FOSDEM: Die Container-Revolution ist der Alptraum der Unix-Graubärte

Red-Hat-Visionär und Container-Experte Daniel Riek sagt auf der FOSDEM eine Graubart-Revolte "schlimmer als bei Systemd" voraus.

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"Graubärte bekämpfen Balrogs, hassen Systemd und forken Linux-Distributionen" – Daniel Riek bei seinem FOSDEM-Vortrag

(Bild: Fabian A. Scherschel )

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In seinem Vortrag auf der Open-Source-Konferenz FOSDEM in Brüssel hat Red-Hat-Container-Experte Daniel Riek die Entwicklung von Unix und Linux als Computing-Plattform zusammengefasst: Eine Entwicklung von Mainframes über klassische Linux-Distributionen auf Bare Metal bis hin zu virtuellen Maschinen... und nun schließlich die anhaltende Container-Revolution. Dabei sagte er für die nahe Zukunft eine schmerzhafte Zeit für Verfechter der alten Unix-Schule voraus: "Dieses Container-Zeugs wird schlimmer als Systemd, was bevorstehende Forks und die Akzeptanz der Graubärte angeht."

Open-Source-Konferenz FOSDEM 2020

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Riek sollte wissen, wovon er spricht. Er leitete mehrere Jahre die Abteilung bei Red Hat, die für die Integration und den Zusammenhang der verschiedenen Software-Komponenten der Sever-Strategie des Unternehmens zuständig ist. Dabei arbeitete er nach eigenen Angaben seit 2013 daran, Red Hat Enterprise Linux (RHEL) fit für die schöne neue Welt der Container zu machen. Außerdem war er maßgeblich an der Einführung der Atomic-Host-Strategie des Unternehmens beteiligt. Seit Ende 2017 arbeitet er im Büro des CTO an Visionen für den Einsatz von Red Hats OpenShift- und Kubernetes-Plattformen im Bereich KI und Machine Learning.

Die Container-Revolution, so schmerzhaft sie auch für die graubärtigen Alt-Admins sein mag, sei der einzig richtige Schritt für Linux, um mit der zunehmenden Komplexität von Software-Stacks aller Art schrittzuhalten, so Riek. Da in unserem Leben mittlerweile alles von Software abhänge, werde Software immer wichtiger. Was dazu führe, dass immer mehr Firmen ins Geschäft der Software-Entwicklung oder der Software-Dienstleistungen einsteigen. Ermöglicht werde das auch durch die Transformation des Marktes weg von eigener Hardware und hin zur Cloud. Viele Firmen wollen eigene Software entwickeln, können es sich aber zunehmend nicht mehr leisten, Experten für jede Ebene des eigenen Stacks – vom Linux-Kernel bis hinauf zum Application Framework – zu beschäftigen.

"Deswegen gehen Leute in die Cloud", so Riek. Man müsse nur noch Experte auf dem eigenen Fachgebiet sein, der Rest des Stacks werde vom Cloud-Provider – ob in der Public Cloud Amazon oder in der Private oder Hybrid Cloud Red Hat – zur Verfügung gestellt. Das ändere wiederum, wie Anwender die Software an sich wahrnehmen. In der Cloud sei die eigene Linux-Installation nicht mehr das Haustier, um das man sich liebevoll kümmere. "Wir haben jetzt eher Linux-Distributionen as a service", sagt Riek. Um diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden und trotzdem zeitnah Feature- und Sicherheits-Updates für die im Einsatz befindlichen Software-Stacks zu liefern, seien Container unausweichlich.

Linux-Admins könnten sich nicht mehr mit der Dependency-Hölle rumschlagen oder ihre VMs liebevoll pflegen. Die Zukunft gehört den Containern, sagt Riek. Er erklärt das so: Software, die in unveränderlichen Atomic-Installationen in Container verpackt wird, muss nicht mehr gewartet werden. Wenn sich etwas ändert, gibt es einfach einen neuen Container von der Firma, deren Dienste man abonniert hat. Unterschiedliche Teile des Stacks werden alle in ihre eigenen Container verpackt und mit Programmen wie Kubernetes verwaltet. Riek sieht Kubernetes als "eine Art Systemd für Cluster": Ganz viele kleine Linux-Installationen in Containern, die alle zusammen in einer Art großem Meta-Linux laufen und zusammen den ganzen Software-Stack bilden. Wobei jeder einzelne Container beliebig austauschbar ist.

"Auf diese Art lösen Container das Problem komplexer Stacks", sagt Riek am Ende seines FOSDEM-Vortrags. Ein offenes System, bei dem völlig egal ist, auf welcher Hardware es läuft. Für Riek und seine Red-Hat-Kollegen ist diese schöne neue Welt bereits alltäglich. Trotzdem ist es irgendwie nicht verwunderlich, dass alteingesessenen Debian- oder Slackware-Graubärten dabei etwas der Kopf schwimmt. (fab)