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Expertin: Internet ist nicht Auslöser für junge Amokläufer

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Jugendliche Amokläufer erschüttern immer wieder die Gesellschaft – und oft erscheint ihr Vorleben im Internet als Hinweis auf die Tat. Doch laut der Medienwissenschaftlerin Sabine Jörk ist das Surfen auf einschlägigen Websites nicht der Auslöser für ihre verheerenden Taten. "Sie informieren sich im Internet über andere Amokläufe", sagte Jörk der Nachrichtenagentur dpa im Vorfeld der Tagung "Mörderische Phantasien – Mediale Selbstdarstellung jugendlicher Amokläufer" der Tutzinger Akademie für Politische Bildung in Bayreuth (21. April). Ihr Plan zur Tat aber stehe dann meist schon.

Am 26. April vor zehn Jahren erschoss ein Schüler in Erfurt an einem Gymnasium 16 Menschen. Der Amoklauf an der Columbine High School zuvor in den USA (1999) gelte für diese und viele Folgetaten als "Blaupause", erläuterte Jörk. "Man geht aber davon aus, dass der Plan schon gefasst ist." Erst danach mache sich der spätere Amokläufer im Internet auf die Suche nach weiteren Infos. "Die Ursache liegt nicht im Internet, sie liegt in den sozialen Bedingungen. Da läuft schon vorher ein Prozess ab." Die fehlenden Informationen zur Ausübung könnte sich ein Attentäter theoretisch auch aus einem Buch holen.

Sollen also Eltern die Internet-Aktivitäten der Kinder genauer kontrollieren? "Für Eltern ist das ganz schwierig. Wenn sie einfach an den PC gehen, empfinden die Kinder das als Anmaßung", sagte Jörk. Häufig aber ließen potenzielle Attentäter im Internet – etwa in Foren oder Chatrooms – ihre Pläne durchsickern, indem sie etwa Andeutungen auf die bevorstehende Tat machten, erläuterte die Expertin.

Hilfreich für die Prävention wäre es daher, wenn Foren-Betreiber diese Andeutungen melden würden – etwa an eine wissenschaftliche Fachstelle. Jörk: "Es wäre toll, wenn das funktionieren würde." Allerdings gebe es letztlich auch keinen Automatismus: Nicht jeder, der sich im Internet einschlägig äußert, plane tatsächlich eine Bluttat: "Das können nur Spezialisten erkennen."

Möglich sei auch, dass sich Täter bewusst im Internet vorab inszenieren – ihre Pläne nicht nur andeuten, sondern konkret benennen. Der Attentäter von Emsdetten etwa, der 2006 an einer Realschule viele Menschen verletzte, habe zuvor ein Video verschickt, in dem er sich als Rächer der Ausgegrenzten inszeniert habe. (axv)

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