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Fahrtenbuch live, zweiter Teil: Mit dem Elektroauto an einem Tag zurück ins Flachland?

Challenge accepted: Nachdem c't-Redakteur Sven Hansen im Elektroauto Nissan Leaf Tekna fast drei Tage von Hannover nach Österreich gebraucht hat, versucht sein Kollege Stefan Porteck nun die E-Ehrenrettung: Er will die 720 Kilometer an einem Tag schaffen.

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Fahrtenbuch live zweiter Teil: An einem Tag zurück ins Flachland?

Der neue Fahrer Stefan Porteck am Steuer des Nissan Leaf: Gut aufgeladen soll es diesmal deutlich schneller gehen.

(Bild: Stefan Porteck)

Eine Strecke von 720 Kilometern im Auto zu fahren: Klingt anno 2016 nicht gerade nach einem Abenteuer. Anders sieht die Sache aus, wenn man ein Elektroauto verwendet. Und zwar eines, das eine Reichweite von 250 Kilometern hat – Nennreichweite wohlgemerkt.

In der Praxis schafft das Teil nämlich viel weniger, wie c't-Redakteur Sven Hansen inzwischen weiß. Er hat in seinem Testgerät Nissan Leaf Tekna 30 kWh fast drei Tage von Hannover ins österreichische Kollerschlag gebraucht. Sein launiges Video-Fahrtenbuch zeigt anschaulich, was dabei alles schiefgehen kann.

Die Rückfahrt unternimmt nun Stefan Porteck, seines Zeichens c't-Redakteur und Hardcore-Autofreak. Und er will die Strecke nun an einem Tag schaffen. Lesen Sie hier mit, ob er das tatsächlich schafft. Seine aktuelle Position können sie über Glympse verfolgen (neuer Link, sollte jetzt funktionieren).

Fahrzeugübergabe: Stefan Porteck (links) steigt im österreichischen Kollerschlag zum ersten Mal ins E-Auto.

12:00 Uhr, Kollerschlag (Österreich): Mit Kilometerstand und dem Akku auf 100 Prozent geht die Fahrt los. Das Auto gibt eine Reichweite von 186 Kilometern an. Theoretisch sollten es 250 sein, aber die Prognose richtet sich nach dem Fahrstil – und mein Vor-Fahrer Sven Hansen hat am Ende ziemlich auf die Tube gedrückt. Erster Eindruck vom Nissan Leaf: Das Teil fährt sich erstaunlich gut, angenehm weich und geschmeidig, keinerlei Schalt-Zuckler. Und: ordentlich Zugkraft.

12:51 Uhr, Bahnhof Passau: Mit Kilometerstand 38 gebe ich den Kollegen Hansen am Bahnhof ab. Positive Erkenntnisse: Offenbar fahre ich etwas energiesparender, trotz fast 40 Kilometern auf der Uhr zeigt der Leaf mehr Reichweite an als zu Fahrtbeginn: 192 Kilometer. Nun kann es ja richtig losgehen. Die Energydrink-Dosen sind (noch) kalt und in der Mittelkonsole drapiert.

15:19 Uhr, irgendwo um Regensburg: Leichte Panik: Die prognostizierte Reichweite schwankt zwischen 30 und 50 Kilometern, die nächste Autobahn-Steckdose ist aber laut Navi noch 60 Kilometer entfernt. Ich drehe also um und hoffe, dass ich in 15 Kilometern in südöstlicher Richtung tatsächlich eine Raststätte mit E-Auto-Tankstelle finde. Bitte um Daumendrücken.

Schnellladen mit Szenerie: In Wiesenfelden kann man direkt am See Energie zapfen.

15:52, Wiesenfelden: Ich habe eine Schnellaufladestation gefunden, mit 20 Kilometern Restlaufzeit. Puh. Und jetzt kümmere ich mich um Glympse – leider haben alle meine Geräte hier nur schwachen Edge-Empfang.

Wichtige Erkenntnis: Der Versuch, so selten wie möglich zu tanken, ist gescheitert. Anfängerfehler. Fehler Nummer 2: mich auf das Navi von Nissan zu verlassen. Das war zu Beginn nämlich noch sehr zuversichtlich. Aber bis zur nächsten Tanke hat es nicht gereicht. Die Rückfahrt bedeutete einen 30-Kilometer-Umweg durch bergige Gegend, was noch mehr Reichweite kostete.

Hier in Wiesenfelden soll das Laden 40 Minuten dauern. Nicht so schlimm, weil es hier ziemlich schön ist und ich eh eine Pause machen wollte.

17:00, Wiesenfelden: Kurz bevor es wieder auf die Bahn geht, funktioniert die Standortweitergabe per Glympse endlich wieder.

19:00, Parsberg: Eigentlich ist der Akku zu 61 Prozent geladen und die Reichweite beträgt noch 150 km. Hier steht aber eine Säule neben McDonalds. Da ich sowieso Hunger habe, ist das Laden diesmal keine Zeitverschwendung.

21:40, Kleinlangheim: Um jetzt mal Strecke zu schaffen, habe ich mich doch mit 95 km/h hinter einen LKW geklemmt. 140 km gefahren, rund 70 km Rest Reichweite. Insgesamt eine sehr entspannte Etappe. Die Ladestation hier am Rasthof ist kostenlos und super schnell: Der Nissan ist schon wieder bei 80 Prozent.

Mit 440 km ist schon mehr als die Hälfte geschafft. Wäre ich morgens statt am Mittag losgefahren, hätte ich es wohl locker geschafft. Jetzt setzt mir der Umweg und die lahme Säule, die ich beim ersten Stopp aus Verzweiflung nehmen musste, etwas zu. Vielleicht klappt es trotzdem. Der nächten Stopp ist in 90 km geplant; dann wenigstens schon auf der A7 strikt nach Norden. Hier der Glympse-Link für die nächsten Kilometer.

23:10, Röhn: Die Raststätte locker mit 90 km Reserve erreicht. Diesmal habe ich aber kaum die Kapazität im Auge behalten, sondern die Temperaturanzeige: Knapp 500 km Fahren oder Schnellladen am Stück haben den Akku ziemlich gestresst. Die Segmentanzeige war stets ein Balken unter Maximum. Deshalb werde ich vorm Laden erst eine Kleinigkeit essen und den Leaf etwas abkühlen lassen.

1:10, Fulda: Der Akku ist weder wärmer noch kälter geworden. Entsprechend gut bin ich in Fulda im Hotel angekommen. Aus Gründen der Vernunft hatte ich mir ein Limit von 12 Stunden gesetzt. Obwohl ich mich noch fit fühle, es bleibt dabei.

Zwischenfazit: Wäre ich morgens losgefahren und hätte ich nicht auf der ersten Etappe gepatzt (rund drei Stunden Zeitverlust), wären die letzten 280 km kein Problem gewesen. Stattdessen geht es morgen frisch und geladen weiter – das Hotel scheint nämlich auf mich gewartet zu haben: Die Zimmernummer ist 404 und im Parkhaus ist eine Ladesäule.

11:00, Kirchheim: Der erste Stopp in Kirchheim. Das ist zwar nur 40 km vom Hotel entfernt, weil ich aber nicht weiß, wie sich die Berge um Kassel auf die Reichweite auswirken, plane ich lieber mit einer Raststätte mehr.

12:30, Lohfelden: Den Rasthof hätte ich definitiv nicht anfahren müssen: Die Berge hatten keine nennenswert bemerkbare Auswirkung auf die Reichweite. Zudem war die Fahrt mit Tempomat sehr entspannend. Bergab drosselt die Energierückgewinnung das Fahrzeug auf die eingestellte Geschwindigkeit, sodass ich konstant mit 100 km/h geglitten bin. Die Benziner um mich herum, standen bei Gefälle ständig auf der Bremse.

Nach 790 km angekommen: Passable Restreichweite nach der Strecke Kassel - Hannover. Eigentlich wäre sie sogar noch etwas höher gewesen, aber die letzten Kilometer bin ich 150 km/h gefahren ...

16:00, Hannover: Der Nissan steht auf dem Hof. Nach Lohfeld ging es recht lange und langsam über eine Baustelle: Gut für den Verbrauch, schlecht für die Blase des Fahrers. In Göttingen stand deshalb um 14 Uhr eine Kurzpause an. In der Viertelstunde hat die kostenlose Säule die Ladung von 85 auf 98 Prozent geschubst. Nötig wäre das wahrscheinlich nicht gewesen: Der Akku ist am Ziel halb voll, die Reichweite gibt der Wagen mit 110 km an. Von Kassel wäre man also problemlos durchgekommen.

Entsprechend fällt das persönliche Fazit aus: Die Befürchtung, dass eine Langstreckenfahrt zur Qual wird, hat sich mit dem Leaf nicht bewahrheitet. So waren am ersten Tag mehrere längere Abschnitte in der Tour – da ist nach anderthalb Stunden Fahrt eine halbstündige Pause sogar angenehm. Ist man von Akku-Angst getrieben, kann man – so wie ich heute – auch alle 80 km eine Station ansteuern. Dann fällt die Ladung praktisch nie unter 70 Prozent.

Vielleicht hätte man es auch geschafft, die 790 km am Stück zu fahren; mit Sicherheit hätte es aber keinen Spaß gemacht und es wäre wegen nachlassender Konzentration ohnehin nicht zu empfehlen gewesen. Auf eine Tour bis 500 km würde ich mich aber jederzeit wieder einlassen. Man kann die Etappen jetzt schon gut planen, und mit dem Aufbau neuer Ladestationen dürfte das künftig sogar noch leichter und flexibler gehen.

Lesen Sie den Bericht der Hinfahrt auf heise online:

Bilanz nach zwei Tagen Fahrt im Elektroauto

Etappe eins: Vom Flachland in die Alpen (12 Bilder)

Richtig los ging's in Nörten-Hardenberg: Dort steht die erste Stromzapfsäule auf der Route nach Österreich. (Bild: Sven Hansen)

(Stefan Porteck) / (jkj)

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