Fördert die Digitalisierung familiäres Zusammenleben?

Auf einer Konferenz zu Risiken und Chancen digitaler Technologien wurde immer wieder hervorgehoben, was Entwicklerteams mit Familien gemeinsam haben.

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(Bild: Gerd Altmann, gemeinfrei)

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Wer hätte das gedacht: Digitale Technologien stärken die Idee der Familie als Modell für vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die Mitarbeiter seiner Abteilung gingen miteinander um wie eine Familie, sagte Dirk Backofen, Leiter der Security bei der Deutschen Telekom. Er antwortete damit auf die Frage, wie Unternehmen ihre Computersysteme vor Innentätern schützen könnten. Wenn man sich für einander interessiere und auf einander achte, erklärte Backofen, merke man schon, wenn mit jemandem etwas nicht stimme.

Backofen sagte das auf einem Forum, das die Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) an der Universität der Bundeswehr in Hamburg unter dem Titel "Digitalisierung und der Mensch" veranstaltete. Es beschäftigte sich mit den Risiken und Chancen der digitalen Technologien. Dabei ging es nicht allein um deren Einsatz in den Streitkräften, sondern die Herausforderungen, vor denen große Organisationen generell stehen.

Zuvor war die Familie bereits von der Organisatorin der Veranstaltung Beatrix Palt (Institut für Nachhaltiges Projektmanagement) und ihrem Koreferenten Ralf Junge (Aperto) ins Spiel gebracht worden. Die Orientierung am familiären Zusammenleben solle Organisationen und Projektteams agiler machen. Die zentralen Werte agilen Arbeitens beschrieb Junge folgendermaßen:

  • der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht Prozesse und Werkzeuge
  • die Reaktion auf Veränderungen ist wichtiger als das Befolgen eines Plans
  • Kunden sind wichtiger als Vertragsverhandlungen
  • Produkte sind wichtiger als umfassende Dokumentationen.

Palt ergänzte, dass in einer Familie auch Gegensätze aufeinander prallten: Kindliche Leichtigkeit könne mit Lebenserfahrung in Konflikt geraten und beim gemeinsamen Durchleben von Trotzphase, Pubertät oder Midlife Crisis ginge es sehr emotional und nicht immer friedlich zu. "Aber", so Palt, "wir spielen und feiern auch miteinander." Diese Art des Umgangs ließe sich jedoch kaum in Schulungen oder durch Coaching an den Arbeitsplatz übertragen. Der ideale Lernort für agiles Arbeiten sei vielmehr das Projekt selbst.

Die naheliegende Frage, was das mit Digitalisierung zu tun habe, beantworteten die Referenten mit dem Verweis auf die Offenheit für Veränderungen, die durch Agilität gefördert werde. Projektmanagement werde durch digitale Technologien nicht völlig verändert, aber aufgrund knapperer Ressourcen stärker gefordert, sagte Palt. Man könne sich nicht mehr aus einem großen Pool von Bewerbern die besten herauspicken, sondern müsse die Menschen nehmen, wie sie sind – wie in einer Familie.

Junge verwies auf die Idee der VUCA-Welt. Das Akronym wurde Anfang der 1990er-Jahre am Army War College der USA geprägt, um die Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs zu beschreiben. Die Buchstaben stehen für Volatility (Unbeständigkeit), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit). Junge stellte dem eine andere Interpretation gegenüber: Vision (Vision), Understanding (Verstehen), Clarity (Klarheit), Agility (Agilität).

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Die Idee der Agilität gehe zurück auf das Jahr 1943 erklärte Junge. Damals erhielt die US-Firma Lockheed den Auftrag, innerhalb von sechs Monaten ein Kampfflugzeug zu entwickeln, was auch tatsächlich in 143 Tagen gelang. Carsten Stawitzki, Abteilungsleiter Ausrüstung beim Verteidigungsministerium, sah darin jedoch eher ein Beispiel für Pragmatismus. Im Überlebenskampf während eines Krieges möge vieles möglich sein, sagte er, bezweifelte aber, ob das ohne weiteres auf Friedenszeiten übertragbar sei.

Auch die Gegenüberstellung von Produkt und Dokumentation stellte er in Frage: Schließlich könne die Dokumentation Teil des Produkts sein. Der Militärtransporter A-400 M sei aus diesem Grund zunächst nicht abgenommen worden. Stawitzki plädierte daher eher für ein hybrides Modell aus traditionellem und agilem Projektmanagement. "Wenn man Familie sein will, muss man auch ständig an einem Tisch sitzen", sagte er. Die Bundeswehr habe sich aber 1990 aus der strategischen Partnerschaft mit der Industrie verabschiedet.

So blieb es am Ende unentschieden, ob das V in VUCA nun für Volatilität oder Vision steht. Es gilt wohl beides: Die Visionen sind da, sind aber weiterhin unbeständig und im Fluss. Es gibt mehr Fragen als Antworten. Zum Beispiel die nach dem Unterschied von Familie und Wohngemeinschaft, die einmal auf einer Folie zu sehen war, aber nicht weiter erörtert wurde. (mho)