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Fall Relotius: Manipulationen im Wikipedia-Artikel

Edit-War um einen Fälscher: Ausgerechnet der Wikipedia-Artikel über den ehemaligen Spiegel-Redakteur Claas Relotius wurde offenbar gezielt manipuliert.

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(Bild: dpa, Jens Büttner)

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Der Wikipedia-Artikel über Claas Relotius, der für seine Fälschungen in Spiegel-Reportagen bekannt geworden ist, war offenbar das Ziel organisierter Manipulationsversuche. Laut einem Bericht des Schweizer Tages-Anzeigers hatten mehrere neu eingerichtete Wikipedia-Nutzerkonten über Monate hinweg versucht, Passagen in dem Artikel zugunsten von Relotius zu manipulieren. Dabei wurden sie offenbar teilweise vom selben Rechner gesteuert und griffen in mindestens einem Fall auf einen gefälschten Screenshot als Beleg zurück.

In "einer der größten Manipulationsoperationen in der deutschsprachigen Ausgabe von Wikipedia", heißt es im Tages-Anzeiger, hatten mehrere Accounts seit Februar versucht, einzelne Stellen in dem Artikel der Online-Enzyklopädie zu beschönigen oder gefälschte Details zugunsten von Relotius einzufügen. Sogenannte Edit-Wars, bei denen Nutzer ihre Änderungen an einem Artikel immer wieder gegenseitig überschreiben, sind auf Wikipedia keine Seltenheit und sollen üblicherweise von erfahreneren Autoren verhindert werden, die die Änderungen überprüfen.

Auch die nun bekannt gewordenen Manipulationsversuche wurden immer wieder rückgängig gemacht, teils unter dem Vorwurf der "Schönfärberei", teils wegen falschen oder fehlenden Belegen. Mehrfach versuchte die Gruppe offenbar, positive Vergleiche mit anderen berühmten Journalisten in den Text einzuschmuggeln oder Zitate aus dem Untersuchungsbericht des Spiegels zur Relotius-Affäre zu verfälschen. In einem Fall versuchte ein Nutzer sogar, eine ausführliche Auflistung von Relotius' Spiegel-Artikeln samt mutmaßlichen Fälschungen komplett zu löschen. Immer wieder versuchten die fraglichen User noch, ihre Änderungsversuche auf den Diskussionsseiten zu verteidigen – doch die Wikipedia-Community hakte immer wieder nach.

Dass hinter den Manipulationen durch etwa ein halbes Dutzend erst kürzlich registrierte Nutzer eine gemeinsame Anstrengung stand, flog jedoch erst Ende September auf. Einer der Accounts hatte versucht, eine Aussage aus dem Buch "Tausend Zeilen Lüge" des ehemaligen Relotius-Kollegen Juan Moreno aus dem Artikel zu entfernen. In der anschließenden Debatte mit anderen Usern, die sich immer noch auf der Diskussionsseite des Relotius-Artikels nachlesen lässt, verwies ein weiterer Account aus der Manipulatorengruppe als Beleg auf einen Screenshot eines Zeitungsartikels, der sich allerdings als gefälscht und der angebliche Artikel als frei erfunden herausstellte.

Daraufhin griffen die Wikipedia-Admins ein. Eilig wurde eine "CheckUser"-Abfrage beantragt – ein Mittel, das nur in Ausnahmefällen dazu eingesetzt wird, um die sonst verborgenen IP-Adressen von Accounts zurückzuverfolgen. Es förderte zutage, dass mindestens fünf von acht Verdächtigen sich "eindeutig einander zuordnen" ließen. Es handele sich um "missbräuchliches Vortäuschen unterschiedlicher Identitäten", der Verdacht von Sockenpuppen-Accounts hatte sich somit bestätigt.

Die Untersuchung förderte jedoch auch eine IP-Adresse zu einem der Accounts zutage, die laut Tages-Anzeiger auf die niedersächsische Gemeinde Seevetal hindeutet, zu der auch der Ort Tötensen gehört: "Von dort stammt Claas Relotius." Auch wenn diese ungefähre Lokalisierung durch heise online nachvollzogen werden konnte, ist jedoch weiterhin unklar, wer tatsächlich hinter den inzwischen gesperrten Accounts steckte. Relotius' Anwalt hat sich zu den Recherchen des Tages-Anzeigers bislang nicht geäußert. (siko)