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European Media Art Festival: Record, Rethink, Revolve, Refresh

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Von ägyptischen und syrischen Protestvideos über Medienexperimente, die auf YouTube verboten wurden, bis zu demonstrierenden Occupy-Robotern zeigte das European Media Art Festival (EMAF) in Osnabrück die ganze Palette dessen, was Medienkunst heute sein kann. Auch einige Gewinner des c't-Wettbewerbs "Mach flott den Schrott" konnten als künstlerische Exponate bestaunt werden.

Das EMAF wurde 1981 als Experimentalfilm-Workshop gegründet und 1988 zum europäischen Medienkunstfestival veredelt. Nun fand es zum 25. Mal statt, daher war das begleitende Kongressprogramm historisch ausgerichtet. Dabei zeigte sich eine der Stärken des EMAF: Ohne groß zu fragen, ob das Kunst ist, präsentierte Charlotte Bank mit dem Smartphone "gedrehte" Videos der syrischen Oppositionsbewegung. Selbst dort, wo Kunst mit den Worten Alexander Rodtschenkos glaubt, am Ende zu sein, geht es weiter, wie Peter Weibel erzählte.

Einen für seine Zuhörer doch überraschenden Bogen schlug Andreas Leo Findeisen in seinem Vortrag über 50 Jahre Fluxus. Im T-Shirt des internationalen Kongresses der Piratenparteien Europas lobte Findeisen die Netzwährung Bitcoins und erklärte Julian Assange zum größten lebenden Fluxus-Künstler. Die Veröffentlichung der Depeschen von US-Botschaften als Cablegate sei das größte mediale Gesamtkunstwerk des Jahrhunderts.

Weiteres Lob erntete Wikileaks zur Präsentation des bekannten Videos "Collateral Murder" im Rahmen der Vorführung von "zensierten Videos" durch das niederländische Projekt Upload Cinema. Dort werden Webvideos zu einem Kinoprogramm zusammengestellt, das als Remix kommerziell erfolgreich in elf niederländischen Städten in großen Kinos läuft, wobei das Publikum über eine App zu einzelnen Themen ihre Favoriten auswählen kann. Das auf dem EMAF gezeigte Programm abgesetzter Videos ("Banned Videos") wurde von 6500 Crowdjuroren zusammengestellt und begann mit dem Klassiker Let there be Light von John Huston, der 1946 der US-amerikanischen Zensur zum Opfer fiel.

Auf das von Wikileaks dramatisierte Irak-Video folgte ein Ausschnitt von TroopTubes mit Propaganda-Videos der USA. In der Kategorie Politik zeigte ein in der Schweiz zensiertes Video von Augen auf ein beklemmendes Bild, während die Parodien von der National Organization for Marriage für Belustigung sorgten.

Gustav Hellberg: Obstruction

(Bild: European Media Art Festival)

Wie die Parodie eines Werbespots in der Kategorie Business für einen Rückzug der Firmen-Werbung sorgen kann, zeigte Dove Unslaughter von Greenpeace, entworfen nach einer vermeintlich kritischen Werbekampagne von Dove. Nach dem Versuch, das Greenpeace-Video zu verbieten, stellte Dove die Werbung ein. Während den Besuchern nach dem von MTV zensierten Musik-Video des Regisseurs Romain Gavras zu MIAs Born Free das Lachen im Hals stecken blieb, gab es zum Schluss dieser Zensur-Collage muntere Unterhaltung mit Untergangsparodien nach dem Film von Oliver Hirschbiegel mit Bruno Ganz als Meme. Damit kann ein Kreis geschlossen werden: Mit seinem Experimental-Film "Geheimes Leben, Teil 1" war Oliver Hirschbiegel einer der Studenten, die 1981 auf dem ersten "Experimentalfilm-Workshop" in Osnabrück für Furore sorgten.

In diesem Jahr gewann die südkoreanische Filmemacherin Hayoun Kwon mit ihrem Film Manque de Preuves (Mangel an Beweisen) den mit 2500 Euro dotierten EMAF Award. Der Film zeigt, wie ein nigerianischer Immigrant in Frankreich nachzuweisen versucht, dass er in Nigeria gefährdet ist, weil sein Vater schon seinen Zwillingsbruder ermordete. Die Mischung aus Märchen und Recherche über ein kulturelles Nichtverständnis fand die internationale Jury überzeugend umgesetzt. Der Dialog-Preis ging an den deutsch-iranischen Filmemacher Kaya Behkalam, der in "Excursions in the Dark" die leeren nächtlichen Straßen des nachevolutionären Ägyptens zeigt und dazu Protagonisten des Aufstandes ihre Träume erzählen lässt. Der Preis der deutschen Filmkritik ging an Constanze Fischbeck und Daniel Kötter für State Theatre 2, einem Film über das einzige Opernhaus Irans, das seit 1979 geschlossen ist.

Wie üblich wurde das EMAF 2012 von Ausstellungen begleitet, die über die Innenstadt von Osnabrück verstreut sind. Sie bleiben auch nach dem Ende des Festivals geöffnet. In der Kunsthalle Dominikanerkirche läuft bis zum 28. Mai die Ausstellung "Revolve", die sich dem Thema Bewegung widmet. Hier kann man Occupy-Roboter sehen, autonome Bodenstaubsauger mit Transparenten, eine Handy-Oper hören oder das 3D-Modell einer Kanne in einem Commodore PET der zweiten Generation. Auch der Künstler Frank Dziembowski ist mit seiner Hardware-Uhr vertreten, mit der er den c't-Wettbewerb "Mach flott den Schrott" gewann. Ein Dutzend weitere preisgekrönte Arbeiten dieses Wettbewerbs sind bis 13. Mai im Osnabrücker Coworking-Space ausgestellt. (anw)