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Fallout 4 im Test: Abwechslungsreich durch die strahlende Zukunft

Fallout 4 Test

Ein Mech-förmiger Metall-Anzug bietet dem Helden in Fallout 4 einen größeren Schutz vor Schaden.

(Bild: Screenshot/Peter Kusenberg)

Im 3D-Rollenspiel Fallout 4 steuert der Spieler einen tragischen Helden durch eine postapokalyptische Welt voller Schmerz, Tod und eigenartiger Schönheit.

Bevor der Atomkrieg ausbricht, trinkt unser Protagonist seinen Morgenkaffee, küsst die Gattin und streichelt den Säuglingssohn. Dann flieht er mit seiner Familie in einen Atomschutzbunker. Nach einem 200-jährigen Tiefschlaf erwacht er in einer verstrahlten Welt, die er nach seinem entführten Sohn zu durchsuchen beginnt.

Wie in den Vorgängern erzählen die Macher von Bethesda in Fallout 4 [1] eine ergreifende Weltuntergangs-Geschichte. Als weiblicher oder männlicher Protagonist sammelt man Wertgegenstände, redet mit Überlebenden und kämpft gegen übelsinnige Menschen, Tiere und Mutanten. Früh lernt unser Held, wie er dafür mit Hilfe von Crafting-Werkzeugen und einem Bau-Editor Hilfsmittel und Häuser herstellt. Da er zu Beginn keine Anhaltspunkte hat, wo sein Sohn ist, hilft er einer Gruppe Überlebender beim Aufbau einer Trutz-Siedlung. Von hier aus unternimmt er Exkursionen ins Umland, bereist entfernte Siedlungen und erledigt gefährliche Quests, um an Informationen zu kommen.

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Das Bauen, Brauen und Basteln ist optional, doch es stellt ein derart unterhaltsames Spielelement dar, dass man nicht darauf verzichten sollte. Zunächst rechtfertigt es das Sammeln von Rohstoffen. So baut man nützliche Schock-Gewehre, stellt Anti-Strahlen-Kapseln her und röstet Eichhörnchen am Stiel. Das Baumenü wiederum erinnert an die Serie Die Sims. Mit wenigen Handgriffen lassen sich Wände, Dächer und Türen zu Häusern zusammensetzen sowie Verteidigungsanlagen errichten. Die schwerfällige Steuerung erfordert jedoch Geduld, denn leicht aktiviert man das falsche Möbelstück. Ist die Basis optimal ausgebaut, hat man dafür gute Chancen, einen feindlichen Angriff zu überstehen.

Auf die Exkursionen sollte man einen Begleiter mitnehmen, etwa den Androiden Nick Valentine oder den Hausroboter Codsworth. Mit den Kompagnons kann man sich aufs Trefflichste unterhalten, bei den Kämpfen lenken die unsterblichen Assistenten Gegner ab. Man erteilt ihnen Befehle, die sie meist – aber nicht immer – befolgen. Derartiger Trotz wirkt fatal, wenn sich der Held an ein Räuberlager anschleicht, und Codsworth voreilig ins Rampenlicht saust.

Vielfältiger und ebenso unterhaltsam hat Bethesda die Dialoge mit wichtigen Nebenfiguren gestaltet, die als Händler, Bauern oder als drogensüchtige Seherin auftreten. Je nach Wahl einer von vier Antworten verändert sich die Beziehung zur jeweiligen Person und mithin zu der Fraktion, der sie angehört. Im Spielverlauf muss man sich für eine von vier dieser Fraktionen entscheiden, was den Verlauf der Geschichte beeinflusst. Das gelungene Charakter-System ähnelt dem in Fallout 3. Der Spieler verwertet Erfahrungspunkte für den Ausbau von sieben Charaktereigenschaften und schaltet Fähigkeiten frei, etwa das Bezirzen anderer Charaktere.

Entsprechend seiner Stärken wählt der Spieler eine Kampftaktik, kann dank des flexiblen Speichersystems aber immer auch leicht andere Lösungen eines Quests ausprobieren. Dabei sind immer beliebig viele Waffen, doch Spieler können nicht durch ihr Arsenal scrollen. Während der Echtzeit-Kämpfe darf man jederzeit eine Zeitlupenfunktion aktivieren, um in Ruhe eine optimale Einschussstelle am Feindeskörper zu bestimmen. Abgesehen von Endgegnern sind die meisten Feinde dumm. Sie verhalten sich mitunter gleichgültig im Angesicht frisch getöteter Kollegen. Genauso dämlich verhalten sich Gesprächspartner, die nicht bemerken, wer unmittelbar neben ihnen steht.

Mimik und Gestik der Nebenfiguren erweisen sich als größtes Manko des Spiels. Die Dialogpartner verziehen kaum eine Miene, sie bewegen sich abgehackt und lassen Lippensynchronität vermissen. Das fällt in der deutschen Fassung besonders deutlich auf, wobei Bethesda aber Lob verdient für die umfangreiche Lokalisierung. Betonung und Übersetzung sind gelungen, die meisten deutschen Sprecher passen zu den Figuren. Die minderwertige grafische Gestaltung der Figuren korrespondiert mit den rohen Texturen und kantigen Objekten, die an das betagte Fallout 3 von 2008 erinnern.

Die Spielwelt selbst ist jedoch eine Augenweide, ihre Ausstattung reizt ebenso zum Staunen wie die Welt des Action-Adventures The Last of Us. So schweift der Blick immer wieder über Hügel und Flusstäler voll verbrannter Baumstämme, Mutanten-Kadaver und zerbrochener Autobahnbrücken, unter denen zweiköpfige Kühe auf der Weide grasen. Die Post-Apokalypse wurde selten schöner inszeniert. Die weitläufige Spielwelt umfasst mindestens 250 namentlich gekennzeichnete Orte, die der Spieler dank Schnellreisefunktion bequem bereist. Die meisten Exkurse bergen Kurzweil und Überraschung, etwa wenn man einen unglücklichen Baby-Ghul im Kühlschrank entdeckt. Häufig knackt man Schlösser und hackt Computer. Die gewonnenen Informationen erweisen sich als Puzzleteile der faszinierenden Welt, die der Hersteller mit witzigen popkulturellen Anspielungen gewürzt hat. Der Soundtrack klingt großartig.

Fallout 4: Die schönsten Wandergebiete der Endzeit (0 Bilder) [4]

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Die getestete PS4-Version lief weitgehend stabil. Bei einer Auflösung von 1920 × 1080 Pixeln erlebten wir ein weitgehend ruckelfreies Spiel, allerdings gab es eine Menge Darstellungsfehler, etwa Figuren, die im Gestrüpp hängen blieben. Manchmal quatschen Nebenfiguren durcheinander, manchmal missachteten Quest-Geber längere Zeit eine abgeschlossene Aufgabe. Das 100 und mehr Stunden währende Spielvergnügen wird durch diese Patzer aber nicht wesentlich gestört.

Verglichen mit dem glanzvollen The Witcher 3 [6] fällt hier die altbackene Technik negativ ins Gewicht; die starren Nebenfiguren, die sperrige Steuerung und die KI-Aussetzer erweisen sich als Manko. Doch die fabelhaft inszeniert Echtzeit-Welt, das motivierende Sammeln und das abwechslungsreiche Questen entschädigen für alle Technik-Patina. Die Story mag nicht originell sein, doch sie wird mit Esprit erzählt. Und das Baumenü ist klasse: Denn wie deprimierend wäre das Ende der Welt ohne die Aussicht auf einen Neuanfang mit selbst gebrautem RAD-Bier? (mho [7])


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[2] https://www.heise.de/bilderstrecke/bilderstrecke_2920437.html?back=2920211;back=2920211
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/bilderstrecke_2920437.html?back=2920211;back=2920211
[4] https://www.heise.de/bilderstrecke/bilderstrecke_2913824.html?back=2920211;back=2920211
[5] https://www.heise.de/bilderstrecke/bilderstrecke_2913824.html?back=2920211;back=2920211
[6] https://www.heise.de/meldung/Rollenspiel-Epos-The-Witcher-3-wird-ein-Hardware-Fresser-2516457.html
[7] mailto:mho@heise.de