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Feuerwehrmann verlässt BertelsmannSpringer

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Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer, Jürgen Richter, hat überraschend seinen Rücktritt angekündigt. Richter verlasse Bertelsmann auf eigenen Wunsch, teilte der Konzern gestern in Gütersloh mit. Der 60-Jährige, der bisher als "Feuerwehrmann" für heikle Aufgaben galt, zieht damit die Konsequenzen aus der von Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Middelhoff verkündeten Entscheidung, die 70 Verlage umfassende Gruppe zu verkaufen.

Richters Nachfolgerin Renate Krümmer, die nach Stationen bei Bertelsmann und T-Mobil zuletzt für einen Finanzinvestor tätig war, soll nun das Verlagshaus für einen neuen Besitzer vorbereiten. Mitte Juni hatte Middelhoff verkündet, dass BertelsmannSpringer weder den Anspruch der Gütersloher auf Marktführerschaft erfüllt, noch in das Konzept eines integrierten Medienunternehmens passt. Gleichzeitig hatte er den Ausbau des Musikgeschäfts angekündigt, zu dem auch der Kauf für schätzungsweise drei Milliarden US-Dollar des Musiklabels Zomba mit Stars wie Britney Spears, Back Street Boys und N'Sync gehört.

Als größter deutscher Fachverlag gilt BertelsmannSpringer mit seinen 70 Einzelverlagen aus Wissenschaft, Verkehr und Bau und einem Jahresumsatz von 749 Millionen Euro (2000/2001) in der von Krisen geschüttelten Bücherbranche als sehr lukrativ. So dürfte bei Richters Rücktritt auch persönliche Enttäuschung über die Verkaufabsichten des Bertelsmann-Chefs mit im Spiel gewesen sein. Noch vor gut einem Jahr hatte Middelhoff den früheren Vorstandschef des Axel Springer Verlags zu einer Schlüsselfigur für den möglichen Börsengang des Medien-Multis auserkoren.

Zusammen mit vier weiteren "Top-Bertelsmännern" sollte Richter den Konzern für den Börsengang fit machen. Diesem Steuerungskomitee wird er nicht mehr angehören. Middelhoff hatte sich damals über eine hausinterne Regelung hinweg gesetzt, wonach Bertelsmann-Manager mit Erreichen des 60. Lebensjahres aus dem operativen Geschäft aussteigen müssen. Noch zu Jahresbeginn hatte der Sanierer Richter den Vorsitz im Aufsichtsrat des angeschlagenen Internet-Dienstleisters Pixelpark übernommen.

Der studierte Betriebswirt gilt als ausgezeichneter Kenner der deutschen Medienlandschaft. Ende 1997 war er Vorsitzender Geschäftsführer der Bertelsmann Fachinformation geworden. Nach dem von ihm betriebenen Erwerb des wissenschaftlichen Springer Verlags im Oktober 1999 übernahm Richter die daraus entstandene Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer Science & Business Media. Unter dem Motto "Expansion nach Augenmaß" förderte er die Verknüpfung von gedrucktem Text und Online-Informationen. "New Economy wird nur mit Old Economy Erfolg haben", hatte er nach seinem Amtsantritt verkündet -- ein Credo, das sich angesichts der zerplatzten Internet-Blase als vorausschauend bestätigte. Bei Pixelpark, an dem Bertelsmann mit 60 Prozent beteiligt ist, sowie bei der börsennotierten Lycos NV (Amsterdam) und der Universitätsdruckerei Stürz AG (Würzburg) bleibt Richter Aufsichtsratsvorsitzender. (dpa) / (em)