FOSDEM: Microsoft aushebeln, aber richtig

Die Entwickler von freier und quelloffener Software professionalisieren sich, im guten wie im schlechten Sinne.

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Von
  • Detlef Borchers

Die Entwickler von freier und quelloffener Software professionalisieren sich, im guten wie im schlechten Sinne. Auf den zahlreichen Vorträgen und Workshops der FOSDEM in Brüssel herrschte eine gelassene, aufmerksame Atmosphäre, in der niemand beweisen musste, das Ei des Kolumbus gepellt zu haben. Deutlich wurde dies am Abend des ersten Tages, als Kongressteilnehmer in einer Podiumsdiskussion zur Rolle der Free Software Foundation sich ein professionelleres Gebahren der Organisation wünschten. Organisiert euch doch selber, war die gelassene Antwort von Europa-Präsident Georg Greve, der auf die prekäre Spendenlage der FSF verwies. Zum Abschluss des Tages verlieh die Organisation den 4. FSF Award an Guido van Rossum für die Entwicklung der Programmiersprache Python. Van Rossum lag in der Wahl vor Peter Deutsch (GNU Ghostscript) und Andrew Tridgell (Samba).

Der zweite Tag der Entwicklerkonferenz brachte eine bunte Mischung von Referaten, in denen die universitäre Komponente deutlich wurde. So stellte Damien Sandras die Entwicklung seiner Examensarbeit GnomeMeeting vor, Gilles Fedak seine Überlegungen zum Xtreme Web zur Entwicklung von P2P auf dem Weg zu einem Global OS für wissenschaftliche Zwecke, mit dem er in Paris habilitiert. In früher Morgenstunde versuchte Jean-Michel Dalle die noch von ihrer Party verkaterten Entwickler mit einem Überblick zur akademischen Forschung über Open Source aufzumuntern.

"Gebt den Universitäten eine Plattform und sie liefern alles, was man braucht", witzelte Miguel de Icaza in einem Gespräch mit heise online. Icaza, als Sohn von Hochschullehrern auf dem Campus der Universität Mexico aufgewachsen, fühlte sich in Brüssel sichtlich wohl. "Kein Vergleich zu meiner letzten Tagung hier in Europa, der Linuxworld. Hier sind viel mehr Leute bei den Vorträgen, hier gibt es kein Marketing-Blabla, hier hat jeder Ahnung." Fast jeder: Der Ärger über eine sensationsheischende Berichterstattung der Presse ist bei Icaza noch nicht verklungen: "Ich erzähle seit Jahr und Tag, was wir mit Mono vorhaben und unterscheide mich da keinen Deut von Richard (Stallmann). Die Leute sollten meine Erklärungen lesen und keine Schlagzeilen in irgendeinem Newsticker. Als Richard mit seinem Projekt begann, gab es Unix und das gehörte AT&T. Die freie Software fing in einem reichlich unfreien Raum an. Aber Unix-Programmierer schufen dann freie Software. Nicht anders sieht es bei .NET aus. Wir müssen das erfolgreiche Unix-Modell auf .NET übertragen und die Architektur-Vorgabe von Microsoft für uns nutzbar machen. Wenn es klappt, kann jeder Programmierer in jeder Sprache freie Software entwickeln. Wir können Microsoft aushebeln und von Microsoft-Training, von der Microsoft-Dokumentation für .NET profitieren." Zumindest im letzten Punkt erntete Icaza Widerspruch von Richard Stallmann, der sonst zu keiner Stellungnahme zu bewegen war: "Freie Software muss auch das Umfeld beachten. Freie Software muss eine freie Dokumentation haben. Es geht nicht an, Handbücher zu benutzen, deren erste Seiten voller Verbote stecken," erklärte Stallmann gegenüber heise online.

In seinem überlaufenem, technisch gehaltenen FOSDEM-Vortrag fasste de Icaza den Stand der Mono-Entwicklung unter dem Stichwort "Leverage Microsoft: Develop on Windows, deploy on Linux" zusammen. Dabei berührte Icaza auch den kritischen Punkt der Mono-Strategie: "Bis heute ist Microsoft mit seinen .NET-Plänen bemerkenswert offen. Aber sie können die Strategie ändern und mit Patenten arbeiten. Darauf müssen wir eine Antwort parat haben. Amputieren, vom Standard abweichen oder die Patente umgehen, dass ist die Frage der Zukunft." In diesem Punkt trafen sich die Überlegungen von Icaza mit der Patent-Frage, die in etlichen Vorträgen der FOSDEM besprochen wurde. So versuchte sich Philippe Aigrin, Opensource-Experte bei der Europäische Kommission, an einem Überblick zum Stand der Patentierbarkeit von Software in den europäischen Ländern, der von einer Podiumsdiskussion begleitet wurde. Die FSF organisierte während der laufenden Konferenz ein zusätzliches Treffen zur Patentfrage. Tenor beider Veranstaltungen: Wer sich für freie und quelloffene Software einsetzt, muss Druck auf seine Regierung, seine Abgeordneten machen, in dieser Frage nicht der Industrie nachzugeben.

Obwohl alle Referenten auf eigene Kosten nach Brüssel reisten, hielt sich die Zahl der Absagen beim offiziellen Programm in Grenzen. Absagen kamen vom Freenet-Guru Ian Clarke, der sich für die zeitgleich in den USA stattfindende Codecon entschied und, in allerletzter Minute, von Richard Morell vom Smoothwall-Projekt. Spartanische Verpflegung, leicht chaotische Raumverteilungen über den gesamten Campus und ein vorbildlich tyrannischer Hausmeister mit seinem deutschem Schäferhund konnten nicht verhindern, dass die zweite FOSDEM von allen Besuchern als Erfolg betrachtet wurde. Auch die im Umfeld der FOSDEM gestartete Petition für den Einsatz von freier und quelloffener Software in Belgien konnte Erfolge zählen. Etwa 60 Unterschriftenlisten wurden am Stand der FOSDEM-Organisatoren abgegeben. Die nächste Veranstaltung in dieser Reihe findet an der Freien Universität Brüssel bereits am kommenden Mittwoch statt, wenn Opensource-Evangelist Bruce Perens, der italienische Rechtsanwalt Andrea Monti und der Informatikprofessor Roberto di Cosmo auf einer Konferenz antreten. Der Titel der Veranstaltung ist Programm: "Freie Rechner und offene Software als Grundlage für Freiheit und Demokratie". (Detlef Borchers) / (jk)