FOSDEM Debatte: Ist die Definition von Open Source noch zeitgemäß?

Wir haben gewonnen. Und jetzt? Eine Podiumsdiskussion erläutert, ob die Bestimmungen freier Software noch ausreichen oder eine Überarbeitung verlangen.

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(Bild: heise online / David Wolski)

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Niemand hat Zweifel daran, dass die bisherige Geschichte der Open-Source-Entwicklung eine monumentale Erfolgsgeschichte ist. Ein erheblicher Teil der derzeit weltweit verwendeten Software kann als Open-Source-Software bezeichnet werden. Die FOSDEM 20 ließ auf der Bühne ausgewählte, illustre Entwickler, Community-Manager, Aktivisten und Anwälte diskutieren, ob die bisherige Definition von Open Source im Schatten dieses Triumphs überhaupt noch relevant ist.

Die Anwälte Amanda Brock, Andrew Katz und Luis Villa, der Community-Manager Matt Jarvis und Neil McGovern, der geschäftsführende Direktor der Gnome Foundation, präsentierten Argumente, die für und wider eine Änderung der bisherigen Definition stehen, was Open Source ist und welche Freiheiten damit verbunden sein sollen. Die Prämisse ist, das Open Source nun Mainstream ist und sich kommerzielle Unternehmen oder Behörden genauso dieser Software bedienen wie Forschung, Lehre und individuelle Anwender. Für die maßgeblichen Lizenzen sind alle Anwender gleich – für einige der Diskussionsteilnehmer nicht. Während der Diskussion wurde schnell klar, dass es keinen Konsens für wesentliche Änderungen an der bisherigen Definition gibt.

Open-Source-Konferenz FOSDEM 2020

Vor 30 Jahren nahm eine Idee Gestalt an, die als Grundstein freier Software gilt: Richard M. Stallman veröffentlichte 1985 in der März-Ausgabe des Computermagazins Dr. Dobb’s Journal eine Streitschrift mit dem Namen "GNU-Manifest", die einen ideologischen, aber auch praktischen Unterbau freier Software formulierte. Stallmann war bis dahin ein Doktorand im Labor für künstliche Intelligenz am MIT und bereits durch seine Softwareprojekte wie den Editor Emacs kein Unbekannter in der UNIX-Szene. Diese war ab 1982 einer schleichenden Kommerzialisierung ausgesetzt. Das einhergehende Problem proprietärer Software und der UNIX-Versionen waren im akademischen Bereich nicht die Anschaffungskosten, sondern die lizenzrechtlichen Einschränkungen. Aus den Punkten des GNU-Manifests entstand 1989 die erste Fassung der GNU General Public License (GNU GPL), die 1991 und zuletzt 2007 mit der GNU GPL Version 3 eine Aktualisierung bekam.

Unter den Open-Source-Lizenzen ist die GNU GPL die bekannteste geworden, zumal die Free Software Foundation als Hüterin dieser Lizenz und des GNU-Projekts immer wieder als polemischer Kommentator des IT-Business auffällt. Es war auch die GNU GPL, welche zuerst die vier Freiheiten festlegte, die Open-Source-Software gewähren muss, um als solche zu gelten. Dies sind die Freiheiten, das Programm für jeden Zweck verwenden zu dürfen, dessen Quellcode zu untersuchen und anzupassen, die Erlaubnis zur Weitergabe des Programms und die Veröffentlichung des Quellcodes. Nur wenn eine Lizenz alle diese Freiheiten gewährt, kann die Software und die angewandte Lizenz nach der bisherigen Definition als Open Source gelten.

Keine tumultartigen Szenen: Weitgehend einig waren sich die Teilnehmer in einer Podiumsdiskussion darüber, dass die Definition von Open-Source-Software und deren vier Freiheitsdimensionen noch zeitgemäß ist.

(Bild: FOSDEM)

Einige Diskussionsteilnehmer betonten, dass sie auf der Bühne bisweilen den Advocatus Diaboli spielten, um auch Argumente vorzubringen, die der eigenen Einstellungen widersprechen. Luis Villa vertrat dagegen recht eindeutig die These, dass den vier Freiheiten die Dimension einer Ethik fehlt, die klarer einschränken sollte, für welchen Zweck eine Software zum Einsatz kommt. Für Unternehmen und Behörden, deren Ziele illegal sind, oder deren Haltung nicht in den politischen Zeitgeist passt, sollte Open Source mit möglichen Einschränkungen versehen sein. Matt Jarvis argumentierte dagegen, dass sich die vier Freiheiten sehr gut bewährt haben und der Nukleus einer wachsenden Open-Source-Community waren. Es gelte, dieses Konzept auf weitere Anwendungsbereiche auszudehnen, anstatt zu ändern.

Auch Andrew Katz vertrat die Ansicht, dass die existierende Definition von Open Source weiterhin relevant ist und der anhaltende Erfolg genau dafür ein Indiz ist. Der Direktor der GNOME Foundation, Neil McGovern, warf ein, dass die gewährten Freiheiten von Open-Source-Software doch eher theoretischer Natur sind. Denn die Möglichkeiten von Firmen und Individuen, jemanden zu finden, der freie Software weiterentwickelt oder anpasst, sind in der Realität doch begrenzt.

Amanda Brock argumentierte aus dem Blickwinkel einer Rechtshistorikerin, die Wortwahl und Statuten der Open-Source-Lizenzen seien wohlüberlegt und nach einem langwierigen Prozess formuliert worden. Sollten Entwickler oder Communities Änderungen der bewährten Lizenzen in Betracht ziehen, so gelte es, jedes Wort der Open-Source-Definition auf die Goldwaage zu legen und die Formulierung von damals zu diskutieren. Dies sei eine Aufgabenstellung für jene Entwicklergeneration, die in eine bereits bestehende GNU GPL hineingewachsen ist und nun aus politischen Gründen mit Änderungen und Einschränkungen kokettiert.

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Die anschließende Fragerunde zeigte noch eine ganz praktische Hürde auf, selbst wenn sich in Zukunft eine Mehrheit für eingeschränkte Freiheitsdimensionen von Open Source fände: Wer soll überwachen und protokollieren, für wen oder für welche Unternehmen die vier Freiheiten nicht mehr gelten? Die Frage allein dürfte nahezu jede lebhafte Open-Source-Community tief spalten und Streitigkeiten entfesseln, die eine weitere Arbeit unmöglich machen. (tiw)