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First Tuesday besiegelt das Ende der New Economy

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Die New Economy ist tot. Zu Grabe getragen wurde sie am gestrigen Dienstagabend in der Bauruine des unvollendeten U-Bahnhofs "Kanzleramt" in der Hauptstadt. "Wir wollen die Unterscheidung Old und New Economy endgültig besiegeln", verkündete Dirk Stettner, Vorstand von First Tuesday Deutschland, im Berliner Untergrund bei der Eröffnung des traditionellen Monatstreffens des "neuen Unternehmertums", wie die Organisatoren des Gründernetzwerks ihre Klientel seit einen halben Jahr bezeichnen. Der Begriff New Economy sei zum "Schimpfwort" geworden für die "Überfinanziertheit" von Startups in den vergangenen Jahren und mache auch konzeptionell keinen Sinn mehr. Die meisten Beobachter würden darunter höchstens noch die "Kunst" verstehen, möglichst schnell viel Geld zu machen.

Einen passenderen Veranstaltungsort hätten sich die Planer von First Tuesday für den offiziellen Beerdigungsakt kaum suchen können. Den sich noch im Rohzustand befindlichen Bahnhof hat ebenso wie zahlreiche hochfliegende Projekte der Startup-Gründer das Schicksal eines Baustopps ereilt, der vermutlich nicht mehr aufgehoben wird. Der neue, rot-grüne Berliner Senat hatte im Sommer befunden, dass die von Helmut Kohl gewollte "Kanzlerlinie" der U-Bahn angesichts der Haushaltslage der Hauptstadt nicht weiter zu finanzieren sei. Die Entscheidung fiel in einer Zeit, in der zahlreiche Durchstarter von ihren Investoren ähnliche Töne hörten und ihre Unternehmensträume einäschern konnten.

Doch dass von der Begeisterung aus der kurzen Blütezeit der New Economy nichts geblieben ist und "wir uns jetzt wieder an die Banken wenden, um wegen eines Kredits nachzufragen", glaubt Stettner nicht. "Die Verkrustung der deutschen Wirtschaft wurde aufgebrochen", führt der Berliner Gründer eines Softwareunternehmens als Erfolg der Startup-Szene an. So sei Venture Capital als Finanzierungsmöglichkeit endgültig "salonfähig" geworden. Geschadet habe die Entwicklung dem Standort Deutschland damit nicht.

Auch dass First Tuesday selbst den Hype überlebt und "weltweit die Wirren überstanden hat", wertet Stettner als gutes Zeichen. Von den Netzwerken in 120 Städten, die im Frühjahr noch zugange waren, sind zwar 30 nicht mehr am Laufen. Doch "obwohl wir wie die ganze Branche tot geschrieben wurden", erlebe First Tuesday gerade wieder einen "Zuspruch wie nie zuvor." Die monatlichen Dienstagstreffen verzeichnen jedoch deutlich geringere Besucherzahlen als noch vor anderthalb Jahren, und das vermutlich nicht nur, weil die Getränke seit kurzem nicht mehr kostenlos sind. Trotzdem, so Stettner, gehe nach der strafferen Strukturierung des Netzwerks alles seinen Gang. "Wir werden wie bisher die besten Anbieter für die besten Nachfrager vermitteln."

Stettner hofft, dass First Tuesday nach der Konsolidierung weiterhin als "Barometer" dient, an der sich die Stimmung des Marktes ablesen lässt. Die "Sehnsucht nach Erfolgsgeschichten" sei jedenfalls da, sodass die Voraussetzungen für Gründer wieder besser würden. Das glaubt auch Nikesh Arora, Chef der Telekom-Tochter T-Motion in London. In seiner Keynote sagte der Mobile-Commerce-Pionier, dass der momentane ökonomische Abschwung für angehende Jungunternehmer auch seine guten Seiten habe: "Das bedeutet, dass weniger Leute versuchen, ein Business in Gang zu bringen." Und das wiederum verheiße weniger Ausgaben für PR-Dienstleistungen und Marketing sowie billigere Büromieten. Seine Schlussfolgerung: "Der Markt ist reif für neue Startups."

Obwohl derlei Ermutigungsversuche zahlreiche der versammelten Berliner Startup-Mitarbeiter kaum über erneut die Runde machende Pleitegerüchte weiterer Internetfirmen hinweg tröstete, füllte sich der U-Bahnhof nach dem First Tuesday für eine Nacht lang mit Leben. Die folgende "Subground-Night" lockte zahlreiche Partyschwärmer an, die bis in die frühen Morgenstunden halbwegs lustig feierten. (Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (jk)

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