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Forscherin für Künstliche Intelligenz: "Da ist nichts Mystisches dran"

Theoretiker und Praktiker lernender Maschinen waren sich auf einem Panel zur Zukunft der Arbeit einig, dass smarte Systeme nicht Amok laufen, sondern das Expertenwissen demokratisieren. Einen "Universal-Roboter" werde es nicht geben.

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Forscherin für Künstliche Intelligenz: "Da ist nichts Mystisches dran"

Ulrich Irnich, Susanne Biundo-Stephan, Lars Gaede nebst Wolfgang Hildesheim

(Bild: Stefan Krempl)

Ängste vor schier allmächtigen intelligenten Systemen sind laut Susanne Biundo-Stephan, Professorin für Künstliche Intelligenz (KI) an der Universität Ulm, fehl am Platz. Viel einschlägige Schwarzmalerei komme von Leuten, "die nicht mal Informatiker sind", konstatierte die Fachfrau am Dienstag bei einer Debatte zur künftigen Arbeitswelt im Telefónica Basecamp in Berlin. An lernenden Computersystemen sei aber "nichts irgendwie Mystisches dran". Sie individualisierten sich nicht automatisch.

"Technische Systeme sind immer rational", führte Biundo-Stephan aus. "Nur das, was man hineinsteckt, kriegt man auch raus." Jede Technik könne auch menschliches Leben zerstören, konstatierte die Informatikerin. Dies treffe für die Bremsen im Auto etwa genauso zu wie für den Autopilot im Flugzeug. Letztlich hätten darüber aber die Programmierer die Kontrolle. Plattformen, die KI einsetzen, müssten zudem dazu verpflichtet werden, Missbrauch einzuschränken: "Dafür muss ich global juristische Mittel in der Hand haben."

Ein System, das Assoziationen auf gelerntem Wissen entwickle, sei letztlich unberechenbar, räumte die Forscherin andererseits ein. "Das wirkt genial und insofern bedrohlich." Etwas Beunruhigendes sei da schon dran. Es gebe aber auch viele formale KI-Methoden, etwa auf Basis symbolischen Wissens, die so geartet seien, "dass das funktionale Verhalten ganz genau nachvollziehbar ist". Ein ideales System sollte daher beide Ansätze vereinen, "um es plausibel zu machen" und kontrollierbar zu halten.

An ihrem Lehrstuhl arbeite sie mit Kollegen und Studenten derzeit an einer "Companion-Technologie", verriet Biundo-Stephan. Mit deren Hilfe solle jedes computerisierte Gerät individuell zugeschnitten auf die momentane Situation und Empfindlichkeit des Nutzer reagieren. Eine neue Digitalkamera etwa könne so den Anwender genau bei seinem Kenntnisstand rund um Fotografie abholen und bei Bedarf etwa mehr oder weniger automatisch in den Makromodus übergehen.

An die Politik appellierte die Forscherin, das "Bildungsversprechen" endlich einzulösen, das Schulsystem zu reformieren und den Nachwuchs fit zu machen für die Digitalisierung. Nicht alle müssten Informatik studieren, da etwa auch Lehrer oder Altenpfleger weiter gebraucht würden und deren Arbeit mit der vernetzten Technik und Robotern einfacher werde. Letztlich sollte jeder das tun, für was er "das meiste Engagement aufbringen kann".

Der Technologiesektor selbst schaffe kaum mehr Arbeitsplätze, gab Carl Frey von der Universität Oxford zu bedenken. Nur 0,5 Prozent der US-Belegschaft arbeite seit 2010 in den "neuen Industrien", erläuterte der Arbeitsforscher. Die Internet- und IT-Riesen im Silicon Valley etwa hätten zusammengenommen nur rund 130.000 Mitarbeiter, während in der Detroiter Autoindustrie in den 1990ern bei ähnlich hohen Umsätzen mehrere Millionen malocht hätten.

Carl Frey

(Bild: Stefan Krempl)

Frey und sein Kollege Michael Osborne hatten 2013 mit einer Studie für Aufsehen gesorgt, wonach 47 Prozent der Arbeitsplätze in den USA durch Maschinen ersetzt werden könnten. Gleichzeitig entstünden etwa rund um den IT-Sektor aber viele neue Beratungs- und Servicejobs, erläuterte der Wissenschaftler nun. Der Ökonom John Maynard Keynes habe schon 1930 eine "technologische Arbeitslosigkeit" vorhergesagt, aber dabei die Dienstleistungsrevolution nicht kommen sehen. Menschliche Tätigkeiten dürften in Bereichen wie Kreativität, sozialer Intelligenz oder Wahrnehmung weiter gefragt sein, da es keinen "Universal-Roboter" geben werde.

Voller Optimismus blickte Wolfgang Hildesheim, Leiter Watson Core Solutions bei IBM, in die schöne neue Arbeits- und Lebenswelt. "Wir werden älter werden, gesünder sein, mehr wissen und demokratischer leben", prophezeite er. KI wie im Jeopardy-Sieger Watson werde nicht nur in Form von Chat-Bots und automatischen Dialogsystemen etwa in Call Center einziehen, sondern auch in Expertensysteme. Viele Ärzte trainierten ein solches derzeit etwa darauf, spezielle Behandlungen für Brustkrebs bis hin zur Chemotherapie zu empfehlen. Eine solche Technik habe IBM bereits "aus New York nach Thailand" exportiert und so dort zu einem gewaltigen Therapiefortschritt beigetragen. Die Folge sei eine "Demokratisierung des Expertenwissens".

Telefónica betreibe mit einem "Digital Brain" im hauseigenen Intranet bereits ein Expertensystem für Fragen von Mitarbeitern, berichtete Ulrich Irnich, der bei dem TK-Konzern Abläufe vereinfachen soll. KI reichere dabei aber nur die Auskunftsbegehren an und leite sie an Beschäftigte weiter, die eine Antwort parat haben dürften. Im Vordergrund stehe, die Zusammenarbeit zu fördern und Expertengruppen zu bilden.

Einen Schritt weiter geht laut Irnich ein neues "Digital Collaboration Center", mit dem jeder Mitarbeiter letztlich auf den reichen Informationsbestand des Unternehmens zugreifen könne. "Bei uns fallen knapp 130 Milliarden Daten im Netz pro Tag an", unterstrich der Transformationsbeauftragte. Diese bezögen sich etwa darauf, wie sich jemand ins Netz einlogge und wie die Verbindungsqualität sei. Damit könnten die Beschäftigten auch verschiedene Wettbewerbspreise vergleichen und spezifische Angebote für die Kunden rausgeben. Früher sei das alles Herrschaftswissen für die Chefetage gewesen.

Im September hatte Telefónica viele Mobilfunkkunden von O2 und der verknüpften Marken mit der Initiative verunsichert, Bewegungsdaten ohne direkten Personenbezug zu versilbern. Irnich formulierte nun das ambitionierte Ziel, "den Kunden ihre Daten zurückzugeben und sie entscheiden zu lassen, was damit passiert". (Stefan Krempl) / (kbe)

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