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Film-Branche: Aufholbedarf bei interaktiven und transmedialen Formaten

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Die deutsche Film- und Fernsehwirtschaft denkt noch zu sehr in getrennten Welten und hält sich bei plattformübergreifenden Projekten, die etwa Computerspiele einbeziehen, extrem zurück, monierte der "Transmedia-Produzent" Marc Lepetit. Bei interaktivem Fernsehen und Inhalten, die die Grenzen des eigenen Mediums hinter sich lassen, stehe die Branche hierzulande noch "ganz am Anfang", betonte Lepetit, der bei der zur UFA gehörenden Berliner Produktionsfirma Phoenix Film arbeitet, anlässlich der Vorstellung der "All Media"-Konferenz. Die TV-Sender etwa hätten "wenig Interesse daran, Leute ins Netz zu bugsieren". Ferner hätten sie noch "zu viel Angst vor dem Moloch Facebook", der ihnen die Kontrolle über ihre Marke oder ihre Serienfiguren rauben könnte. Dabei biete es sich an, einen filmischen Charakter für Nutzer sozialer Netzwerke interessant zu machen und ihn dann im Fernsehen weiter zu entwickeln.

In den USA sind die Studios laut Lepetit bereits deutlich weiter und setzen etwa einen Serienkosmos so auf, dass er beliebig auf verschiedene Plattformen ausgedehnt werden kann. Eine RTL-Serie lande dagegen höchstens auf RTL.de, werde aber nicht mediengerecht aufs Internet oder aufs Mobiltelefon übertragen. In Europa insgesamt sei die Qualität des interaktiven Geschichtenerzählens zwar bereits höher als in den Vereinigten Staaten. Der Entwickler erinnerte in diesem Zusammenhang an die mehrfach preisgekrönte schwedische Crossmedia-Produktion "The Truth about Marika", in der mit 3D-Codes fürs Mobiltelefon und mit über Facebook und YouTube verbreiteten Verschwörungstheorien gearbeitet worden sei. Derartige Projekte stießen auf dem alten Kontinent oft aber auch an rechtliche Grenzen. So breche unter den Beteiligten regelmäßig bei der Auswertung einer Geschichte über verschiedene Plattformen hinweg Streit darüber, "wem der Inhalt gehört".

Phoenix Film selbst bezeichnete Lepetit als gebranntes Kind mit dem Projekt "Kill your Darling". Dieses habe man anfangs für Smartphones entwickelt. Parallel hätten aber browserbasierte Videoplayer auf den Geräten Einzug gehalten, sodass der Kooperationspartner im Mobilfunkbereich das Interesse an originären Inhalten verloren habe. So sei das Vorhaben als 90-Minüter auf ProSieben gelandet, ergänzt durch die zunächst im Vordergrund stehenden "Webisodes". "Wir haben gelernt, dass die Leute unterhalten werden und sich mitteilen wollen", zieht Lepetit daher ein Fazit über das Zwitterwesen vor dem Bildschirm. Dies mache es schwieriger, "die Macht" über eine Geschichte und ein Medienerlebnis zu behalten. Auch habe man gelernt, das Spiel zum Buch bzw. Film nicht mehr als "Abfallprodukt" zu betrachten. Derzeit laute das Motto: "Kräfte bündeln." Es sei viel entwickelt worden, aber keiner traue sich mit dem nächsten großen Projekt raus. Erst müsse die Branche noch stärker lernen, mit welchem Werkzeug welche Nutzer auf welchen Plattformen zu gewinnen seien.

Nach Ansicht von Linda Breitlauch, Professorin für Gamedesign an der Mediadesign Hochschule Düsseldorf, besteht beim interaktiven und transmedialen Geschichtenerzählen "noch eine ganze Menge Luft nach oben". Künftig müssten Handlungsstrukturen zusammen mit Spielern oder Zuschauern demokratisch entwickelt werden, meint die Forscherin. Es gelte nicht nur, ein Filmset hübsch zu gestalten, sondern auch den gesamten bislang im Hintergrund gehaltenen Bereich. Computerspiele schafften neue Welten, die "tendenziell permanent erweiterbar und dynamisch sind". Auch Bücher lassen sich Breitlauch zufolge wunderbar transferieren. Die technischen Möglichkeiten zum Verschmelzen der Medien seien da und reichten bis hin zu Holographien, 3D-Modellen und virtueller Realität. Damit könnten geschichtliche Situationen oder fremde geographische Räume erlebbar gemacht werden. Es fehlten aber noch "Modelle und der Mut".

Erfolgreiche Beispiele für das Zusammenwachsen der Unterhaltungsindustrie vermitteln und den Dialog zwischen den Beteiligten stärken soll nun die "All Media"-Konferenz "StoryDrive" im Rahmen der Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober, die mehrere Computerspiele-Verbände unterstützen. "Die Medienbranche sollen auf Augenhöhe zusammenkommen", erläuterte Britta Friedrich, die für die Kreativwirtschaft zuständige Chefin der Frankfurter Messe, das Konzept. Gemäß dem diesjährigen Tagungsmotto "Storytelling & Storyselling" sollten unter anderem David Heyman, Produzent der Harry-Potter-Filme, über die Rundum-Vermarktung von Medienprodukten und Peter Friedlaender, der Haus- und Hof-Produzent von Tom Hanks, über Geschäfte mit Hollywood sprechen. Die Buchmesse sieht sich allgemein als "weltweit größter Handelsplatz für Content". Bücherregale sollen dabei genauso eine Rolle spielen wie Bildschirme und Smartphones. (jk)