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FaceApp-Hype: Großer Spaß – oder großes Sicherheitsrisiko?

FaceApp lässt Millionen Gesichter altern. Doch die Fotomanipulations-App sorgt auch für Beunruhigung: Stellt die russische App gar ein nationales Risiko dar?

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FaceApp macht jünger, älter, schöner.

(Bild: FaceApp )

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Plötzlich wollen alle Greise sein. Alte Gesichter fluten die sozialen Medien, tiefe Falten, graue Haare, müde Blicke. Schuld daran ist FaceApp, eine Mobil-App, die derzeit viral geht und aus jungen Gesichtern alte macht; und aus alten junge. Außerdem kann die App Frisuren und das Geschlecht ändern – und noch viele andere spaßige Dinge mit Gesichtern anstellen.

Ein Blick in die Nutzungsbedingungen verdirbt den Spaß dann allerdings schnell: Dort nimmt sich die Firma hinter FaceApp umfangreiche Rechte heraus, etwa die Fotos auch für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Kritiker monieren zudem, dass die Nutzungsbedingungen nicht DSGVO-konform seien. Immerhin: FaceApp beteuert, dass es keine Nutzerdaten an Dritte verkauft. Datenschutzexperten raten dennoch von der Nutzung der App ab. Die US-Demokraten wittern gar ein "nationales Sicherheitsrisiko sowie eine Gefahr für Millionen US-Bürger". Der Fraktionschef der Demokraten im US-Senat, Chuck Schumer, forderte das FBI und die Verbraucherschutzbehörde FTC deshalb auf, sich die App genauer anzugucken.

Brandneu ist die FaceApp aber nicht, die gibt es bereits seit 2017 für iOS und Android. Derzeit erobert sie abermals die Bestenlisten in den App-Stores – und die sozialen Medien füllen sich mit FaceApp-Bildern. Auch viele Promis machen mit, lassen sich künstlich altern. Genau das dürfte andere Nutzer begeistern und ein neuer Hype ist geboren. Hashtag: FaceAppChallenge. Vieles in der App ist gratis, einige Zusatzfunktionen kosten Geld. Die Pro-Version ohne Werbung kostet einmalig 44 Euro oder 4 Euro im Monat oder 20 Euro im Jahresabo. Die Ergebnisse, die FaceApp liefert, sind bisweilen erstaunlich gut, die Manipulation ist erst auf den zweiten, dritten Blick zu erkennen.

Plötzlich 65: FaceApp lässt Gesichter ratzfatz altern.

(Bild: Daniel Berger/FaceApp)

Wie geht das? Die App durchsucht auf dem Mobilgerät zunächst die Bildergalerie des Nutzers und sucht Porträtfotos. (Dazu erfragt FaceApp die nötige Berechtigung.) Im nächsten Schritt sucht der Nutzer ein gelungenes Selfie aus, um es mit der App zu bearbeiten. Die Bilddatei wird auf die Server von FaceApp geladen, um die Filter auf die Fotos anzuwenden. Künstliche Intelligenz verändert die Gesichter meisterhaft, macht sie alt oder jung, fügt Brillen oder Makeup hinzu. Die massenhaften Daten dürfte die KI weiter trainieren und verbessern.

Was die App im Hintergrund genau macht, hat Sicherheitsforscher Will Strafach überprüft: "Mittels Netzwerk-Traffic-Analysetool habe ich versucht herauszufinden, ob FaceApp die komplette Bilder-Galerie auf Server lädt", schreibt Strafach in einem Tweet. "Ich konnte aber keine solche Aktivitäten feststellen." Allerdings lade die App einzelne Bilder hoch, eben jene, die bearbeitet werden sollen. "Offensichtlich ist das nicht und ich glaube, viele Leute werden das nicht so toll finden."

Eigentlich könnte die Verarbeitung der Bilder auch lokal auf dem Mobilgerät passieren. In einem Interview mit Forbes erklärte Yaroslav Goncharov – der Chef der Firma, die FaceApp herstellt –, dass die Bilddateien auf den Servern gespeichert würden, um Traffic zu sparen, wenn mehrere Filter angewendet werden. Die Nutzer sollen nicht dieselbe Datei mehrfach hochladen müssen. Zudem sei die Performance in der Cloud besser. Die Dateien würden nach der Bearbeitung gelöscht, versicherte Goncharov, der zuvor bei Yandex gearbeitet hat.

FaceApp nimmt außerdem Löschanfragen von Nutzern entgegen und entfernt dann sämtliche persönliche Daten von den Servern. Nur sei das Team wegen des Hypes um die App derzeit "überlastet". Löschanfragen können über "Einstellungen/Fehler melden" eingereicht werden. Um den Prozess zu beschleunigen, sollen die Nutzer "privacy" in die Betreffzeile tippen, erklärt Goncharov. (In der deutschen Variante der App ist keine Betreffzeile zu finden.) Ob die Dateien wirklich von der Servern verschwinden, lässt sich freilich nicht überprüfen. Das gilt aber auch für Facebook oder Google: Niemand weiß genau, was dort mit den Bildern der Nutzer geschieht und ob sie wirklich, wirklich gelöscht werden.

FaceApp ist ein russisches Angebot, dahinter steckt Wireless Lab mit Sitz in St. Petersburg. Die Macher sagen, dass keine Nutzerdaten nach Russland übertragen würden. Sicherheitsexpertin Jane Manchun Wong hat sich FaceApp genau angeguckt und schreibt, dass die Fotos auf AWS-Servern (Amazon) gespeichert würden. Zu den FaceApp-Servern selbst würden nur Nutzermetriken gesendet (zum Beispiel Interaktionen mit der Bedienoberfläche). Alles nicht ungewöhnlich, nur: "Ich wünsche mir eine Option, um die Fotos selbst vom Server zu löschen", schreibt Wong. FaceApp-Chef Goncharov bestätigte gegenüber Forbes, dass die Bilder tatsächlich auf Amazon-Servern in den USA landen, außerdem auf denen von Google (in Irland und Singapur). Die "meisten Bilder" seien nach 48 Stunden wieder verschwunden. "Wir verkaufen keine Daten an Dritte und geben sie auch nicht weiter", versicherte Goncharov.

Am Ende dürfte es vielen Nutzern ziemlich egal sein, was FaceApp mit den Millionen Bildern anstellt. Die App ist ein kurzweiliger Spaß, der in einer Woche vergessen sein wird. Die Bilder aber bleiben womöglich noch eine Weile auf irgendwelchen Servern gespeichert. Oder auch nicht, man weiß es nicht. Und das ist wie so oft das Problem. Nutzer sollten (eigentlich) sorgsamer mit ihren Daten und Gesichtern umgehen. Viele wissen das – ignorieren das aber, denn der Spaß steht im Vordergrund. Und ja, die FaceApp-Fotos sehen wirklich erstaunlich gut aus.