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Finanzdienstleistungsaufsicht ermittelt gegen Premiere

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Der Münchner Pay-TV-Sender Premiere muss sich auf möglicherweise langwierige juristische Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit der Korrektur seiner Abonnentenzahlen einstellen. Der im vergangenen September an die Spitze des Unternehmens gerückte frühere News-Corporation-Manager Mark Williams hatte kurz nach seinem Amtsantritt die zuvor von Premiere genannte Zahl von 3,4 Millionen Abonnenten deutlich nach unten korrigiert. Das frühere Premiere-Management hatte dem Kundenstamm offenbar rund eine Million Karteileichen zugerechnet und diese falschen Zahlen auch in Unternehmensberichten und Börsenprospekten veröffentlicht.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat einem Bericht der Wirtschaftszeitung Euro am Sonntag zufolge deshalb jetzt eine "förmliche Untersuchung wegen des Verdachts des Insiderhandels und der Marktmanipulation in Aktien der Premiere AG" eingeleitet. Es gebe Anhaltspunkte für eine Ordnungswidrigkeit oder sogar eine Straftat, erklärte eine Behördensprecherin, ohne jedoch mitzuteilen, gegen wen sich die Ermittlungen im Einzelnen richten. Im Fall einer Ordnungswidrigkeit übernehme die Bafin selbst die Ermittlungen, schreibt Euro am Sonntag, sollte sich der Verdacht auf eine Straftat erhärten, werde das Verfahren an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

Die auf Bank- und Kapitalmarktrecht spezialisierte Anwaltskanzlei CLLB hat beim Landgericht Frankfurt unterdessen Klage gegen die Premiere AG "wegen fehlerhafter Angaben zu den Abonnentenzahlen in den Börsenprospekten 2005 und 2007" eingereicht. "In den prospektierten Zahlen waren offenbar auch nicht aktivierte und bereits beendete Abonnements enthalten. Darauf wurde beim Börsengang und bei der Kapitalerhöhung jedoch nicht hingewiesen. Grundsätzlich stehen den Aktionären deshalb Prospekthaftungsansprüche zu", erklärt CLLB-Anwalt Franz Braun. "Insbesondere diejenigen Anleger, die im Rahmen der Kapitalerhöhung 2007 gezeichnet haben, könnten verlangen, dass diese Geschäfte rückabgewickelt beziehungsweise Verluste ersetzt werden."

Da der Kurs der Aktie des Bezahlfernsehsenders seit dem Börsengang von über 30 Euro auf unter 2 Euro gefallen sei, dürfte es "zahlreiche geschädigte Anleger" geben, heißt es bei CLLB. Mit ersten Ergebnissen aus dem bereits eingeleiteten Verfahren vor dem Landgericht Frankfurt sei aber wohl erst in etwa einem halben Jahr zu rechnen. "Abwarten ist gleichwohl nicht angezeigt", meint Rechtsanwalt Braun: "Aufgrund der im Prospekthaftungsrecht relativ kurzen Verjährungsfristen sollte jeder Aktionär möglichst umgehend prüfen lassen, ob auch für ihn Prospekthaftungsansprüche in Frage kommen."

Premiere-Chef Williams will das Pay-TV-Unternehmen nach einem Verlust von 269 Millionen Euro im vergangenen Jahr über einen neuen Businessplan wieder auf Vordermann bringen. Dazu gehören unter anderem ein "verbessertes Programmangebot" und eine "klare und einfache Preis- und Angebotsstruktur". Wie das Wochenmagazin Werben & Verkaufen (W&V) in seiner am Donnerstag erscheinenden Ausgabe berichtet, analysieren Berater der Boston Consulting Group seit Anfang des Jahres Organisation und Strukturen des Unternehmens – und sie sind offenbar zu dem Ergebnis gekommen, dass Premiere einen Personal-Overhead hat.

Laut W&V wird Premiere im Zuge seiner Sanierung "auch Mitarbeiter entlassen". Aus dem Umfeld des Unternehmens sei zu vernehmen, dass "viele Abteilungen von Stellenabbau betroffen" sind. Wie viele Mitarbeiter gehen müssten, sei aber noch unklar. Die Angestellten sollen in den kommenden Wochen über Details informiert werden. Fest stehe aber, "dass Premiere-CEO Mark Williams Personal in der Zentralredaktion und in der Kommunikation streichen wird". Der Plan der Berater sehe aber nicht nur Stellenabbau vor. Abteilungen, die für Wachstum bei den Abonnentenzahlen sorgen sollen, wie Marketing und Sales, wolle Williams stärken und personell aufstocken, schreibt Werben & Verkaufen.

Die Aktie der Premiere AG schoss trotz aller Hiobsbotschaften am heutigen Mittwoch in die Höhe: Im elektronischen Handel legte das Papier bis zum Abend um über 15 Prozent auf 1,54 Euro zu. Als Grund geben Händler Deckungskäufe im Zusammenhang mit dem am Freitag endenden Bezugsrechtshandel für neue Aktien an, die Premiere im Rahmen einer Kapitalerhöhung ausgibt. Die Kapitalerhöhung war von den Aktionären der Premiere AG im Rahmen der außerordentlichen Hauptversammlung am 26. Februar 2009 beschlossen worden und ist wesentlicher Bestandteil der neuen Finanzierungsstruktur, auf die sich Premiere, ein Bankenkonsortium und die News Corporation Ende Dezember 2008 geeinigt hatten. (pmz)

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