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Technology Review

Fehlverhalten in der Forschung weitaus häufiger als vermutet

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Eine US-Studie hat eine beträchtliche Dunkelziffer von wissenschaftlichem Fehlverhalten in der Forschung zutage gefördert. Definitionsgemäß geht es dabei um Fälle, in denen Forscher bei der Beantragung, Durchführung oder Begutachtung von Forschungsvorhaben Ergebnisse fabrizieren, fälschen oder plagiieren. Wie die Wissenschaftszeitschrift Nature in seiner am morgigen Donnerstag erscheinenden neuesten Ausgabe berichtet, hatte das beim US-Gesundheitsministerium angesiedelte Office of Research Integrity (ORI) dazu insgesamt 4300 von den National Institutes of Health (NIH) geförderte Wissenschaftler an 605 Forschungsinstituten angeschrieben; das NIH ist mit einem Jahresetat von 29,5 Milliarden Dollar der mit Abstand größte Forschungsförderer in den Vereinigten Staaten.

Unter den 2212 Forschern, die den Fragebogen beantworteten, gaben knapp 9 Prozent an, dass sie in den drei vergangenen Jahren im eigenen Department wissenschaftliches Fehlverhalten von Fachkollegen selbst beobachtet oder belegbar festgestellt hätten. Konkret wurden beispielsweise Fälle geschildert, in denen ein Doktorand die Messwerte von Proben 'verbesserte', ein Kollege bei der Beantragung von Drittmitteln gefälschte Daten als 'vorläufig' deklarierte, oder ein Forscher aufgenommene Bilder so lange mit Photoshop bearbeitete, bis sie seine These stützten. Eigentlich müssten solche Fälle gemeldet, von der betreffenden Forschungseinrichtung untersucht und dem ORI offiziell mitgeteilt werden.

Mit einer eher zurückhaltend angelegten Abschätzung versuchen die Autoren der Studie das tatsächliche Ausmaß hochzurechnen. Unter der Annahme, dass die nicht antwortenden Forscher auch kein Fehlverhalten beobachtet haben, beziffern sie die Zahl der jährlich auftretenden Fälle auf 1,5 pro hundert Wissenschaftler. Im Ergebnis hieße das, dass bei 155.000 vom NIH geförderten Wissenschaftlern im Bereich der biomedizinischen Forschung jährlich mindestens 2325 mögliche Verstöße gegen die wissenschaftliche Integrität auftreten würden. Wenn nun, wie die Umfrage ergab, in 58 Prozent der beobachteten Vorfälle die zuständigen Institutsleitungen unterrichtet wurden, müssten konsequenterweise beim ORI jedes Jahr rund 1350 Meldungen eingehen.

Tatsächlich werden dem Büro durchschnittlich aber nur zwei Dutzend Fälle, also etwa ein Prozent, pro Jahr gemeldet. Die beträchtliche Diskrepanz führen die Autoren der Studie unter anderem auf unangemessene Reaktionen der Forschungsinstitutionen zurück, die aus Furcht vor Rufschäden dazu tendierten, wissenschaftliches Fehlverhalten unter der Decke zu halten und intern zu regeln. Sie sehen dies als ein Versagen, die Kultur der wissenschaftlichen Integrität zu stärken. Abhilfe könnten eine Politik der 'Null-Toleranz', ein stärkerer Schutz für Informanten sowie die Einführung zusätzlicher Prüf- und Evaluierungsmechanismen, beispielsweise in Gestalt eines Audits von Forschungsunterlagen und -daten, schaffen. (Richard Sietmann) / (Richard Sietmann) / (pmz)

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