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Final Fantasy 15 angespielt: Duran Duran im Wilden Westen

Square Enix nähert sich in Final Fantasy 15 westlichen Geschmäckern an: Japanischer Teenie-Kitsch trifft auf einen US-Road-Movie. Die ersten Spielstunden zeigen, ob dieser ambitionierte Mix funktioniert.

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Final Fantasy 15 angespielt: Duran Duran im Wilden Westen

(Bild: Square Enix)

Unter der Regie des bewährten Regisseurs Hajime Tabata krempelte Square Enix sowohl die Bildsprache als auch die Spielweise seiner Rollenspielserie um. Das heute auf den Markt gekommene Final Fantasy XV übergibt dem Spieler die Kontrolle über einen jungen Mann namens Noctis, der als Prinz des Königreichs Lucis zur Brautschau in die Stadt Altissia aufbricht, um dort Prinzessin Lunafreya zu freien. Währenddessen überfällt das mächtige Niflheim Noctis' Heimat, was das eigentliche Abenteuer in Gang setzt: Das Böse siegt, zumindest vorläufig, woraufhin der Prinz und seine Jungmänner-Entourage quer durch die Final-Fantasy-Welt Eos reisen, um nacheinander ein gutes Dutzend heiliger Waffen zu beschaffen und die Ordnung der Dinge wiederherzustellen.

Wer jetzt schon den Faden verloren hat: Kein Angst, Final Fantasy XV erzählt eine völlig neue Geschichte und führt alle Charaktere behutsam ein.

Final Fantasy XV (8 Bilder)

Statt gleich mit der Action in die Vollen zu gehen, fängt die Story gemächlich mit einer Autopanne an.
(Bild: Peter Kusenberg)

Die Geschichte um Prinzen und Königreiche spielt zwar nicht mehr im Mittelalter, ist aber kaum weniger kitschig. Noctis und seine drei Kompagnons Ignis, Prompto und Gladiolus fahren anfangs in einem schwarzen Cabrio durch die Wüste und bleiben prompt mitten im Nirgendwo liegen. Der Spieler schiebt den Wagen bis zur nächsten Tankstelle, wo sich die kesse Cindy und ihr Vater um die Reparatur kümmern. Währenddessen stromern Noctis & Co. durch die Gegend, empfangen Aufträge per Smartphone und erlegen erste Wildtiere. Dadurch verdienen sie ihr erstes Geld und neue Erfahrungspunkte. Die Menschen in der Gegend können die Hilfe der Halbstarken gut gebrauchen.

Zwar fahren die Helden in ihrem schwarzen Cabrio umher, eine echte Rennspielsimulation ist Final Fantasy 15 jedoch nicht. Denn man kann nicht querfeldein abbiegen, sondern sich nur auf den festgelegten Straßen in engen Grenzen bewegen – da lässt man lieber die KI-Automatik ans Steuer. Bei langen Strecken stellt sich deshalb eine gewisse Langeweile ein.

Statt der serientypischen Rundenkämpfe in Kampfarenen findet der Schlagabtausch via Echtzeit-Aktionen in der offenen Spielwelt statt – ähnlich wie in Monster Hunter oder Xenoblade Chronicles. Die Kampftechniken werden im ausführlichen Tutorial erläutert und bestehen aus flinken Angriffen, Ausweichmanövern und Warp-Schlägen. Bei letzteren hechtet Noctis zu einem hochgelegenen Punkt, von wo as er seine Kampfenergie auflädt und auf den Gegner niederstößt. Die Wucht des Aufpralls verursacht ein Vielfaches des normalen Schadens und ist insbesondere bei den Level-Bossen von großem Nutzen.

Auf dem ersten Ausflug ins Tankstellen-Umland begegnet das Quartett einem Nashorn-Wesen, das sie am besten bezwingen, indem der Spieler allen Mitstreitern Befehle zum Angriff erteilt. Kämpft Noctis selbst, setzt er verschiedenartige Waffen ein. Neben dem mannslangen Breitschwert gibt’s Dolche und Schusswaffen. Am wirkungsvollsten sind die magischen Granaten, die man selbst zusammenbastelt. Sie stellen einen Hauptanreiz dar, die Umgebung nach Werkstoffen zu durchstöbern, denn jeder Gegner hat andere Stärken und Schwächen: Er nimmt vielleicht bei Feuer-Granaten kaum Schaden, segnet aber bei Eis-Explosionen rasch das Zeitliche.

Final Fantasy XV angespielt – 17 Minuten aus der ersten Stunde des Spiels

Die Fähigkeiten der Charaktere lassen sich in einem einfachen Baumsystem ausbauen, das deutlich zugänglicher wirkt als in früheren Serienteilen. Entsprechend bewirbt der Hersteller das Spiel als "für Fans und Neueinsteiger". Im Unterschied zu Final Fantasy 13 hat der Spieler die Möglichkeit, eine Menge Entscheidungen zu treffen, die den weiteren Handlungsverlauf bestimmen. Er darf Aufträge annehmen oder ablehnen oder um Geld feilschen. Häufig stehen ihm dabei seine Kompagnons mit Ratschlägen zur Seite. Die Jungs reden und streiten miteinander, wodurch der Spieler einen guten Eindruck von den unterschiedlichen Charakteren bekommt. Ignis tritt als der Besonnene auf, Prompto mimt den Pfiffikus und Gladiolus ist der Mann fürs Grobe.

Entsprechend ihrer Temperamente gehen die drei verschiedenen Hobbies nach: Noctis kann angeln, Ignis kocht und Prompto fotografiert; die Bilder darf man in seine eigene Galerie übernehmen. Prompto hat oft Angst, was ihn zu einem ungewöhnlichen Rollenspiel-Charakter macht. Ignis kocht nach Rezepten, die der Spieler sukzessive in sein Inventar aufnimmt. Speisen wie Gemüseauflauf und Omelett verbessern einige Fähigkeiten der Truppe, weshalb dem Kochen eine wichtige Funktion zukommt. Gegessen wird am Zeltplatz. Bei einer Rast schöpft das Quartet neue Kraft für die nächsten Kämpfe. Speichern lässt sich nahezu jeder Zeit. Die beiden zunächst wählbaren Schwierigkeitsstufen stellen in den ersten Missionen selbst Einsteiger vor keine großen Herausforderungen. Ab dem dritten von insgesamt 14 Kapiteln zieht der Schwierigkeitsgrad auf "Normal" jedoch an.

Bekannt sind die Serienteile für ihre aufwendig inszenierte Render-Sequenzen, die hier nur selten zum Einsatz kommen. Der Hersteller hat den Großteil der Story zu einem Animations-Film namens Kingslaive ausgelagert, der auf Blu-ray oder über Streaming-Dienste erhältlich ist. Die meisten Gespräche finden in der Game-Engine statt, was den Spieler stärker ins Geschehen einbindet. Die Dialoge sind flockig geschrieben und changieren, je nach Situation, zwischen existenziellen Passagen und lustigem Geplänkel.

Erstmals ist das Final-Fantasy-Abenteuer auf Deutsch erhältlich und wurde professionell synchronisiert. Alternativ schaltet man via Hauptmenü auf die japanische oder die englische Fassung um. Der Soundtrack orientiert sich an den Vorgängern und klingt entsprechend pompös, Serienfans erkennen die süßen Melodie-Fragmente leicht wieder.

Das Design der Spielwelt-Kulissen entspricht dem veränderten Fokus auf eine westliche Inszenierung. Hübsch geraten ist der Küstenort, den man frühzeitig aufsucht, um dort einige Missionen zu bestreiten. So angelt man unter anderem Fisch für eine hungrige Katze, während die Sonne langsam gen Horizont rutscht und die Welt in ein anregendes Licht taucht.

Zwar findet man nach wie vor futuristische Bauten, die Entwickler bemühten sich jedoch mit 50er-Jahre-Autos, die moderne Kleidung und boreale Flora, den Kitsch-Grad früherer Teile zu reduzieren. Allerdings geht der Schuss zuweilen nach hinten los, denn die Mitglieder der Noctis-Gang sehen mit ihren albernen Frisuren aus wie Mitglieder der 80er-Jahre-Band Duran Duran. Einige der weiblichen Figuren werden mit virtuellem Push-up-BH allzu übertrieben sexualisiert dargestellt. Was fehlt, sind ältere Protagonisten, die das allzu teeniehaft agierende Helden-Quartett konterkarieren könnten.

Während des rund fünfstündigen Kurztests lief die PS4-Version ruckelfrei und ohne bemerkenswerte Bugs, jedoch muss der Spieler in größeren Abständen lange Ladezeiten ertragen. Stehen die vier Helden eng beisammen, pflegen sie sich regelmäßig anzurempeln, was kurios aussieht, doch leicht durch einen Patch behoben werden kann. Auf der PS4 Pro lässt sich zwischen einer höheren Framerate oder besseren Grafikqualität umschalten. Zudem unterstützt das Spiel die HDR-Ausgabe (High Dynamik Range).

Final Fantasy XV ist ebenfalls erhältlich für Xbox One, wurde von der USK ab 12 Jahren freigegeben und kostet, je nach Edition, ab 65 Euro. Der Season Pass ist für 25 Euro erhältlich und soll dem Spieler später erlauben, Story-Erweiterungen zu starten, bei denen die drei Begleiter im Fokus stehen.

In Final Fantasy XV prallen westliche Moderne und fernöstlicher Teenie-Kitsch aufeinander. Die Story um den Prinzen Noctis scheint sich zu einer typischen Coming-of-Age-Geschichte beachtlichen Ausmaßes zu entwickeln. Dessen Umfang lässt sich beim Durchblättern des 350-seitigen Begleitbuchs der "Collectors Edition" nur erahnen, doch die 14 Kapitel verheißen ein langes Abenteuer – nach den ersten beiden Kapiteln zu urteilen, dürfte man rund 30 bis 40 Stunden beschäftigt werden. Technisch macht die überaus aufwendige Inszenierung auf der PS4 einen ausgefeilten Eindruck, der moderate Schwierigkeitsgrad kommt Serien-Neulingen zugute. Das modische Halbstarken-Quartett hingegen spricht eher jugendliche Spieler an, während den Serien-Veteranen die Frischzellenkur ein wenig zu adoleszent vorkommen mag. (hag)

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