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 | Technology Review

Fliegende Schiffe: die Renaissance der Bodeneffektfahrzeuge

Reisende sollen bald in Flugzeugen nur wenige Meter über dem Meer ihrem Ziel entgegenrasen. Das Konzept klingt aberwitzig, ist aber vor allem: spritsparend.

Airfish 8

In den 1980er-Jahren raste ein 73 Meter langes Monster, in tosende Wasserwolken gehüllt, im Tiefstflug kilometerweit über das Kaspische Meer. Der „Lun Ekranoplan“, wie die Russen das Gefährt nannten, ist ein sogenanntes Bodeneffektfahrzeug – ein Zwitter aus Boot und Flugzeug. Solche Vehikel jagen rund zwei Meter über der Wasseroberfläche dahin, sind im Schnitt zehnmal so schnell wie ein Schiff gleicher Größe und bis zu 40 Prozent sparsamer als ein Flugzeug gleicher Geschwindigkeit.

Solche Hybride erleben gerade eine erstaunliche Renaissance, wie das Magazin Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 7/2017 meldet (jetzt am Kiosk oder hier zu bestellen). "Ingenieurteams in aller Welt arbeiten derzeit an dieser Technologie“, sagt Hanno Fischer aus Wittlich. Der 92-Jährige hat bereits in den 60er-Jahren solche Bodeneffektfahrzeuge entwickelt und ist immer noch in seiner Firma Fischer Flugmechanik aktiv.

Wenn ein Flügel schnell und dicht über die Wasseroberfläche bewegt, bildet sich darunter ein Kissen aus gestauter Luft, das den Auftrieb erhöht. Der Motor muss also weniger leisten, um das Gerät in der Luft zu halten. Allerdings müssen klassische Bodeneffektfahrzeuge bei Start aus dem Wasser einen hohen Widerstand überwinden. Die Motoren sind deshalb für den Reiseflug überdimensioniert und entsprechend unwirtschaftlich. Das wurde dem 1986 in Dienst gestellten Lun Ekranoplan zum Verhängnis. In den 1990er-Jahren wurde er eingemottet.

Doch Fischer gelang es, den Wasserwiderstand zu verringern. Sein patentiertes System leitet rund sieben Prozent des Propellerstrahls durch einen Luftkanal nach unten zwischen die beiden Rümpfe eines Katamarans. "Dieses Luftkissen trägt etwa 80 Prozent des Gesamtgewichts, sodass durch die geringere Belastung des Schwimmwerks auch der Wasserwiderstand deutlich reduziert wird“" erklärt der Ingenieur.

Mit dem Airfish 8 hat Fischer erste Modelle bereits auf dem Markt: Im Rahmen eines Joint Ventures mit der in Singapur und Australien ansässigen Firma Flightship Ground Effect verkehrt eines dieser Schnelltaxis in Malaysia, das andere in Australien. Die Maschine kostet eine Million Euro, hat eine Spannweite von 15 Metern und kann acht Passagiere bis zu 500 Kilometer weit transportieren. Ein 500 PS starker V8-Motor sorgt für eine Spitzengeschwindigkeit von knapp 200 Kilometern pro Stunde.

In ganz andere Dimensionen stoßen zwei weitere Konstruktionen von Fischer vor, in Lizenz gebaut vom koreanischen Unternehmen Wingship Technology. Das 29 Meter lange Hoverwing 50 verkehrte bereits 2014 im Probebetrieb zwischen den Häfen von Gunsan und Jeju in Südkorea, hat aber noch immer keine Lizenz erhalten. Zwei 1400-PS-Turbopropmaschinen beschleunigen 50 Passagiere auf 180 Kilometer pro Stunde. In Montage in Bremerhaven befindet sich die kleine Schwester, das 650 PS starke Hoverwing 20. Es soll 23 Passagiere in Indonesien befördern. Wann es so weit sein wird, ist noch unklar.

Vor allem militärische Anwendungen hat Professor Xu Zhengyu von der Tongji University in Shanghai im Sinn. Er entwickelt einen Tiefstflieger, der bis zu vier Tonnen Ladung mit 300 Kilometern pro Stunde transportieren soll. Künftig hofft er auf Flugboote, die gar 200 bis 400 Tonnen laden können. So kehrt die Bodenfliegerei zu ihren Ursprüngen zurück: dem militärischen Gigantismus. (grh)

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