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Experte verteidigt Krisenvorhersage am Computer

Die Bundesregierung arbeitet an Software zur Vorhersage bewaffneter Konflikte. Die Modelle sollen aber nicht dazu dienen, frühzeitig militärisch einzugreifen.

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Experte Krisenvorhersage am Computer

(Bild: Shutterstock)

Lernfähige Software soll dabei riesige Datenbestände analysieren und in den Datenbergen Muster und Zusammenhänge erkennen, die menschliche Analysten vielleicht übersehen. Während das Außenministerium für sein "Preview"-Projekt ausschließlich öffentliche Daten verwenden will, hält sich das Verteidigungsministerium die Möglichkeit offen, auch als "Verschlusssachen eingestufte Quellen" zu berücksichtigen.

Das geht zumindest aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linken hervor. Viel mehr ist über die Projekte nicht bekannt. Stecken dahinter also finstere Absichten, wie Fragesteller Andrej Hunko vermutet? Er kritisiert die maschinelle Krisenanalyse, weil sie eingesetzt werden könne, um "Flüchtlinge abzuwehren, Interventionen vorzubereiten oder Kriege zu gewinnen".

TR 1/2019

Technology Review Januar 2019

Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2019 der Technology Review. Das Heft ist ab 20.12.2018 im Handel sowie direkt im heise shop erhältlich. Highlights aus dem Heft:

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Weit gefehlt, sagt Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München gegenüber Technology Review. Er berät das Verteidigungsministerium bei seinem Krisensmodellierungsprojekt. Parallel baut er gemeinsam mit Kollegen ein "Kompetenzzentrum Krisenfrüherkennung" auf, das für das Verteidigungsministerium, den BND, das Bundeskanzleramt oder das Auswärtige Amt arbeiten könnte.

"Das Problem in der Vergangenheit war oft, dass Systeme zur Krisenfrüherkennung hauptsächlich von großen Unternehmen entwickelt wurden, die zwar vielleicht modelltechnisch sehr gut waren, aber wenig sozial- und politikwissenschaftlichen Hintergrund hatten", sagt Masala. "Das soll sich mit dem neuen Zentrum ändern. Hier sollen Sozialwissenschaftler mit IT-lern Hand in Hand arbeiten."

Die Idee sei, mit einer Prognose für bis zu 18 Monate die "Awareness" zu erhöhen und gegebenenfalls mit "nichtmilitärischen Mitteln" eine Eskalation zu verhindern. "Es geht nicht darum, schon mal Streitkräfte dispositiv zu machen, sondern ressortübergreifend darüber nachzudenken, was man tun kann ", sagt Masala.

Eines ist dem Politologen besonders wichtig: "Ich wehre mich gegen die Formulierung, wir könnten Kriege vorhersagen.“ Diese Systeme sagen nicht, dass am 3. Dezember 2019 die Russische Föderation zwei Divisionen ins Baltikum schickt. „Das werden sie auch nie können. Aber sie können Informationen automatisiert auswerten und frühzeitig Hinweise auf krisenhafte Entwicklungen liefern, die in einer Konflikteskalation münden könnten.“

Einer der Vorreiter bei der quantitativen Vorhersage von Krisen und Konflikten mit Hilfe von Software ist das US-Militär. Das Integrated Conflict Warning System (ICEWS) wurde 2008 zunächst als Wettbewerb von der militärischen Forschungsförderungsagentur DARPA gestartet. Ziel des Wettbewerbs war es, ein Computersystem zu entwickeln, das sechs bis 24 Monate im Voraus klare Indizien für den Ausbruch von Konflikten in 29 verschiedenen Staaten Asiens mit einer Bevölkerung von mehr als einer halben Million Menschen liefern sollte.

Da die Analytiker der CIA zu dieser Zeit bei ihren Prognosen im Schnitt in 60 Prozent der Fälle richtig lagen, legte die DARPA die Messlatte für die Genauigkeit der Vorhersage auf 80 Prozent. Das Rüstungsunternehmen Lockheed Martin gewann diesen Wettbewerb mit einem System, das sechs verschiedene Modell-Ansätze vereint. Das US-Militär testet die Software seit einigen Jahren für die weltweite Krisenvorhersage. Während die der Modellierung zu Grunde liegenden Daten regelmäßig veröffentlicht werden, sind die technischen Einzelheiten und die Ergebnisse der Software jedoch nicht öffentlich.

Mehr zum Thema Konflikvorhersage lesen Sie in der neuen Januar-Ausgabe von Technology Review (im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich). (anwe)