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Filter erzeugen Tinte aus Autoabgasen

In Indien belasten Abgase das Leben in den Großstädten. Der Erfinder Anirudh Sharma macht aus der Misere Künstlerbedarf: Seine Apparatur filtert Rußpartikel aus der Luft, die als Farbgrundlage genutzt werden.

Filter erzeugen Tinte aus Autoabgasen

Mit Farbstoffen aus Abgas-Ruß entsteht ein Wandbild.

(Bild: Graviky Labs)

92 Prozent aller Menschen atmen Luft ein, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO als ungesund eingestuft wird; mehr als sieben Millionen Menschen sterben jährlich an den Folgen. Während sich in Deutschland die Diskussion vor allem um die Reduzierung der Abgase dreht, betrachtet Anirudh Sharma die Situation aus einem anderen Blickwinkel.

Sharma, der sich selbst einen „chronischen Erfinder“ nennt, stellte sich die Frage: Wie kann ich daraus etwas Nützliches machen? Zusammen mit seinem indischen Unternehmen Graviky Labs hat Sharma die sogenannte Air-Ink – die Lufttinte – erfunden. Benutzt wird sie in Stiften, ölbasierten Farben und Sprühdosen. Mit ihr gelingt es Sharma, aus der Verschmutzung eine Ressource machen.

Schon in der Schule fesselte den Inder der Unterrichtsstoff nur selten. „Mich interessierten neue Dinge.“ Seine erste Erfindung waren Schuhe für Blinde: Über Sensoren und kleine Kameras vermitteln sie ihrem Besitzer, wo er entlanggehen muss. Schnell wurden die „Le Chal“-Schuhe – was in Hindi so viel bedeutet wie „Bring mich dorthin“ – ein Verkaufsschlager. Doch Sharma merkte: „Geschäfte zu machen ist nichts für mich. Ich muss neue Sachen erfinden.“ Er entwarf ein Lineal, welches das Volumen von gerade gezeichneten Figuren errechnet, ehe er sich einem drängenderen Problem widmete.

Sharmas Heimat Indien leidet massiv unter Luftverschmutzung. WHO-Angaben zufolge hat die Hauptstadt Delhi die schmutzigste Luft der Welt. Hauptverursacher ist vor allem der Verkehr. Sharma bemerkte das am eigenen Leib, als sich sein Hemd während eines Spaziergangs durch Bangalore gräulich verfärbte. Mit den Fingern verschmierte er den Ruß wie beim Malen. Und geboren war die Idee der Air-Ink.

Anfangs fuhr Sharma mit einem präparierten Dieselauto durch die Stadt. Ein Schlauch führte vom Auspuff direkt in ein riesiges Sammelgefäß auf dem Autodach. Drei Jahre und unzählige Experimente später ist aus dem riesigen Dachaufbau ein kleines nachrüstbares Kästchen geworden, welches direkt auf den Auspuff gesteckt wird. Der Kaalink genannte Aufsatz sammelt und filtert die Rußpartikel

Anschließend werden in einem mehrstufigen Filterverfahren toxische Stoffe wie Schwermetalle und krebserregende Bestandteile entfernt, sodass lediglich Kohlenstoffpigmente übrig bleiben. Im letzten Schritt kommen je nach Endprodukt noch Ingredienzien hinzu: Im Falle der Ölfarbe sind es Öle; für eine Spraydose gehört komprimiertes Gas zu den Bestandteilen. „Es entsteht eine Farbe, die man nutzen kann wie jede andere auch.“

Ein durchschnittlicher Stift enthält rund 40 bis 50 Minuten Abgasluft eines gewöhnlichen Dieselfahrzeugs. Die Abgase, die ein Auto auf einer Strecke von zehn Kilometern emittiert, genügen Sharma, um eine ganze Druckerpatrone zu füllen.

Sharma würde nicht behaupten, mit seinen Erfindungen die Welt wirklich ändern zu können. Aber auch das sieht er von der praktischen Seite: „Unsere Tinte wird aus Abgasen hergestellt, die andernfalls unsere Lungen verschmutzen würden.“ Auf dem Markt ist die Tinte allerdings – trotz einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne im vorigen Jahr – noch nicht.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von Technology Review (jetzt im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich). (Michael Radunski) / (anwe)

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