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Fairness-Debatte: Deezer möchte neuartige Musik-Lizenzen

Musikstreamer Deezer möchte die Zahlungen an Rechteinhaber neu strukturieren. Die Abogebühren jeden Hörers würden entsprechend seines Hörverhaltens ausgeschüttet, ohne Berücksichtigung anderer User. Das würde auch Streaming-Betrug erschweren.

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(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Musikstreaming-Dienste wie Spotify, Apple und Deezer zahlen Rechteinhabern keine fixen Beträge pro Abruf eines Streams, sondern Umsatzanteile. Die Monatseinnahmen werden, nach Abzug von typischerweise 30 Prozent für den Streaming-Betrieb, an die Rechteinhaber ausgeschüttet – und zwar entsprechend des "Marktanteils" jeder Aufnahme. Deezer möchte laut einem Bericht nun ein anderes Modell durchsetzen: Anstatt den Gesamtkuchen aufzuteilen, sollen die Gebühren jeden Hörers nach dessen Hörverhalten aufgeteilt werden.

Deezer gilt nach Spotify und Apple als Nummer 3 im Streamingmarkt

Das neue Modell ist als "user centric licensing" (nutzerzentriertes Lizenzmodell) bekannt und wird den Gesamtbetrag der Tantiemen nicht verändern. Für einzelne Künstler könnte es aber zu deutlichen Umsatzveränderungen gegenüber dem derzeitigen "pro rata"-Modell kommen. Denn zur Zeit entscheiden jene Nutzer, die besonders viele Streams abrufen, über die Verteilung des Gesamtkuchens. Dabei zahlen sie nicht mehr ein als andere Abonnenten. Anders gesagt: Das Geld der vielen Mäßig- und Wenig-Hörer fließt gegenwärtig kaum für die von ihnen bevorzugte Musik, sondern belohnt die Hörgewohnheiten der Intensivnutzer. Ein nutzerzentrierten Lizenzmodell würde das ändern.

Mark Mulligan, Musikbusiness-Insider und Manager des Marktforschers Midia Research, hat vergangene Woche in seinem Blog als Erster über Deezers Vorstoß berichtet. Demnach haben die Label "ermutigend" reagiert. "Der allgemeine Konsens unter den Labels, mit denen ich gesprochen habe, ist vorsichtiger Optimismus und eine Bereitschaft Modellrechnungen anzustellen, und zu schauen, wie die Dinge damit aussehen", schreibt Mulligan. Deezer selbst äußerte sich auf Anfrage heise onlines nicht.

Momentaufnahme der australischen Radio-Charts 2013 - hier konnte Peter Fillmore 3 seiner Fake-Musiktitel platzieren

(Bild: Screenshot)

Ein Systemwechsel hätte Gewinner und Verlierer. Zu letzteren zählen Betrüger. Im derzeitigen System ist es möglich, mit "Musik"-Mist und exzessivem Streaming Geld aus dem System zu saugen. "Diese Dienste auszunehmen ist einfach und profitabel", erzählte der australische Sicherheitsforscher Peter Fillmore heise online bereits 2013 (siehe unten). Er hatte es selbst in einem Experiment unter Beweis gestellt. "Ich habe schon andere gesehen, die das 'in the wild' gemacht haben."

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So läuft der Betrug

Fillmore erstellte 2013 automatisiert eine Geräuschkulisse, die er in neun bis 50 Sekunden lange Dateien schnitt. Diese gab er als Werke erfundener Musik-Acts aus und stellte sie über einen Dienstleister unter anderem bei Spotify und Rdio ein. Dann eröffnete der Australier jeweils drei Nutzerkonten bei den genannten Diensten und rief über diese Konten automatisiert seine eigenen Soundcollagen ab, immer und immer wieder, rund um die Uhr.

"Ich erwartete, dass ich schnell auffliegen würde, zumal ich IP-Adressen aus der Amazon Cloud genutzt und 24 Stunden am Tag das selbe Album 'angehört' habe. Aber nach zwei Tagen war ich bei Rdio in den Top 10 Australiens, und nach vier Tagen schon Nummer 1", berichtete Fillmore heise online. In der Folge besetzte er die Positionen 1, 2, 3 und 4 in Rdios australischen Albumcharts. Nach zwei Monaten trafen die ersten Tantiemen ein. Rdio bewarb den "besonders beliebten" Tonschund sogar gegenüber anderen Usern, die daraufhin erwartungsgemäße Bewertungen verfassten.

Nach zwei Monaten trafen die ersten Tantiemen ein, von Spotify. Erst nach mehr als einem halben Jahr wurden die Dateien gelöscht – aber auch nachdem Fillmore seine Erfahrungen bereits veröffentlicht und Spotify dazu Stellung genommen hatte, erhielt er noch Tantiemen von dem Streamingdienst. Der Profit kam übrigens einem Tierheim zugute. Auch wenn der Betrug heute hoffentlich nicht mehr ganz so simpel ist, das bestehende Lizenzsystem ist grundsätzlich anfällig für diese Masche.

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Der Trick ist einfach: Man stelle eigene "Werke" in die Streamingdienste ein und rufe diese Streams dann immer und immer wieder ab. Solange man deutlich mehr Streams abruft als der Durchschnittsuser, übersteigen dabei die "verdienten" Tantiemen die Abogebühr. In einem nutzerzentrierten Lizenzmodell würde diese Betrugsmasche hingegen nicht funktionieren. Denn die mit einem Account abgerufenen Streams könnten nie zu mehr Tantiemen führen, als für den Account bezahlt wurde.

Abgesehen davon ist undeutlich, wer von einem nutzerzentrierten Lizenzsystem profitieren würde. 2014 analysierte der norwegische Forscher Arnt Maasø Daten norwegischer Streamingdienste aus dem August 2013. Dabei zeigte sich, dass lokale Musiker profitieren würden, zu Lasten ausländischer Künstler: Norwegische Acts unter den Top 5.000 hätten 13 Prozent mehr erhalten als im derzeitigen Pro-Rata-Modell.

Auch bestimmte Musikrichtungen würden profitieren: Jazz (+3,2%), Musik für Kinder (+8,9%) und vor allem klassische Musik (+18,6%). Zudem würden die Top-10-Acts, unabhängig von ihrer Herkunft, mehr verdienen – sie profitierten von mittelmäßig aktiven Hörern. Die zwanzig Prozent aktivsten und die zwanzig Prozent hörfaulsten Nutzer sind den Top-Acts nämlich wenig zugetan.

63 der Top 5.000 Acts hätten mehr als 40 Prozent ihrer Tantiemen verloren, aber 300 aus den Top 5.000 hätten mehr als 40 Prozent zugelegt. Leider hat die norwegische Studie nur jene Hörer ausgewertet, die mehr als hundert Streams in dem Beobachtungsmonat abgerufen hatten. Gerade die Gebühren der Wenignutzer würden radikal anders verteilt.

Straßenmusikant in Cambridge

(Bild: william CC BY-SA 2.0)

In einem Artikel bei medium.com warf Studienautor Maasø damals noch ein weiteres Argument in die Waagschale: Ein nutzerzentriertes Lizenzsystem macht die Einnahmen einzelner Rechteinhaber besser planbar. Ein Act, der loyale Fans mit konstantem Streaminggenuss hat, würde jeden Monat etwa gleichviel verdienen. Und bei einem neuen Album können sich solche Künstler auf eine bestimmte Zugriffsrate verlassen, was dann in Geld umrechenbar wäre. Derzeit kann der Erlös stark schwanken, selbst wenn die Zugriffszahlen exakt gleich sind. Denn die Ausschüttung hängt ja davon ab, wie viel andere User sonst streamen, was wiederum davon abhängt, was sonst passiert oder neu auf den Markt kommt.

In Dänemark erstellte Rasmus Rex Pedersen 2014 eine ähnlich aufgebaute Folgestudie. Auch sie erklärte lokale Künstler zu den Gewinnern nutzerzentrierter Lizenzen. Weniger erfolgreiche Dänen würden aber nicht profitieren oder sogar verlieren. Und wie in Norwegen würden die Topstars, egal woher sie stammen, mehr verdienen, als derzeit.

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In der Branche wird auch damit argumentiert, dass ein nutzerzentriertes Modell die Beziehung zwischen Act und Fan stärken würde. Gegenstimmen meinen, jeder Stream solle gleich viel Tantiemen abwerfen, egal, wer zuhört – zumal ja weder in dem einen noch in dem anderen System nach Länge oder Zahl der Beteiligten unterschieden wird. Ein Singer-Songwriter der mit selbst gespielter Gitarre einen Zweiminüter aufzeichnet erhält den gleichen Bruchteil eines Cents für einen Streamabruf, den sich auch die Wiener Philharmoniker mit Claudio Abbado, Jessye Norman, dem Wiener Staatsopernchor, den Wiener Sängerknaben u.a.m. teilen müssen, wenn deren gut halbstündige Aufnahme des ersten Satzes Mahlers Symphonie Nr. 3 in D-Dur gespielt wird.

Am Ende Tages werden die großen Label mit spitzem Bleistift rechnen und dann entscheiden, ob sie Deezer ein anderes Lizenzmodell ausprobieren lassen – denn auch unter den Plattenfirmen gibt es Gewinner und Verlierer. Die norwegische Studie sah Phonofile, einen Aggregator der Rechte unabhängiger nordländischer Künstler, als hypothetischen Profiteur, und auch EMI legte in dem Rechenmodell etwas zu. Universal, Warner Music Group und "Sonstige" bekamen weniger ab, für Sony Music blieb es gleich. Doch nur die Labels können abschätzen, wie sich nutzerzentrierte Lizenzen international auf ihr Geschäft auswirken würden. (ds)