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Experten kritisieren E-Learning

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Jede dritte Firma setzt bei der Mitarbeiterschulung bereits auf E-Learning. Dies geht aus Angaben des Deutschen Multimedia Verbandes (dmmv) hervor. Während Privatkunden noch wenig interessiert sind, sieht man es in Unternehmen als Vorteil an, dass sich die Teilnehmer Zeit, Umfang und Geschwindigkeit des Lernens selbst einteilen können. Experten kritisieren jedoch die Gebrauchstauglichkeit der Sprach- und Fachkurse, die Mitarbeitern auf CD-ROM, im Intra- oder Internet vorgesetzt werden.

"Software-ergonomisch sind die Kurse oft katastrophal", sagt Friederike Joedick vom Fraunhofer Institut für Integrierte Publikations- und Informationssysteme (IPSI) in Darmstadt. Die Informationswissenschaftlerin hat die Erfahrung gemacht, dass viele Angebote geradezu "zusammengeschustert" werden. So müssen sich E-Learner beispielsweise oft mühsam durch seitenlange Vorlesungsskripte scrollen. Viele Lernplattformen sind zudem mit Grafikelementen überfrachtet. Häufig werden E-Learning-Angebote außerdem ohne Lernkonzept und zu wenig praxisrelevant entwickelt, sagt Joedick. Das alles lenkt vom Lernen ab, führt zu Frustration und verringert den Lernerfolg.

Die Wissenschaftlerin hält es für erforderlich, dass Lernziele deutlich werden und die Inhalte überschaubar portioniert sind: "Der Lerner muss wissen, was ihn erwartet." Dazu gehöre auch eine Einführung, in der die Teilnehmer mit der eingesetzten Software vertraut gemacht werden. Die Praxis sieht oft anders aus. In einigen Unternehmen komme es offenbar in erster Linie darauf an, überhaupt bei dem Trendthema mitzumachen. Wie der Fortbildungsansatz dann betriebsintern umgesetzt werde, sei nebensächlich. Dabei ist es laut Christoph Huneke vom dmmv bei E-Learning-Anwendungen gerade wichtig, sich an den Bedürfnissen der Nutzer orientieren. "Hier gilt es beispielsweise herauszufinden, welche Voraussetzungen die Zielgruppen auch im Umgang mit den neuen Medien mitbringen."

Zumindest die großen E-Learning-Dienstleister gehen mittlerweile nach ähnlichen Prinzipien vor. "Das wichtigste ist, dass man das Problem individuell löst", bestätigt Sina Wolf von Digital Publishing in München. Man dürfe Mitarbeitern nicht einfach "etwas aufdrücken". Daher würden beim Kunden zunächst der Lernbedarf sowie geeignete Methoden ermittelt. So macht es keinen Sinn, Außendienstler mit vielen Online-Komponenten zu belasten, da sie häufig in Hotels sind und dann hohe Telefonkosten hätten. Wichtig sei eine Einführungsphase. "Die Angst der Teilnehmer vor der Software muss abgebaut werden", so Wolf. Danach sei die Hemmschwelle vor dem neuen Lernmedium meist verschwunden.

Allerdings räumt Wolf ein, dass es nur mit einer Lernsoftware häufig nicht getan ist: "E-Learning allein funktioniert eigentlich nicht." Jeder, der alleine lernt, benötigt eine Kontrolle oder einen Motivationsanreiz. Deshalb gibt es Gruppenarbeit und regelmäßige Präsenzphasen mit Lehrern, damit Teilnehmer ihren Wissenstand überprüfen können. Außerdem betreut ein Tutor die Gruppen per E-Mail, Chat oder Telefon. Auf diese Weise können jederzeit Lerninhalte besprochen, neue Aufgaben gestellt und die zu lernende Sprache praktiziert werden. Als "E-Learning" lässt sich das Sina Wolf zufolge nicht mehr bezeichnen - eher als "Blended Learning", also als Verschmelzung herkömmlicher und neuer Lernformen.

Jedoch gibt es offenbar auch E-Learning-Anbieter, die weniger nutzerorientiert vorgehen: IPSI-Mitarbeiterin Friederike Joedick bemängelt, dass es für E-Learning noch keine Standards gibt - wie sie etwa im Softwarebereich bereits etabliert sind. Dass sich das ändert, ist auch ein Ziel ihrer Forschungsarbeit: Am IPSI in Darmstadt leitet sie ein Projekt, das ein WBT für Autoren entwickelt. Ziel dieses "Meta-WBT" wird es sein, Entwicklern bei der Konzeption nutzerfreundlicher E-Learning-Module zu helfen. (dpa) / (dwi)

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