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Freier Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen gefordert

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"In einer wissensbasierten Ökonomie sollte das Wissen frei fließen." Dieses klare Bekenntnis legte der Präsident der Niederländischen Wissenschaftsorganisation (NWO), Professor Jos Engelen, in seiner Keynote auf der Konferenz Academic Publishing in Europe (APE 2011) ab, die derzeit in der Berliner Akadamie der Wissenschaften stattfindet. "Früher oder später", ist Engelen überzeugt, werde der freie Zugang zu den Ergebnissen der öffentlich geförderten wissenschaftlichen Forschung "der Normalfall und nicht die Ausnahme" sein.

Open Access sei zwar nicht umsonst zu haben, denn ein professionell gesteuertes Publikationswesen sei für die Wissenschaft unverzichtbar; aber die Umstellung von der bisher praktizierten Finanzierung der Fachjournale über die Abonnements der Universitäts- und Institutsbibliotheken auf ein autorenbasiertes Finanzierungsmodell, bei dem die Autoren oder ihre Institutionen für die Veröffentlichung der Manuskripte zahlen, sei kostenneutral und somit die optimale Lösung, Forschungsergebnisse jedermann frei zugänglich zu machen.

Auf dem Weg dahin unterstützt die NWO – das holländische Gegenstück der Deutschen Forschungsgemeinschaft – die Umwandlung existierender renommierter Journale in Open-Access-Zeitschriften, wie dies das Sponsoring Consortium for Open Access Publishing in Particle Physics (SCOAP3) in Zusammenarbeit mit den Wissenschaftsverlagen für ein gesamtes Forschungsgebiet – die Elementarteilchenphysik – betreibt. Die vom CERN gestartete Initiative steht derzeit kurz vor dem Ziel, die weltweit von allen einschlägigen Forschungsorganisationen und Bibliotheken bislang gezahlten Subskriptionsmittel in Konsortialbeiträge umgewidmet zu bekommen, um daraus die Publikationskosten bei den Verlagen zu tragen.

Ob dieser Ansatz auf andere Wissenschaftsdisziplinen übertragbar ist, steht allerdings dahin, denn dazu müssten die etablierten Verlage aktiv an der Umstellung mitwirken. Nur, so die praktische Erfahrung des NWO-Präsidenten, "warum sollten sie ein profitables Geschäftsmodell ändern?"

Deshalb fördert die NWO auch die Gründung neuer Journale nach dem Open-Access-Modell, indem sie in der Anfangsphase entsprechende Mittel bereitstellt. Aber auch dieser Weg stoße auf Schwierigkeiten, wie Engelen erläuterte. So gelte der sogenannte Impact Factor – die durchschnittliche Häufigkeit, mit der die Artikel einer Zeitschrift zitiert werden – allgemein als Qualitätsmaßstab. Forscher wollen ihre Veröffentlichung in den einflussreichsten Zeitschriften unterbringen, und Forschungsförderer betrachten dies wiederum als Qualifikationsnachweis. Daher hätten neugegründete Zeitschriften, die mit einem niedrigen Impact Factor starten, große Mühe, sich gegen die etablierte Konkurrenz durchzusetzen. Doch solche Hindernisse seien überwindbar. Man könne ja, schlug er vor, beispielsweise einer neuen Zeitschrift in den ersten drei Jahren einfach einen Impact Factor zuschreiben und ihn anschließend durch den real erworbenen ersetzen.

Mit der klaren Ansage in Sachen Open Access provozierte der holländische Physiker und frühere Wissenschaftlichliche Direktor des CERN einige unter den rund 200 Teilnehmern der zweitägigen Veranstaltung zum Widerspruch. Ein Vertreter der Verlagsbranche fragte, ob man die Umstellung nicht dem Markt überlassen sollte. "Das wird zu lange dauern", erwiderte Engelen, "ich glaube, hier braucht es einen Anstoß". Ein anderer wies auf ein Problem mit dem "author pays"-Modell hin, weil die größten Kosten mit den abgelehnten Arbeiten entstünden: Wenn Zeitschriften wie Science oder Nature nur fünf Prozent der eingereichten Arbeiten zur Veröffentlichung annähmen, müssten die fünf Prozent der erfolgreichen Autoren die von den anderen 95 Prozent verursachten Kosten tragen. Dazu meinte Engelen, es sei kein gesunder Zustand für das wissenschaftliche Publikationswesen, wenn eine Zeitschrift 95 Prozent der eingereichten Arbeiten ablehne.

Ein weiterer Diskutant stieß sich an dem vorgeschlagenen Pseudo-Impact-Factor und wollte wissen, ob es stattdessen nicht einfacher sei, alles so zu lassen wie es ist, "als ein völlig neues System zu schaffen". Doch Engelen sieht keine Alternative. Inzwischen erscheinen jedes Jahr rund 1,5 Millionen wissenschaftliche Aufsätze, erklärte er. Wer deren Inhalte maschinell erschließen will, müsse die freie Verfügbarkeit sichern, und das gälte erst recht für die Veröffentlichung und Erhaltung von Forschungsdaten, die als nächste Herausforderung auf die Wissenschaft zukämen. (Richard Sietmann) / (jk)

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