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Filmkritik "Ready Player One": Im Popkultur-Schweinsgalopp durch die Virtual Reality

Das Virtual-Reality-Märchen "Ready Player One" funktioniert auf der Kinoleinwand anders als im Roman – erzeugt aber ein ähnliches Wohlgefühl. Der Unterhaltungsfaktor ist Spielberg-typisch hoch, die sozialkritische Komponente des Buches kommt etwas kurz.

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Ready Player One: Im Popkultur-Schweinsgalopp durch die Virtual Reality

(Bild: Warner Bros. Entertainment Inc.)

Atari 2600, Muppet Show, John Hughes, Apple IIe, Asteroids, Dungeons & Dragons und Star Trek: Der Roman "Ready Player One" schafft es schon auf den ersten 30 Seiten, all diese 80er-Jahre-Popkultur-Erzeugnisse zu erwähnen – der 2011 erschienene Science-Fiction-Roman von Ernest Cline ist berühmt für seine fast schon unanständige Lust auf Anspielungen. Gerade bei in den 80ern sozialisierten Nerds sorgen die unzähligen Popkultur-Referenzen für wohlige Nostalgie-Schauer.

Steven Spielberg – auch eine Ikone der 80-Jahre – hat nun versucht, die Faszination des Buches auf die Kinoleinwand zu bringen und dabei auch später geborene Zuschauer mitzunehmen. Spielberg fokussiert sich nicht mehr ausschließlich auf die 1980er, sondern verpasst seinem Publikum eine eher zeitlose Nerd-Kultur-Dröhnung: Statt Dungeons & Dragons wird auf Herr der Ringe angespielt, statt auf Asteroids auf World of Warcraft. In einigen Szenen zaubert "Ready Player One" mehrere Zitate pro Sekunde aus dem Hut: Da ist mal eine alte Commodore-1541-Floppy zu erkennen, mal für einen Sekundenbruchteil Tracer aus dem aktuellen Blizzard-Shooter Overwatch, mal eine VR-Brille und mal eine Figur aus Devil May Cry.

Deutscher Trailer: Ready Player One – Quelle: Warner Bros Entertainment Inc.

Diese Zitate garnieren eine Geschichte, die in den 2040er Jahren angesiedelt ist. Wade Watts (Tye Sheridan) ist Teenager, bettelarm und Vollwaise. Er wohnt in den "Stacks", Slums, die aus tausenden gestapelten Wohnwagen und stillgelegten Bussen bestehen. Stillgelegt, weil sich wegen der weltweiten Energiekrise fast niemand mehr das Fahren leisten kann. Es herrscht Ressourcenmangel und globale Rezession. Die Welt von "Ready Player One" ist kein schöner Ort.

Die Menschen flüchten sich in die Virtual-Reality-Welt OASIS, das man sich wie eine VR-Version von Second Life vorstellen kann – nur schöner, größer und verspielter. Auch Wade verbringt die meiste Zeit in der OASIS: Vormittags geht er hier zur Schule. Den Rest des Tages geht Wade wie viele andere auch auf Schatzsuche. Der verstorbene Erfinder dieser VR-Welt war der reichste Mann der Welt und hat sein Erbe und die komplette Kontrolle über die OASIS als Preis ausgesetzt. Dafür müssen die Schatzsucher ein aus drei Aufgaben bestehendes Rätsel lösen und einen Schatz (beziehungsweise ein Easter Egg) finden. Wade – oder Parzival, wie er seinen Avatar in der VR-Welt nennt – ist dem Ei auf der Spur; ebenso wie der Großkonzern IOI, der die utopische OASIS-Welt ohne Rücksicht auf die Nutzer durchkommerzialisieren will.

Dazu gibt es noch eine Liebesgeschichte, die so im Buch nicht vorkommt. Sie wirkt aufgepropft und obendrein ziemlich peinlich. Abgesehen davon weiß "Ready Player One" auf der Leinwand ebenso zu faszinieren wie als Roman. Was auch daran liegt, dass Spielberg – in Abstimmung mit Romanautor Ernest Cline – die drei Prüfungen im Film anders gestaltet hat als im Buch; sie sind nun viel mehr auf Schauwert und Action getrimmt. Trotz der mit fast zweieinhalb Stunden opulenten Laufzeit fetzt der Popkultur-Fiebertraum in atemloser Geschwindigkeit über die Kinoleinwand – man wünscht sich manchmal fast eine Pausetaste, um keinen der visuellen Gags zu verpassen.

Ready Player One: Im Schweinsgalopp durch die Popkultur (18 Bilder)

Erst Fahrradfahren, dann in VR-Rumlaufen: Ready-Player-One-Held Wade Watts (Tye Sheridan) in seinem Versteck auf dem Schrottplatz.
(Bild: Warner Bros. Entertainment Inc.)

Die erprobte Spielberg-Mixtur aus Abenteuer, Drama und Humor funktioniert in "Ready Player One" so gut wie lange nicht mehr. Allerdings hat der Regisseur die dystopische Welt des Romans für seinen Film mit viel Zuckerguß verziert: Herrschen im Buch Armut, Drogensucht und Tod in den Slums, schaut man bei Spielbergs Film in fröhliche Mittelklasse-Gesichter von Hausfrauen, die im Putzkittel gutgelaunt ihren Wohnwagen saugen. Auch hat sich Spielberg nicht getraut hat, die beiden jugendlichen Protagonisten so zu zeigen, wie Cline sie beschrieben hat: Übergewichtig und nicht unbedingt dem Hollywood-Schönheitsideal entsprechend.

Glücklicherweise wird aber die wichtige – und hochpolitische – Frage "Wem gehört der Cyberspace?" im Film mindestens so deutlich gestellt wie im Buch. Im ersten Moment wirkt es vielleicht übertrieben, als der schmierige IOI-Chef Sorrento (Ben Mendelsohn) stolz berichtet, dass man fast das gesamte VR-Sichtfeld mit blinkenden Werbebannern zupflastern kann, ohne dass die Benutzer Krampfanfälle bekommen. Doch in Zeiten von Netzneutralitäts-Diskussionen und Hyperkommerzialisierung ist das von der Realität nicht mehr weit entfernt.

Ganz klar: "Ready Player One" will nicht nur unterhalten, sondern auch eine Botschaft unters Volk bringen: Lasst euch eure Utopien nicht von den Anzugträgern versauen! Das ist nicht ohne Ironie, schließlich kommt der Film nicht aus einer Oase des Idealismus, sondern aus jenem Hollywood, das mit immer größeren "Franchise"-Welten die Fans zu schröpfen versucht. Dennoch: Man nimmt dem Film die Message eher ab als beispielsweise "Avatar" (2009) seine Umweltschutz-Moralpredigt.

Und das, obwohl mindestens 70 Prozent des Films komplett aus ästhetisch eher fragwürdiger Computergrafik besteht: Die CGI-Figuren wirken trotz und wegen ihrer Fast-Vollkommenheit seltsam daneben. Wades Avatar sieht aus wie eine Mischung aus Bill Kaulitz (Tokio Hotel) und Final Fantasy. Bei "Ready Player One" kann man sich ihren Sinn aber zumindest einreden: Die Geschichte spielt schließlich die meiste Zeit in der virtuellen Realität, die darf natürlich nicht so aussehen wie die echte Welt.

Apropos VR: Während man im Roman nie im Detail erfährt, wie sich die Protagonisten eigentlich ohne Übelkeit durch die VR bewegen (ein aktuell durchaus akutes Problem), wird der Film deutlich konkreter: Mit sogenannten Omnidirectional Treadmills, also Laufbändern oder Laufställen, auf denen man sich in alle Richtungen bewegen kann. Viele der Geräte im Film erinnern optisch frappierend an den VR-Laufstall Virtuix Omni.

Auch sonst sind größtenteils Geräte zu sehen, die man so oder ähnlich schon heute kaufen kann; mit Ausnahme vielleicht der bei Treffern rot leuchtenden haptischen Westen. In Sachen VR-Headsets haben sich die Produzenten bemüht, das gesamte heute erhältliche Gerätespektrum zu zeigen: Zum Teil sehen die Brillen aus wie billige Handy-VR-Halterungen, zum Teil wie die Oculus Rift, zum Teil wie die HTC Vive.

Ob der Film nun allerdings – wie die VR-Branche hofft – die Verkäufe für die kommerziell bislang nicht sonderlich erfolgreiche Technik ankurbeln kann? Wahrscheinlich nicht, genausowenig wie "Ready Player One" den Computergrafik-Übererfolg "Avatar" vom Erfolgreichster-Film-aller-Zeiten-Thron stoßen wird. Zu gönnen wäre es ihm aber, denn es ist der deutlich bessere Film. (jkj)

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