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Expertin: "Wir sind völlig nackt" – Digitale Ethik als Wertekompass

Brauchen wir eine Digitale Ethik für einen besseren gemeinsamen Umgang im Web? Ja, sagt Petra Grimm, Leiterin des Stuttgarter Instítuts für Digitale Ethik.

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Expertin: "Wir sind völlig nackt" – Digitale Ethik als Wertekompass

Die Digitalisierung prägt immer mehr Bereiche des Lebens. Doch das müsse nach ethischen Standards passieren, meint die Leiterin des Stuttgarter Instituts für Digitale Ethik, Petra Grimm. "Die Prämisse, dass die Digitalisierung einem guten Leben dienen soll, setzt voraus, dass Grundrechte wie Autonomie, Freiheit, Gerechtigkeit und Privatheit nicht geopfert werden dürfen", betont die Professorin. Ethik verhindere Innovationen nicht, sondern optimiere sie, meint die Expertin. In einem Interview erläutert Grimm die Idee ethischer Standards.

Braucht die Digitalisierung eine Ethik – und wenn ja, warum?

Petra Grimm: Ja. Eine digitale Ethik kann als Navigationsinstrument und Wertekompass dienen und dabei helfen, die Digitalisierung für ein gelungenes Leben zu nutzen. Das setzt aber voraus, dass die Digitalisierung unserem demokratischen Wertesystem entspricht: eine humane Digitalisierung, die unsere Privatsphäre und individuelle Freiheit schützt und uns selbstbestimmt entscheiden und handeln lässt.

Inwieweit wären Standards mit der Freiheit im Netz zu vereinbaren?

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Petra Grimm

Petra Grimm hat Kommunikationswissenschaft und Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert. Nach ihrem Studium war sie Dozentin an der Universität Kiel und seit 1994 Dezernentin für Programmaufsicht und Medienforschung bei der schleswig-holsteinischen Landesmedienanstalt. Im Jahr 1998 ging sie als Professorin an die Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Seit 2014 leitet sie das von ihr mitgegründete Institut für Digitale Ethik an der HdM. Ihre Forschungsgebiete sind autonomes Fahren, Ethik des Privaten und Cyber Mobbing. Ein aktuelles Projekt widmet sich der Frage, wie man Zivilcourage von Bürgern durch soziale Medien unterstützen kann.


Petra Grimm: Welche Freiheit meinen Sie? Es geht momentan um unsere Freiheit, die mehr und mehr eingeschränkt wird. Die amerikanischen Internetunternehmen Google, Facebook oder Amazon agieren intransparent und üben ihre ungeteilte Macht aus. Sie nutzen die Ansammlung riesiger Datenmengen, um Entscheidungen über uns zu treffen und unsere Entscheidungen zu beeinflussen. Wir sind völlig nackt: Sie beurteilen, ob wir kreditwürdig sind, ob wir depressiv oder zuverlässig sind, und sie wissen, ob wir schwanger, gesund oder krank sind. Und sie stellen auch Prognosen über unsere zukünftige Entwicklung an.

Wer würde solche Regeln festsetzen und wie würde bei einem Verstoß zu reagieren sein?

Petra Grimm: Wir brauchen erstmal eine entsprechende Sensibilisierung und Werte-Haltung der Unternehmen. Wir müssen uns gemeinsam darüber verständigen, welche Regeln gelten sollen und wie diese konkret umgesetzt werden können. Auch die Nutzer müssen sich schlau machen und sich eine ethische Digitalkompetenz aneignen, dazu haben wir als Impuls die "10 Gebote der Digitalen Ethik" und den "Digital Safety Compass" mit Studierenden der Hochschule der Medien erstellt.

Die von Petra Grimm und Studierenden der Hochschule der Medien in Stuttgart entwickelten "10 Gebote der Digitalen Ethik" sollen Leitlinien sein, wie Internetnutzer miteinander im Web umgehen können. Dadurch soll die Würde des Einzelnen, deren Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit gewährt bleiben.

Anhand von Beispielen werden die einzelnen Leitlinien erläutert. Neben Hinweisen, nicht alles im Internet über sich preiszugeben und das Sammeln von Daten über sich und andere nicht zu akzeptieren, enthalten die "Gebote" den Hinweis, nicht alle Informationen im Netz zu glauben, sondern sich auch aus anderen Quellen zu informieren.

Größeren Raum nimmt der Bereich "Selbstschutz und Respekt" ein. So sollen Internetnutzer nicht zulassen, dass andere gemobbt werden und darauf achten, dass die Würde des Menschen nicht verletzt wird. Vor allem solle man nicht jedem vertrauen, den man online kennengelernt hat. Sich selbst solle man vor drastischen Inhalten schützen.

Seinen eigenen Wert solle man nicht an Likes und Posts messen und seinen Körper nicht über Statistiken und Zahlen bewerten, wie sie beispielsweise Fitness-Apps liefern. Eine Leitlinie besagt, das Internet auch mal Internet sein zu lassen und bewusst abzuschalten. (Julia Giertz, dpa, Oliver Bünte) / (olb)

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