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Exoskelette in der Industrie bringen Chancen und Probleme

Exoskelette erobern die Arbeitswelt. Menschen können so gesünder ihren Job ausüben, sagen die Befürworter. Doch Biomechaniker haben ihre Zweifel.

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Cray X: Das Start-up German Bionic will damit den unteren Rücken beim Heben schwerer Lasten schonen, etwa in der Pflege oder der Logistik. Ein Motor unterstützt bei Gewichten bis zu 20 Kilogramm, der Akku soll acht Stunden halten. 2018 ging das Exoskelett in Serie.

(Bild: German Bionic)

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Die ersten Exoskelette verbreiten sich in der Industrieproduktion. Arbeiter können so schwere Lasten heben oder leichter über Kopf arbeiten. Nun jedoch warnen Arbeitsschützer vor möglichen gesundheitlichen Folgen. "Ich möchte nichts dramatisieren. Aber wir wissen nicht, was diese Systeme langfristig machen", sagt Sascha Wischniewksi, wissenschaftlicher Direktor und Leiter der Fachgruppe "Human Factors, Ergonomie" an der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. "Wenn ich ein Exoskelett drei, vier Monate jeden Tag trage: Verändert sich mein Bewegungsverhalten dadurch? Die Kräfte sind nicht weg, wirken nur auf eine andere Körperregion", äußert er sich in der neuen Ausgabe von Technology Review. "Ein guter Arbeitsplatz sollte gar kein Exoskelett erfordern. Es sollte das letzte Mittel sein."

TR 7/2019

Technology Review Juli 2019

(Bild:  )

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Eingeführt haben viele Unternehmen die Exoskelette mit der gegenteiligen Hoffnung: Als Mittel gegen hohe Krankenstände. Schließlich sind Muskelskeletterkrankungen der häufigste Grund für Krankschreibungen und Frühverrentungen in allen Berufen mit körperlich harter Tätigkeit.

Volkswagen etwa verwendet in seinem Werk in Bratislava derzeit drei verschiedene Exoskelette: Paexo für die Überkopfarbeiten stammt vom Medizintechnikhersteller Ottobock. Ein weiteres namens Noonee tragen Mitarbeiter bei Tätigkeiten in der Hocke, etwa wenn sie das Cockpit montieren. Das System hängt am Rücken der Beschäftigten und funktioniert wie ein tragbarer Stuhl. Mitarbeiter, die schwer heben müssen, testen einen tragbaren Roboter namens Laevo für den unteren Rücken.

Auch nahezu alle anderen Autobauer, ob Audi, Ford oder BMW, erproben "Wearable Robotics". Logistikunternehmen wie die Deutsche Post oder Pflegeeinrichtungen experimentieren damit. Start-ups wie German Bionic brachten vergangenes Jahr erste Modelle in Serie, Ottobock gründete sogar ein neues Geschäftsfeld, Ottobock Industrials. Die positiven Rückmeldungen überwögen, berichtet Miroslav Agalarev, Manager und Experte für Ergonomie. Am Ende eines Arbeitstages berichteten die Beschäftigten von weniger Erschöpfung und Schmerzen. "Wir wollen diesen Weg weitergehen."

Noch sehen Experten die großen Gesundheitshoffnungen allerdings skeptisch. "Niemand kann momentan sagen, welche Chancen die Systeme bieten und welche neuen Probleme sie bringen", mahnt Sportmediziner Benjamin Steinhilber von der Universität Tübingen. "Ich glaube schon, dass diese Systeme die spezifischen Belastungen reduzieren. Aber es kann sein, dass neue Belastungen auftreten." Kritisch könnte beispielsweise das erhebliche Eigengewicht einiger Modelle sein. Der Noonee etwa wiege vier bis fünf Kilogramm, die am unteren Rücken hängen.

Hinzu kommt wirtschaftlicher Druck, der die gute Idee hinter den Exoskeletten in ihr Gegenteil verkehren könnte. "Es besteht eine wirtschaftliche Gefahr", sagt Arbeitsschutzexperte Wischniewski. Der Robo-Anzug könne dazu verführen, die Taktrate am Arbeitsplatz zu erhöhen, Pausenzeiten zu kürzen oder auf andere Arbeitsschutzmaßnahmen zu verzichten. "Es kann billiger sein, fünf Exoskelette zu kaufen, als andere technische Vorkehrungen zu treffen, etwa eine Hebebühne einzusetzen, damit Arbeiter nicht über Kopf arbeiten müssen", gab Wischniewski zu bedenken. Schließlich muss sich ein Exoskelett auch rechnen. Paexo etwa kostet immerhin 4900 Euro. In der Erprobungsphase 2018 sei es daher auch um "die Produktivität" der Exoskelette gegangen, sagt VW-Manager Agalarev. Der Nachfrage, wie diese genau erfasst wurde, wich er aus.

Mehr zu dem Einsatz von Exoskeletten in der Industrie lesen Sie in der Juli-Ausgabe von Technology Review (jetzt im Handel und im heise shop bestellbar).

(jle)