Menü

Facebook soll Kinder bewusst zum Geldausgeben in Online-Spielen verleitet haben

Minderjährige gaben unbeabsichtigt viel Geld in Online-Spielen aus – Facebook forcierte diese Praxis sogar noch, wie in einem Gerichtsverfahren bekannt wurde.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 150 Beiträge
Kinder mit Tablet

Kinder spielen an einem Tablet-Computer.

(Bild: dpa, Michael Kappeler)

Facebook soll über Jahre hinweg Minderjährige systematisch dazu verleitet haben, Geld in Online-Spielen auszugeben, sowie deren Eltern anschließend eine Erstattung verweigert haben, um mehr Profit zu erwirtschaften. In einzelnen Fällen gehe es dabei um mehrere Hundert oder sogar Tausend US-Dollar, wie im Rahmen einer Sammelklage in den USA nun bekannt wurde. Das berichtet die Website Reveal, die zur nichtkommerziellen Organisation Center for Investigative Reporting gehört.

Die etwa 135 Seiten umfassenden Dokumenten, die von Facebook im Rahmen des Gerichtsverfahren freigegeben wurden, enthalten interne Memos des Unternehmens, vertrauliche Strategiepapiere sowie Nachrichten von Facebook-Mitarbeitern im Zeitraum von 2010 bis 2014, schreibt Reveal. Die Sammelklage an einem US-Bezirksgericht von 2012 richtet sich gegen Facebooks Geschäftsgebaren bei Käufen von Minderjährigen in Online-Spielen. Kinder haben bei Titeln wie "Angry Birds", "PetVille", "Happy Aquarium" oder "Ninja Saga" etwa ihre Spielfigur mit kostenpflichtigen Gegenständen ausgerüstet und dabei ohne Zustimmung ihrer Eltern Geld ausgegeben.

Nach Auskunft von Reveal hat Facebook trotz Kenntnis der Situation Spieleentwickler sogar noch dazu ermutigt, Kinder weiterhin ohne Zustimmung der Eltern zu Käufen zu bewegen. Laut den Gerichtsdokumenten hat das Unternehmen dieses Vorgehen intern verharmlosend als "friendly fraud" ("freundlicher/netter Betrug", auch im Sinne von "Betrug, der vom eigenen Team ausgeht") und als Teil seiner Spiele-Strategie bezeichnet. Mitunter sei den Kindern nicht einmal bewusst gewesen, dass sie gerade per verknüpfter Kreditkarte das Geld ihrer Eltern ausgaben. In einem Fall etwa habe ein 15jähriger 6500 US-Dollar in zwei Wochen ausgegeben.

Das wiederum sei Facebook-Mitarbeitern bewusst gewesen, wie aus den Dokumenten hervorgehe: Dort ist von dem "Problem" die Rede, dass "FF-minors" (Minderjährige in Verbindung mit dem "friendly fraud") nicht realisierten, dass sie echtes Geld ausgeben würden. Aus einem anderen Dokument gehe hervor, dass viele Eltern nicht wüssten, dass Facebook ihre Kreditkartendaten gespeichert habe und für Abbuchungen benutze – und dass ihre Kinder diese ohne jede Authentifizierung zum Geldausgeben benutzen könnten.

Facebook soll Warnhinweise seiner eigenen Mitarbeiter zu dem Thema jahrelang ignoriert und sogar ein von Mitarbeitern eigens entwickeltes System zur Verhinderung solcher ungewollten Käufe abgewiesen haben. Bei diesem System sollten Minderjährige vor einem Kauf die ersten 6 Stellen der Kreditkarte ihrer Eltern eingeben. Das Verfahren wurde 2011 eine Zeitlang getestet und soll tatsächlich die ungewollten Käufe sowie die Rate an Rückbuchungen reduziert haben. Facebook setzte es jedoch nicht ein.

Nachdem Eltern die durch ihren Nachwuchs verursachten Kosten bekannt geworden seien, habe Facebook bei den anfallenden Rückforderungen meist eine Erstattung verweigert. Stattdessen verwies Facebook die Eltern an das Kreditinstitut, an eine Schlichtungsstelle oder auf den Klageweg. Laut den Dokumenten waren die Rückbuchungsraten durch die Kreditinstitute so hoch (ein interner Facebook-Bericht von 2011 gibt sie mit durchschnittlich 9 Prozent an), dass sie die von der US-Handelsbehörde FTC angesetzte Schwelle von zwei Prozent für offenkundig betrügerisches Geschäftsgebaren bei weitem überschritten hätten.

Einem Mitarbeiter der Firma Rovio, dem Entwickler von "Angry Birds", waren die hohen Rückbuchungsraten von bis zu 10 Prozent in dem Spiel aufgefallen, und er wandte sich damit an Facebook. Daraufhin habe sich Facebook die Sache angeschaut und ermittelt, dass 93 Prozent der Rückforderungen zu "Angry Birds" auf unbeabsichtigte Käufe zurückgingen. Ein Facebook-Mitarbeiter schrieb: "In nahezu allen Fällen wussten Eltern, dass ihre Kinder Angry Birds spielen, aber sie dachten, dass die Kinder ohne Passwort oder Autorisierung (wie in iOS) nichts kaufen können." Das Durchschnittsalter der Spieler von "Angry Birds" soll laut Facebooks eigener Untersuchung zu dieser Zeit bei 5 Jahren gelegen haben. Weiter schreibt dieser Mitarbeiter, dass man "guten Profit" drangebe, wenn man diesen Weg blockiere.

Facebook entschied jedoch, diese Praxis beizubehalten und lancierte ein internes Memo mit dem Titel: "Friendly Fraud – was das ist, warum es herausfordernd ist und warum du es nicht verhindern solltest". Das Memo gibt "maximalen Profit" als Unternehmensziel aus und weist die Mitarbeiter an, Spieleentwickler entsprechend "zu erziehen", damit Kinder weiterhin Geld ohne Wissen ihrer Eltern ausgeben. Bei Beschwerden solle man möglichst nicht das Geld erstatten, sondern den Streit etwa mit kostenlosen Zugaben für das Spiel beilegen, heißt es in dem Memo.

Für die Fälle, in denen sich Eltern über die Kreditinstitute an Facebook wandten und eine Rückforderung stellten, plante das Unternehmen auch den Einsatz eines Programms, das die Forderungen ungeprüft automatisch ablehnen sollte, wie aus einem weiteren Dokument hervorgeht. Das Unternehmen wartete laut Reveal zu dieser Zeit ab, ob es genügend Rückforderungen erfolgreich abweisen konnte, damit der Einsaz des Automatismus sinnvoll sei – ob eine Entscheidung über den Einsatz getroffen wurde, gehe aus den Dokumenten aber nicht hervor.

Auf Anfrage sagte Facebook gegenüber Reveal lediglich, man überprüfe regelmäßig die eigenen Geschäftspraktiken, habe 2016 die Richtlinien überarbeitet und halte seitdem Sondermittel für Rückerstattungen von Käufen durch Minderjährige bereit.

Facebooks Geschäftsgebaren kommt immer öfter durch veröffentlichte interne Dokumente in die Kritik. Im Zuge des Datenskandals um Cambridge Analytica etwa beschlagnahmte das britische Parlament Unterlagen, aus denen eine Mitwisserschaft des Unternehmens hervorgehen soll. Auch der für das Bekanntwerden dieses Skandals verantwortliche Whistleblower Christopher Wylie bekräftigte erneut, dass Facebook von Anfang an Bescheid gewusst habe.

tipps+tricks zum Thema:

(tiw)

Anzeige
Anzeige