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European Robotics Forum 2017: Zukunftstechnologie Robotik?

Die Europäische Kommission fördert Robotik-Forschung mit 60 bis 80 Millionen Euro jährlich. Die Ergebnisse waren Gegenstand eines Workshops beim European Robotics Forum in Edinburgh.

European Robotics Forum  2017: Zukunftstechnologie Robotik?

(Bild: heise online/Hans-Arthur Marsiske)

Die Europäische Kommission rühmt sich selbst, mit einer Fördersumme von 60 bis 80 Millionen Euro jährlich das weltweit größte zivile Forschungsprogramm zur Robotik zu betreiben. Aber was wird eigentlich aus all den Forschungsgeldern? Mit dieser Frage beschäftigte sich jetzt ein Workshop beim European Robotics Forum in Edinburgh, in dem mehrere mit EU-Mitteln geförderte Projekte ihre Ergebnisse präsentierten.

Beim Projekt FUTURA, das Arianna Menciassi (Scuola Superiore Sant‘Anna) vorstellte, war der Nutzen leicht zu erkennen. Bei diesen Forschungen geht es darum, eine Robotikplattform für den Einsatz von fokussiertem Ultraschall in der Medizin zu entwickeln. Durch die Fokussierung von Ultraschall in einem Punkt lässt sich Hitze erzeugen, mit der zum Beispiel Krebstumore gezielt zerstört werden können. Die nicht-invasive Methode wird seit 1942 erforscht und ist mittlerweile für die Behandlung verschiedener Krankheiten zugelassen. Ihr Einsatz erfordert aber besondere medizinische Fähigkeiten, zudem mangelt es noch an Präzision und Wiederholgenauigkeit. Das genau ist aber die Stärke von Roboterarmen. Es sei gelungen, bei der Bestrahlung eines beweglichen Ziels mit 1,2 MHz und 16 Kanälen von jeweils 20 Watt eine Genauigkeit von unter einem Millimeter zu erreichen, berichtete Menciassi. Natürlich erfordert es noch weitere Anstrengungen, das System in den medizinischen Alltag zu bringen, aber ein wichtiger Schritt in die Richtung ist getan.

Die Medizin ist auch eines der Anwendungsfelder, das Domenico Prattichizzo (Universitá degli Studi di Siena)für Wearable Haptics im Auge hat. Mit den tragbaren Geräten, die haptisches Feedback ermöglichen, ließe sich etwa der Operationsroboter DaVinci per Tastsinn steuern. Bei Arbeiten in virtueller Realität könnten Objekte gefühlt und besser gegriffen werden. Nicht zuletzt könne das System Blinden und Sehbehinderten als Navigationshilfe dienen, indem Aktuatoren an den Armen ein Signal geben, wenn der Weg nach links oder rechts abzweigt.

Navigation für Drohnen ohne GPS oder Laserscanner, ausschließlich gestützt auf Bildverarbeitung, war das Ziel des Projekts sFly, das Davide Scaramuzza (Universität Zürich) vorstellte. Die Verarbeitung der Sensordaten an Bord war eine Voraussetzung, um einen Schwarm fliegender Roboter bei Rettungsarbeiten in Katastrophengebieten einsetzen zu können. Im Rahmen des Projekts sei erstmalig auf Bilddaten gestütztes SLAM (Simultaneous Localization and Mapping) demonstriert worden, so Scaramuzza, also die gleichzeitige Selbstlokalisierung und Erstellung einer Karte der Umgebung. In einem Video war zu sehen, wie ein Multikopter im Wald sehr sicher zwischen eng stehenden Bäumen manövrierte. Die Software, die das dem Roboter durch den Abgleich von visuellen und inertialen Daten ermöglicht, sei im Rahmen von ROS (Robot Operating System) als Open Source veröffentlicht worden und unter anderem in das Google Tango Phone eingeflossen. Auch die Autopilot-Algorithmen PX4 und Pixhawk seien über Dronecode frei zugänglich.

Sehr greifbare Ergebnisse brachte auch das Projekt Petrobot , bei dem es um die Entwicklung von Robotern zur Inspektion von Druckbehältern in der Öl- und Gasindustrie ging. In einem Video, dasTjibbe Bouma, Leiter der Firma Quasset, zeigte, äußerten sich die Projektmitarbeiter, die aus sehr verschiedenen Bereichen kommen, positiv über die Zusammenarbeit und die Möglichkeiten, voneinander zu lernen. Mithilfe der Roboter, so Bouma, sei es gelungen, die Sicherheit für die Arbeiter zu erhöhen und zugleich die Kosten zu senken.

Es steht außer Zweifel, dass der Einsatz von Robotern in gefährlichen und belastenden Umgebungen sinnvoll ist. So beschäftigte sich ein anderer Workshop der Konferenz mit Robotern, die bei der Demontage von Nuklearanlagen helfen sollen. Dennoch stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der Zukunftsvision der Robotik. Keith Brown, Kabinettssekretär für Wirtschaft, Arbeitsplätze und faire Beschäftigung in der schottischen Regierung, brachte das in seiner Ansprache zur Eröffnung der Konferenz unfreiwillig auf den Punkt, als er auf das Potenzial der Robotik für die Öl- und Gasindustrie in Schottlandverwies und dabei kürzlich getroffene Vereinbarungen mit Abu Dhabi erwähnte. Schließlich hatte gerade in der Woche zuvor dort ein Roboterwettbewerb stattgefunden, mit dem Abu Dhabi die Abhängigkeit vom Öl reduzieren und neue Wege in die Zukunft eröffnen will.

Die von wirtschaftlichen Erwägungen dominierte Forschungsförderung beim gleichzeitigen Fehlen einer langfristigen Vision für die Robotik belastet auch die Debatten über ethische, soziale und rechtliche Aspekte der Technologie, die auf dem European Robotics Forum teilweise heftig und sehr emotional geführt wurden. So fühlte sich ein Teilnehmer als Krimineller gebrandmarkt, weil in einer Formulierung der Resolution des Europaparlaments zu zivilrechtlichen Regelungen für die Robotik eine Haftbarkeit der Forscher und Entwickler für die Auswirkungen auf gegenwärtige und zukünftige Generationen proklamiert wurde. Und immer wieder, nicht nur in Edinburgh, zeigen sich Robotikforscher gekränkt darüber, dass ihre Arbeit in den Medien so oft mit dem Terminator und der Machtübernahme durch die Maschinen in Zusammenhang gestellt wird. Solange sie keine positive Vision dagegen setzen können, die über die Idee, dass Europa seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten müsse, deutlich hinaus geht, wird das aber wohl vorerst so bleiben.

Aber die Debatte wird so schnell nicht beendet sein. Bis zum 30. April sind jetzt erst mal alle europäischen Bürger aufgerufen, zum Thema generell und zur Resolution des Europäischen Parlaments in einem Online-Fragebogen Stellung zu beziehen. Der nötige gesellschaftliche Konsensus wird auf diese Weise wohl noch nicht zustandekommen. Aber es ist auf jeden Fall ein guter Schritt nach vorn. (Hans-Arthur Marsiske) / (js)

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