FOSDEM: Die Cloud als Bedrohung für Freie Software

Nextcloud-Gründer Frank Karlitschek versucht auf der FOSDEM die Bedrohung durch Cloud-Provider zu relativieren: Die GPL sei gut für Firmen.

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Nextcloud-Gründer Frank Karlitschek auf der FOSDEM: Eher Werbung für das eigene Geschäftsmodell als die Geschäftstauglichkeit der GPL

(Bild: Fabian A. Scherschel )

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Auf der Open-Source-Konferenz FOSDEM in Brüssel gab ownCloud- und Nextcloud-Gründer Frank Karlitschek sich viel Mühe, Werbung für die GPL zu machen. In seinem Vortrag "Warum die GPL großartig fürs Business ist" zählte er viele Gründe auf, warum freie Software Firmenchefs, Software-Entwickler und Kunden glücklich macht. Das Business Model von Red Hat, SUSE und seiner eigenen Firma Nextcloud, also Wartungsverträge für unter der GNU General Public License (GNU GPL oder kurz GPL) stehender Software zu verkaufen, funktioniere sehr gut. Der große wirtschaftliche Erfolg von Red Hat sei das beste Beispiel dafür.

Open-Source-Konferenz FOSDEM 2020

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Aber warum hielt Karlitschek gerade jetzt einen Vortrag zu den Vorzügen der GPL? Der Grund ist die Sinnkrise, in der einige Open-Source-Denker gerade stecken. Nachdem Firmen wie Redis und MongoDB ihre Lizenzen angepasst hatten – also ihre Software "ganz klar proprietär" gemacht hätten, sagt Karlitschek – steht die Frage im Raum, ob das Support-Modell für Open-Source-Software noch erfolgreich genug für Firmen ist, die kleiner sind als Red Hat. Als die große Bedrohung, das sagt auch Karlitschek, werden Cloud-Provider wie Amazon angesehen. Denn die können fertige Open-Source-Software forken, unter ihrem eigenen Namen vertreiben und selbst technische Unterstützung dafür anbieten.

Das hebelt das Business Model von Firmen wie Red Hat aus, da große Cloud-Provider einfach eigenen Support für die Software anbieten. Ihre Kunden bekommen dann dieselbe Software und vergleichbare technische Unterstützung wie bei der Support-Firma als Teil ihres Vertrages mit dem Cloud-Provider – dem Supporter geht so der Kunde durch die Lappen. Karlitschek sagt, dass dieses Problem immer dringlicher wird, da die Cloud-Transformation dafür sorgt, dass immer weniger Firmen ihre eigene Hardware betreiben.

Firmen wie Redis und MongoDB wollen mit ihren Lizenzänderungen gegen die Cloud-Provider vorgehen. Indem sie denen allerdings verbieten, ihre Software zu hosten, schränken sie die Freiheiten aller Nutzer ein. Das widerspricht sowohl Stallmans vier Freiheiten der freien Software (wie sie durch die Free Software Foundation, FSF, vetreten werden), als auch der Open-Source-Definition der Open Source Initiative (OSI). Befürworter dieser Firmen sagen, sie wollen damit das Strip Mining ihrer Projekte verhindern – womit ein systematisches Kopieren von über Jahren mühsam entwickeltem Programmcode gemeint ist, ohne dafür Code oder finanziellen Gegenwert zurückzugeben. Nach diesem Argument nutzen die Cloud-Provider sie aus und nehmen ihnen die finanzielle Grundlage ihres Business.

Karlitschek ist der Meinung, dass dieser Versuch, das Open-Source-Business zu retten, darauf hinausläuft, "Open Source dadurch zu retten, dass man es tötet". Denn die resultierende Software sei ja schließlich nicht mehr Open Source. Jedenfalls nicht im Sinne von FSF oder OSI. Er sehe keinen Grund, als Reaktion auf die Cloud-Provider die eigene Software proprietär zu machen. GPL und AGPL würden gut funktionieren. Laut Karlitschek erzeugt die GPL bessere Communitys, macht Entwickler und Kunden glücklich und ermöglicht das sehr erfolgreiche Upstream/Downstream- Modell der Linux-Distributionen und anderer Software. Hier würde ein Ökosystem erschaffen, in dem alle Teilhaber gleich seien.

Der Erfolg von Firmen wie Red Hat würde beweisen, dass die GPL funktioniert. Auch seine eigene Firma Nextcloud sei so erfolgreich. Die Open-Core-Experimente, die er früher bei ownCloud miterlebt habe, sein hingegen für alle Seiten (Kunden, Entwickler, Firmenchefs, Community) von Nachteil gewesen. Seiner Meinung nach sei die Cloud keine Bedrohung für die Gemeinschaft der Open-Source-Entwickler, sondern für Venture-Capitalist-Investoren. Deren Business Model sei gefährdet, nicht das der Support-Firmen, die auf die GPL setzen.

Was Karlitschek allerdings in seinem Vortrag auf der FOSDEM-Konferenz und auch auf eine ziemlich direkte Publikumsfrage in dieser Richtung hin nicht erwähnt, ist, dass seine Firma ein denkbar schlechtes Beispiel für ein Unternehmen ist, das sich einer Bedrohung durch Amazon & Co. ausgesetzt sieht. Denn Nextcloud ist Private-Cloud-Software. Die Zielgruppe für diese Software sind Privatnutzer und Firmen, die ihre Daten gerade nicht in die großen Clouds von Amazon, Microsoft und Google geben wollen. Natürlich könnte eine dieser Firmen Karlitscheks Software kopieren, selbst hosten und dann den eigenen Kunden anbieten – aber diese Kunden wollen ihre Daten ja selbst hosten.

Und auch Red Hat, nicht nur in Karlitscheks Vortrag immer wieder als strahlendes Beispiel des GPL-Support-Business angeführt, ist wohl die letzte Firma, die durch die großen Cloud-Provider bedroht ist. Einfach weil Red Hat um mehrere Größenordnungen mehr Geld verdient als alle anderen Firmen mit diesem Business Model. Solang es noch Kunden mit eigener Hardware gibt, wird Red Hat einen Fuß in der Tür haben, auch wenn irgendwann das Wachstum dieses Marktes stark nachlassen könnte – ein Trend, dem Red Hat selbst mit einer verstärkten Ausrichtung auf das Cloud-Geschäft entgegenwirken zu wollen scheint.

Auf die Frage, wie sich kleinere Firmen wie MongoDB konkret mittels der GPL gegen Amazons Übergriffe auf ihre Marktnische hätte wehren sollen, bietet Karlitscheks Vortrag keine Antwort. Wenn überhaupt, dann ist das Fazit, das man hier ziehen muss: Entweder ihr sucht euch eine Nische, die mit dem Business der Cloud-Giganten fundamental inkompatibel ist, oder werdet so groß wie Red Hat. Und am besten wohl beides. (fab)