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FOSDEM: Entwicklergemeinde gegen Patente

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Das vierte FOSDEM, das "Free and Open Source Developers' European Meeting", das an diesem Wochenende in Brüssel stattfindet, ist im Vergleich zum Vorjahr mit ca. 2300 Teilnehmern wieder erheblich gewachsen. Überfüllte Vorlesungsräume an der Freien Universität Brüssel, in denen über 400 Hörer selbst die Gänge belegen, um die Neuheiten im Linux-Kernel 2.6 zu erfahren oder Hans Reisers Erklärungen über Dateisysteme zu folgen, zeigen die Grenzen der von Freiwilligen organisierten, kostenlosen Veranstaltung auf. Geht der Trend weiter, müssen die Vorträge ins Audimax der Uni wandern, das 800 bis 1000 Personen Platz bietet.

Diese Halle füllte sich fast bis auf den letzten Platz, als Tim O'Reilly -- mit seinem Verlag der wichtigste Geldgeber der Konferenz -- und Richard Stallman als Ideengeber die Konferenz eröffneten. O'Reilly präsentierte eine Modifikation seines Standard-Vortrages der letzten Jahre, in dem er die von ihm proklamierte Rolle der Alpha-Geeks relativiert. Er forderte die Entwicklergemeinde auf, sich beim Engagement in Open-Source-Projekten wie in der geschlossenen kommerziellen Software-Entwicklung darüber bewusst zu sein, dass Datenformate offen bleiben müssen. "Die Offenheit von Datenformaten ist wichtiger als die Verfügbarkeit des Quellcodes in diesem oder jenem Projekt", mahnte O'Reilly an. "Firmen geben viel mit Open Software an, geben aber der Gemeinschaft zu wenig zurück, wenn sie ein paar Skripte veröffentlichen und die Daten zurückhalten, die sie einsammeln." Als Beispiel nannte O'Reilly den Buchhändler Amazon, der mit den Leser-Kommentaren ein großes offenes Projekt gestartet hat, eben diese angesammelten Kommentare aber nicht im Sinne einer freien Enzyklopädie begreift. "Programmiert wiederverwertbare Komponenten, haltet die Daten offen, beugt euch keinem patentierten proprietären Datenformat und sorgt vor allem für Überraschungen und clevere Ideen", gab O'Reilly den Entwicklern mit auf den Weg.

Besonders bei den populär werdenden Web-Services sei die Gefahr groß, dass Entwickler das Gespür für die Situation verlieren. Seine Thesen wurden nicht diskutiert, da unmittelbar Richard Stallmans Standard-Vortrag zur Geschichte der freien Software und zu den vier Stufen der Freiheiten freier Software mit abschließender Darstellung des St. IGNUcius anstand. Stallman war auch am Abend des ersten Tages aktiv, als nach dem Absingen seiner Hacker-Hymne die jährliche Verleihung des Free Software Awards in Gestalt eines mehr oder minder geschmackvollen GNU-Wandteppichs an Alan Cox anstand. Cox, der nicht auf der Konferenz anwesend war, ließ eine Erklärung verlesen, die die Besucher zum Kampf gegen Software-Patente aufforderte.

Traditionell beschickt auf der FOSDEM jede sich meldende Entwickler-Gruppe einen eigenen Vortragsraum mit eigener Konferenz. In diesem Jahr stellten KDE, Mozilla, TCL, MySQL, Debian, GNUstep/Open Groupware und Embedded Software die Unterprogramme. Die KDE-Entwickler überließen ihren Raum einer Debatte über Software-Patente, die kontrovers geführt wurde. Einigkeit herrschte unter den Besuchern darüber, dass gegen Software-Patente vorgegangen werden muss. Angesichts der Tatsache, dass momentan die zuständige EU-Kommission gegenüber Patenten positiv eingestellt ist, das EU-Parlament jedoch zu Einschränkungen bei der Patentierung von Software neigt, stellte der Förderverein für eine Freie Informationelle Infrastruktur (FFII) seine Aktionspläne vor, die in einer erneuten Demonstration samt Konferenz gipfeln. Er wurde jedoch kritisiert, die Patent-Frage zu eng in technischen und juristischen Begriffen anzugehen: "Was mit den Patenten passiert, ist eine politische Frage, eine Machtfrage, eine Frage der Lobbyarbeit der großen Konzerne hier in Brüssel. Sie spielen gekonnt mit dem Angst-Szenario, dass Europa hinter Amerika und Japan zurückfällt, wenn es seine Software nicht patentiert", erklärte ein Teilnehmer.

Ein sehr enger Zeitplan in Verbund mit großem Gedränge am Ende der jeweiligen Vorträge ließ generell die Debattenlust auf der FOSDEM etwas ermatten. Die Veranstalter reagierten, indem sie Trendthemen wie ein behindertengerechtes KDE (KDE Acessibility Project) oder Gnome (Gnome Onscreen Keyboard) gleich an beiden Tagen laufen ließen. Das reichte jedoch nicht aus, weil dafür andere Vorträge hoffnungslos überlaufen waren.

Geduldig ertrugen alle Teilnehmer die Hindernisse der freien Konferenz. Frei im Sinne von Freibier war die FOSDEM freilich nicht, im Gegenteil. Erstmals wurde auf den Abendveranstaltungen ein kräftig erhöhter Preis für das Bier genommen, von dem jeweils 2 Euro in die Konferenzkasse flossen. "Trinkt uns reich", witzelten die Veranstalter, ein Ad-hoc-Zusammenschluss lokaler Open-Source-Gruppen. Der Basar ist voll und wird im nächsten Jahr erweitert werden müssen. (Detlef Borchers) / (Detlef Borchers) / (bo)

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