkunternehmen in einem Markt tätig waren – die Effekte waren aber relativ gering und sehr von den sonstigen Marktgegebenheiten abhängig. "Wir können nicht sicher behaupten, dass drei Mobilfunker besser sind, aber es ist nicht notwendigerweise schlechter", sagte Pápai in Brüssel. Für die überlebenden Unternehmen versprechen solche Konsolidierungen neue Milliardeneinnahmen.

Die Absicht der EU-Kommission, über einen vereinheitlichten europäischen TK-Markt das Wachstum generell zu begünstigen, sorgt in der Branche selbst noch für Verwirrung. So ist den Unternehmen nicht klar, wer wie von einem paneuropäischen Telekommunikationsmarkt profitieren kann. Zwar kann ein Unternehmen, das in mehreren Staaten tätig ist, durch Größenvorteile zum Beispiel beim Geräteeeinkauf sparen und das Marketing effizienter gestalten – insgesamt sei das Einsparpotenzial doch sehr beschränkt, führte der Marktbeobachter Richard Feasey aus. "Wenn ich Standorte in Schottland kaufe, gibt mir das nicht mehr Verhandlungsspielraum in Polen."

Von der EU-Regulierung verlangt die Branche nun eine Klarstellung: Soll der Missbrauch durch allzu mächtige Wetttbewerber verhindert werden oder sollen sich Regulierer aktiv darum bemühen, kleineren Unternehmen Wettbewerbsvorteile zu verschaffen? Die Mobilfunker sind sich immerhin in einem einig: Die EU-Kommission solle sich darum kümmern, dass dem Markt so viel Spektrum wie möglich zur Verfügung gestellt werden soll – zu möglichst günstigen Preisen.

Solchen Ansinnen erteilte Malcolm Harbour, Vorsitzender des Industrieausschuss des Europaparlaments (ITRE) jedoch eine vorsichtige Absage: "Finanzminister denken nicht so" – jeder Staat beharre darauf, dass die Versteigerung neuer Mobilfunkfrequenzen so viel Geld einbringen soll wie möglich. Die EU könne hier lediglich den Rahmen vorgeben. Harbour plädiert für starke lokale Regulierer. Eine Aufgabe der Gemeinschaft sieht er in der Förderung der Grundlagenforschung: So könnten nach aktuellen Projektionen die derzeit aufzubauenden Glasfaser-Infrastrukturen bereits 2030 wieder an ihre Grenzen stoßen. Deshalb fördere die EU Forschungsprogramme, wie der Datentransport über Glasfaser wesentlich effizienter gestaltet werden könne. (anw)