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Extinction Rebellion: "Wir bieten selbst keine Lösungen für die Klimakrise"

Kein Fleisch essen, keine Kinder kriegen oder Bäume pflanzen fürs Klima? Die XR-Aktivisten wollen zwar Panik schüren, die Debatten aber den Bürgern überlassen.

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Auftakt der Klimaproteste in London.

(Bild: Extinction Rebellion)

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Nach einer knappen Woche voller Protestaktionen von Extinction Rebellion (XR) in Berlin hat sich eine der Aktivistinnen schüchtern für die zahlreichen Blockaden und das damit ausgelöste mittlere Verkehrschaos an Brücken und Knotenpunkten entschuldigt. "Wir wollen das eigentlich nicht tun", erklärte Virginie Gailing von der auf zivilen Ungehorsam setzenden Klimaschutzgruppe am Freitag auf der Konferenz "More World" der Berliner Gazette in der Hauptstadt. Es gebe aber viele gute Gründe, um angesichts der Klimakrise ganz im Sinne der Schulstreik-Initiatorin Greta Thunberg "in Panik zu geraten" und den Menschen die Augen zu öffnen.

"Die meisten verleugnen zunächst die Gefahr", weiß Gailing. "Ich denke auch manchmal: warum genieße ich nicht einfach meinen Garten?" Doch die "toxische Kultur" des Nichtstun sei für sie keine Option, unterstrich die Französin. Sie habe sich daher der Bewegung angeschlossen, deren Berliner Ableger im November 2018 mit 20 Leuten am Prenzlauer Berg gestartet sei und mittlerweile an der Spree über ein Organisationsteam von rund 1500 Mitstreitern verfüge.

Für sie persönlich sei es der "erste Punkt" gewesen, sich gegen Kinder zu entscheiden, ließ die Designerin durchblicken. XR biete selbst aber keine Lösungen im Kampf für das Klima an. Es gehöre zu den Forderungen der Gruppe, dass Interessierte selbst zu ergreifende Schritte in Versammlungen gemeinsam passend für ihre Gemeinde und ihr lokales Ökosystem ausarbeiten sollten: "Die Bürger sind zusammen viel schlauer als alle Politiker oder Aktivisten."

Weiter setzen sich die selbsternannten Rebellen laut Gailing dafür ein, dass Regierungen die Wahrheit über die aktuelle Klimakatastrophe sagen, den Notstand ausrufen und sich dem Ziel verschreiben sollen, ihre Länder bis 2025 klimaneutral zu machen. Die Bundesregierung will die Treibhausgas-Emissionen dagegen erst bis 2050 unter dem Strich gegen Null bringen.

Zugleich wehrte sich die Insiderin gegen den Vorwurf, dass es sich bei der im April 2018 in Großbritannien gegründeten Vereinigung um eine Sekte handle. Der Ansatz sei viel mehr, eine "unternehmerische Kultur" auf den Aktivismus zu übertragen und etwa zu lernen, Handlungskonzepte zu schreiben oder sich möglichst dezentral zu organisieren. Es gehe darum, sich gegenseitig in verschiedenen kleinen Aktionen zu vertrauen, wobei keiner allein zuständig, aber jeder für sich verantwortlich sei. Übergeordneten Super-Infrastrukturen stehe XR dagegen skeptisch gegenüber.

Proteste von Extinction Rebellion

(Bild: dpa)

Die Umweltaktivisten von Extinction Rebellion haben eine kalte und nasse Nacht hinter sich. Am vierten Tag setzen sie ihre Proteste aber fort.

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Das Internet und das Smartphone helfen Gailing zufolge bei der Vernetzung auch vor Ort. Jeder müsse dafür "mindestens fünf Apps" auf seinem Handy installieren, worunter der Messenger Telegram eine der wichtigsten sei. Über dortige Kanäle werde ganz offen kommuniziert, was selbst die Polizei gerne auch verfolgen könne: Zur XR-Strategie gehöre es, Daten möglichst zu teilen und Pläne für konkrete Schritte zumindest kurzfristig offenzulegen.

Die XR-Vorgehensweise deckt sich teils mit dem Plädoyer der spanischen Journalistin Marta Peirano, die als neuer Star der kritischen Netzszene auf der iberischen Halbinsel gilt und in ihrem Buch “El enemigo conoce el sistema” (deutsch etwa: "Der Gegner kennt das System") den Einsatz "kommunaler Technologien" für den Klimaschutz predigt. Auch wenn große kollektive Probleme wie die Umweltzerstörung oder die Massenüberwachung verknüpft mit Versuchen der Manipulation und der Kontrolle den Einzelnen schier ohnmächtig erscheinen lassen könnten, seien im Gegenzug "kleine, aus der Gemeinschaft heraus gesteuerte Projekte sehr wichtig".

Entscheidend für das lokale Gegensteuern ist es für die Technologie-Expertin, dass die Bürger die von ihnen genutzten Infrastrukturen verstehen und diese gegebenenfalls selbst wieder reparieren oder aufbauen können. Angesichts heftiger werdender Klimakatastrophen sei dieses Wissen sogar mittlerweile überlebensnotwendig geworden. Als Beispiel dient Peirano der Umgang mit Hurrikans auf Kuba. Dort sei jeder Bewohner verpflichtet, einmal im Jahr an vorbereitenden Übungen teilzunehmen. Dabei werde die gesamte Grundinfrastruktur von den Elektrizitätsleitungen bis zu den Fensterläden überprüft und ein Krisenprotokoll abgearbeitet.




Für die Kommunikation setzen die Kubaner laut der Spanierin bei einem sich abzeichnenden Sturm auf klassischen CB-Funk, da dieser am wenigsten störanfällig sei. Auf der Insel gebe es daher weltweit die meisten Amateurfunker. Insgesamt wisse jede Person genau, welche Rolle sie in dem Szenario zu spielen habe. Demgegenüber sei das vom Hurrikan Maria zerfledderte Puerto Rico lange Zeit eine Kolonie gewesen, sodass sich die Leute dort mit den sie umgebenden kritischen Infrastrukturen gar nicht wirklich auskennten.

Als unklug bezeichnete es Peirano in diesem Sinne auch, dass die IT-Branche die materielle Form der vielgenutzten digitalen Infrastrukturen oft mit Metaphern wie "Cloud" verschleiere. Genauso bedenklich sei es, dass etwa die großen Unterseekabel durch Datenzentren liefen, die nur einem halben Dutzend Konzernen gehörten. So falle es diesen und mit ihnen kooperierenden Netzgrößen leicht, Daten für die Künstliche Intelligenz zu sammeln, "um unsere Bewegungen und Wünsche vorherzusagen". Längst würden Algorithmen so etwa genutzt, um in den USA illegale Einwanderer "zu jagen", oder in China für die Unterdrückung der Uiguren. Dazu komme im Reich der Mitte ein Bewertungssystem für gesellschaftlichen Kredit, mit dem Peking "Menschen für den Staat nützlicher" machen wolle.

Von Herausforderungen, den Klimaschutz ernsthaft zu praktizieren, berichtete Nikki Maksimovic von der Suchmaschinenfirma Ecosia auf der Tagung. Diese sei inzwischen in eine Stiftung umgewandelt worden und spende 80 Prozent ihrer Überschüsse für Aufforstungsprojekte. Mit diesen Mitteln habe man bereits über 70 Millionen Bäume pflanzen lassen können. Für die Suchfunktion setze Ecosia aber auf eine Partnerschaft mit Bing von Microsoft, deren Dienste "nicht zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie laufen". Die weiteren 20 Prozent der Profite gingen daher in Investments für sauberen Strom. (tiw)