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FOSDEM 2007: Freie Software-Universität stößt an ihre Grenzen

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Zum siebten Mal fand am Wochenende in der belgischen Hauptstadt das Free and Open Source Developers Meeting FOSDEM statt, eine kostenlose Konferenz mit spartanischer Infrastruktur in den Räumen der Freien Universität Brüssel. Nach vorsichtigen Schätzungen des Veranstalters trafen sich rund 3000 Entwickler auf dem hässlichen Campus Solbosch, um in eineinhalb Tagen 204 Vorträgen zuzuhören.

Mit Novell, Sun und Google waren erstmals drei Firmen als "Cornerstone Sponsors" dabei, die die FOSDEM vor allem nutzten, um fähige Entwickler zu finden und einzustellen. Sun feierte obendrein seinen 25. Geburtstag mit einer größeren Geldspende an die Free Software Foundation und darf als Corporate Partner das Gnu im Logo führen. Erstmals seit vielen Jahren hielt FSF-Guru Richard Stallman keine Keynote mit anschließender Teppich-Verleihung: Sein Platz wurde sehr gut von Jim Gettys ausgefüllt, dem Entwicklungschef des One-Laptop-per-Child-Projekts (OLPC). Gettys (Video) machte deutlich, dass das OLPC-Projekt ohne Open Source ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre. Vom LinuxBIOS (vom BIOS-Guru Ron Minnich in einem sehr interessanten Vortrag später selbst vorgestellt) über das Betriebssystem Fedora, die Oberfläche Sugar und darauf aufbauenden Anwendungen darf beim inzwischen zirka 200 US-Dollar teuren XO-Laptop nichts proprietär sein. "Mit einem Linux-BIOS können die Kinder lernen, wie ein Computer wirklich arbeitet", versuchte Gettys das Credo hinter dem OLPC-Projekt zu verdeutlichen.

Zu Gettys mit großem Beifall begleiteter Dankesrede an die Entwickler gesellte sich die Bitte, beim Projekt vor allem bei der Lokalisation des Laptops mitzuhelfen. Wenn man dazu keine Zeit habe, sollte man wenigsten beim täglichen Programmieren von Open Source darauf achten, sparsam mit dem Arbeitsspeicher umzugehen, so Gettys: "Der Kampf gegen verfettete Software ist das dramatische Thema unserer Zeit." Zu Beginn des Vortrages stürzte übrigens Gettys Ubuntu-Laptop ab, seine Präsentation wurde auf einen Mac kopiert und unter NeoOffice aufgerufen. Da waren die mitgebrachten XO-Laptops schon härter im Nehmen: Wo immer sie auf der FOSDEM aufgeklappt wurden, bildeten sich Trauben von Geeks, die auch einmal auf der Gummitastatur in Spectrum-Nostalgie schwelgen wollten.

Als die FOSDEM unter dem Namen OSDEM vor sieben Jahren zum ersten Mal in Brüssel stattfand, hatte die Veranstaltung ein schlichtes Konzept: gemeinsam hörte man sich zwei Keynotes an, dann ging es in einen kleineren Hörsaal, in dem OS-Projekte ihr eigenes Tagungsprogramm durchzogen. Im ersten Jahr war die Auswahl auf drei Tracks beschränkt: Gentoo, KDE und Gnome. In diesem Jahr waren es dreizehn Unterkonferenzen mit ganztägigem Programm, nicht gerechnet die Lightning Talks und Vorträge von Wissenschaftlern, die über die Open Source-Bewegung forschen. Einige dieser Unterkonferenzen waren sehr frei gehalten, viele aber straff durchorganisiert. So zogen die Gnome-Entwickler ihre Veranstaltung im Stil einer Mini-GUADEC durch, während man im Debian-Lager mehr die kommende DebConf in Edinburgh vorbereitete und den Launch eines Community-Angebotes feierte.

Damit stößt die FOSDEM an ihre Grenzen, nicht zuletzt bei den Organisatoren. Sie führen die gesamte Veranstaltung auf freiwilliger Basis durch und sind auf ebenso freiwillige Geldspenden der anreisenden Entwickler angewiesen – die dann in einer Verlosung mit Buch-Paketen, Nokia-Tablets und Sun-Hardware belohnt werden. Auch die Besucher erfahren entsprechende Grenzen, wenn es darum geht, sich einen echten Überblick zu verschaffen. Oder, um im Programmierer-Slang zu bleiben, müsste es parallel zum prallvollen Pentabarfsystem ein Konferenz-Babl geben, das ähnlich wie das in Brüssel vorgestellte Grafik-Babl einen Filter für alle Angebote bereithält.

So bleibt es nur bei einigen abschließenden Impressionen des Berichterstatters: Es gibt in der Szene, im Gegensatz zu früheren FOSDEMs, nicht nur die Fundamentalopposition gegen jegliche Software-Patente, sondern auch Bemühungen, mit der Kampagne für ethische Patente eine differenzierte Opposition aufzubauen. Zahlreiche Wortmeldungen nach dem Beitrag des Ethipat-Gründers Pieter Hintjens (Video) meldeten jedoch Zweifel darüber an, dass Patente in gute und böse Patente unterteilt werden können.

Der Second-Life-Virus hat auch die freien Entwickler befallen. Besonders begeistert von Second Life zeigte sich Miguel de Icaza, der Gründer des Mono-Projekts, der heute bei Novell zu den Chefentwicklern zählt. Er feierte Second Life als die größte menschliche Programmieranstrengung, in der jährlich 650 Millionen Mannjahre Entwicklung gesteckt würden. Auf Basis von MOMA, des Mono Migration Analysis Tool, ist man bei Novell dabei, einen CIL-Compiler zu entwickeln, der wesentlich schneller und effektiver als die Linden Labs Scripting Language (LSL) arbeitet. Bei seinem Vortrag kämpfte Icaza mit einem für ihn sichtlich ungewohnten Mac-Laptop und schaffte es nicht, ein mit Novell-Tools entwickeltes Spiel namens Global Conflicts: Palestine zu starten.

Langhaarige männliche Entwickler in T-Shirts bildeten die Mehrzahl der Teilnehmer, gefolgt von kurzhaarigen Entwicklern in T-Shirts, die etwas umfangreicher gebaut waren. Zwei Entwickler in Maßanzügen fielen darum richtig auf. Sie entpuppten sich als russische Programmierer, die maßgeblichen Anteil daran haben, dass das stotternde ReactOS-Projekt wieder in Schwung gekommen ist. Nach Ansicht von Alexej Bragin, der einen Vortrag mit anschließender praktischer Demonstration hielt, ist ReactOS ein Äquivalent zum OLPC-Projekt und sorgt dafür, das in armen Ländern ein lizenzfreies Windows-kompatibles Betriebssystem für Forschung und Entwicklung zur Verfügung stehen wird. (Detlef Borchers) / (pmz)

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