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European Robotics League: Ermutigender Start einer neuen Wettkampfszene

Die European Robotics League hat mit Turnieren in Portugal und Deutschland einen guten Start hingelegt. Die als lokale Klein-Events ausgelegten Roboter-Wettbewerbe der Liga sind faszinierend – auch dann, wenn mal ein Griff nach einem Objekt danebengeht.

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European Robotics League: Ermutigender Start einer neuen Wettkampfszene

Zum Turnierabschluss in Sankt Augustin durften alle Roboter gleichzeitig in die Arena. Hier legt der AutonOHM-Protagonist (rechts) sein gegriffenes Objekt, einen Bolzen, bereits ab – währenddessen ist der "b-it bot" noch mit intensivem Betrachten beschäftigt.

(Bild: Hans-Arthur Marsiske / heise online)

In Lissabon und Sankt Augustin bei Bonn haben in dieser Woche die ersten lokalen Turniere im Rahmen der European Robotics League (ERL) stattgefunden. Diese neue, mit EU-Geldern geförderte Liga, die bei der vergangenen RoboCup-WM in Leipzig offiziell ins Leben gerufen wurde, soll den Roboterwettbewerb als Mittel zur Technologieentwicklung und Leistungsbestimmung in die Fläche bringen: Statt bei einzelnen großen Turnieren sollen die Wettbewerbe bei vielen lokalen Ereignissen im kleineren Maßstab ausgetragen werden.

Die ERL knüpft an die anwendungsorientierten Wettbewerbe des RoboCup für Rettungs-, Service- und Industrieroboter an. Damit die an verschiedenen Orten durchgeführten Wettkämpfe vergleichbar sind, greift die Liga das Prinzip auf, das im Rahmen von RoboCup Rescue erfolgreich entwickelt wurde: Alle lokalen Turniere finden in zertifizierten Arenen statt, die nach klar definierten Kriterien errichtet werden und exakt reproduzierbar sind. Teams sollen pro Jahr an mindestens zwei Turnieren teilnehmen. Die Sieger in den einzelnen Kategorien werden anhand ihrer jeweils besten Leistungen ermittelt und beim jährlichen European Robotics Forum geehrt.

Während es für Service-Roboter (ERL-SR) bereits Ende Juni ein erstes Testturnier in Lissabon gab und auch im Rahmen der offiziellen Eröffnung beim RoboCup Wettkämpfe ausgetragen wurden, hat jetzt gewissermaßen der Alltag der ERL begonnen. Sowohl in Lissabon als auch in Sankt Augustin traten jeweils zwei Teams an: In Lissabon, wo es erneut um Service-Roboter ging, waren das BARC (University of Birmingham) und Homer (Universität Koblenz). An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin versuchten unterdessen die dort beheimateten b-it bots und das Team AutonOHM (Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm), in einer RoboCup@work-Arena zu punkten. Hier ging es vorrangig um mobile Manipulation: Die Roboter sollten verschiedene Gegenstände an zuvor festgelegten Stellen greifen und woanders wieder ablegen.

Das gelang nicht immer. Wiederholt ging der Griff daneben, ohne dass der Roboter das bemerkte. Wenn er dann an den korrekten Zielpunkt fuhr und dort leer die Bewegung ausführte, um das Objekt abzulegen, brachte das keine Punkte. Denn dass die Roboter sich in der Arena zurechtfinden, hatten sie schon am ersten Tag gezeigt. "Das Problem der Navigation ist gelöst", sagte denn auch ein Mitglied des Nürnberger Teams. An einem geeigneten Verfahren, um den Griff zu verifizieren, werde noch gearbeitet. Das größte Problem sei aber nach wie vor die Objekterkennung.

ERL-Turnier in Sankt Augustin (5 Bilder)

Gespannte Aufmerksamkeit

Packt er's oder packt er's nicht? Die Teilnehmer des ERL-Turniers schauen dem Roboter der "b-it bots" gespannt dabei zu, wie er ein Objekt aufzunehmen versucht.

(Bild: Hans-Arthur Marsiske / heise online)

Tatsächlich brauchten die Roboter beider Teams, wenn sie vor den Objekten standen, auffallend lange, bevor sie den Arm bewegten und den Griff ausführten. Interessanterweise hatten sich die Teams bei der Platzierung der 3D-Kamera für entgegengesetzte Lösungen entschieden: Während sie bei den "b-it bots" unmittelbar hinter dem Zweifingergreifer mit Blickrichtung nach vorne angebracht war, schaute sie beim "AutonOHM"- Roboter auf der anderen Seite des Arms nach hinten. Das ermöglichte einen Blick von weiter oben senkrecht nach unten. Demgegenüber schauten die "b-it bots" aus geringerer Höhe und seitlicher Perspektive auf die Flächen, auf denen die Objekte platziert waren. Bei hellen Gegenständen, die sich kaum von der weißen Oberfläche unterschieden, könnte der schräge Blick von Vorteil gewesen sein. Jedenfalls gelang es den "b-it bots" in den besten Durchgängen, zwei von fünf Objekten korrekt zu greifen und abzulegen, während die Nürnberger maximal ein Objekt schafften.

Allerdings waren pro Durchgang jeweils nur fünf Minuten Zeit. Auf Wunsch der Teams durften die Roboter danach noch weiterfahren und schafften es häufig, noch weitere Objekte abzulegen. Eine Lehre aus dem Lissabonner Lokalturnier dürfte daher laut Wettbewerbsleiter Tim Friedrich von der Kuka Konzernforschung darin bestehen, die Laufzeit wieder auf zehn Minuten anzuheben. Generell ist es eine Herausforderung solcher Wettbewerbe, die Aufgaben so zu formulieren, dass sie nicht zu leicht gemeistert werden können, aber auch nicht abschreckend schwer sind.

An der Aufgabe, eine Metallplatte zur Nachbearbeitung in den dafür bestimmten Schacht an der Bohrmaschine zu legen, ist bislang noch jeder der Roboter gescheitert.

(Bild: Hans-Arthur Marsiske / heise online)

Im Rahmen des ebenfalls an den RoboCup anknüpfenden EU-Projekts RoCKIn, so Friedrich, sei etwa mit einer Bohrmaschine experimentiert worden. Aufgabe der Roboter sei es gewesen, eine fehlerhaft gebohrte Metallplatte zu erkennen und zur Nachbearbeitung in einen dafür bestimmten Schacht unterhalb der Maschine zu legen. Das sei keinem Roboter gelungen. Kein Wunder: Selbst für einen Menschen ist es nicht ganz einfach, die Scheibe korrekt in der Vorrichtung zu platzieren, ohne dass sie dabei verkantet. So stand die Bohrmaschine diesmal unbenutzt in der Ecke der Arena – als stille Mahnung, die andeutet, welche kniffligen Aufgaben in der Zukunft noch warten.

Ob die lokalen ERL-Turniere einen neuen Weg in diese Zukunft eröffnen? Es sei noch zu früh, definitive Schlüsse zu ziehen, sagt Pedro Lima (University of Lissabon), der den Wettbewerb in Lissabon betreut hat. Er ergänzt aber: "Die Idee der lokalen Wettbewerbe ist es, dass die Teams dabei weniger gestresst sind und sich mehr auf die technischen Aspekte und die Forschung konzentrieren können, sowohl für sich als auch im Austausch mit den anderen. Diese Atmosphäre ist deutlich zu spüren und unterscheidet sich von RoboCup oder RoCKIn. Ich mag beides, aber ich glaube, dies ist eine schöne Ergänzung zu den großen Wettbewerben."

Ganz ähnlich war die Stimmung in Sankt Augustin: Die Teilnehmer wussten es durchweg zu schätzen, dass sie mehr Zeit und Ruhe als gewohnt hatten und bei mehreren Durchgängen die Roboter gründlicher testen konnten. Dem Ehrgeiz scheint der kleinere Rahmen jedenfalls keinen Abbruch getan zu haben: Die Teams mussten spätabends ausdrücklich ermahnt werden, doch endlich Schluss zu machen und das Labor zu verlassen. Unterm Strich: ein ermutigender Start für die neue europäische Roboterliga. (psz)

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