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Freigang für Enten

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1. April: Mehr oder weniger ungestraft können die Medienschaffenden endlich einmal selbst Enten zeugen, die ihnen sonst über das ganze Jahr hässlich allerorten auflauern, um nach dem Motto Andy Warhols im Lichte der Öffentlichkeit kurzfristig zu einem Schwan zu mutieren. Mit großem Misstrauen haben sich viele Leser daher auch im Internet durch die diversen Informationsquellen bewegt. Nicht alle sind auf "Feenstaub" oder eine "Zeitmaschine" fürs Business geeicht, die außer der Scherzsaison in den Werbe-Slots der Medien gezeigt werden und eigentlich sensibilisieren sollten. Außerdem gibt es mitunter massive, aber komplett wahre Ablenkungsmanöver.

Doch nicht nur Journalisten führen aufs Glatteis. Englische Informatiker verkünden, sie hätten sich bei der Entwicklung der neuen Programmiersprache "Whitespace" von George Orwells "Newspeak" in 1984 insipieren lassen. Zum Schutz der Daten könne der Code außerdem in weißer Schrift ausgedruckt werden. Niemand würde ahnen, dass es sich bei dem Stück weißen Papiers um ein Programm handelt. Um Sicherheit sorgt sich auch Steven M. Bellovin von AT&T Labs Research. Er verkündet in einem RFC, IPv4 Header würden mit einem Security-Flag versehen. Durch das Setzen des Flags würden zum Beispiel Firewalls künftig weniger Probleme haben, Datenpakete mit schädlichem Inhalt zu erkennen.

Schön wäre es. So wie auch das "RDD" des SWR. Der Sender behauptet, neben dem RDS-Signal würden jetzt auch Computerdaten zusammen mit dem dritten Radioprogramm ausgesendet. Mit dem RDD, also RadioDownload, sollen Musiktitel schneller als per DSL übertragen werden. Das ist natürlich Humbug, so wie auch die Pressemitteilung des "IFT-Berlin", die etwas subtiler daherkommt. Das "IFT" werde das Chessbrain Network um den neuen, weltgrößten Apple Xserve Cluster erweitern. Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass es sich bei dem IFT um das "Institut für Tellerrandforschung" handelt.

Die Rheinzeitung, Ausgabe Nahe-Zeitung, schrammt dagegen mit ihrem Scherz noch knapper an der Realität vorbei. In den USA in manchen Staaten für manche Straftäter bereits Usus, sollen hierzulande Temposünder bereits 6 Minuten nach ihrem Vergehen mit Fotos und gemessener Geschwindigkeit online präsentiert werden. Empörend, so wie wohl für manchen Open-Source-Anhänger, dass sich Microsoft für seinen Windows Server 2003 ausgerechnet des Linux-Kernels bemächtigt haben soll, wie die Computerwoche fabuliert.

Microsoft selbst hält mit seiner Art Humor heute auch nicht hinterm Berg und verkündet unter der Rubrik "VS.NET 2003 Legacy Platform Extensions" Visual Basic 3.0 für die Common Language Infrastructure. "In der entstandenen Ruhe der letzten Monaten ließ sich daher ein leiseres, jedoch konstantes Rumoren vernehmen: Visual Basic 3.0 (VB3), lange totgesagt, bewegte sich in seinem Grab", meint Microsoft augenzwinkernd. Apropos Grab: Bei Bauarbeiten zum Nordportal der Alpenbahn NEAT im schweizerischen Erstfeld habe es einen sensationellen Fund gegeben, schreibt Swissinfo. Namhafte Wissenschafter seien sich einig: "Das ist die letzte Ruhestätte des Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell."

Eine neue Version eines Datengrabes hat sich Thinkgeek.com ausgedacht. Personen, die um die Sicherheit ihrer Daten besorgt sind, könnten diese direkt auf einem HP Shrinter drucken, einer Kombination aus Drucker und Shredder. Paranoia ergriff heute auch Besucher von Cpan.org. Statt auf dem Perl-Archiv landeten sie auf "Matt's Script Archive". Schnell machte die Rede vom Domain-Klau die Runde, bis sich herumsprach, dass Cpan.org doch weiter erreichbar ist, nämlich über einen Klick auf das MSA-Logo links oben auf "Matt's Archive".

Der US-amerikanischen Regierung wird so manches nachgesagt, gerade in diesen Kriegszeiten. Doch dass sie die Betreiber der Suchmaschine Google.com angewiesen hat, deutsche und französische Internetseiten aus dem Index zu streichen, stammt nachweislich ebenfalls aus dem Reich der Fabeln. Der US-Regierungssprecher Ari Fleischer hat auch nicht gesagt, es sei "nicht akzeptabel, dass mit amerikanischen Steuermitteln das Surfvergnügen der Kriegsverweigerer aus Deutschland und Frankreich unterstützt wird, während unseren Jungs der Sandsturm ins Gesicht bläst".

Eine Reaktion der US-Regierung ist noch nicht bekannt, wohl aber anscheinend von Drucker- und Kamerahersteller Canon. Dieser sei "not amused" über eine Meldung auf Digitalkamera.de, die digitale Spiegelreflexkamera "Medion MD 6D" würde für 1300 Euro bei Marktkauf verschleudert. Sie habe "weitgehende Ähnlichkeiten mit der -- eigentlich tot geglaubten -- Canon EOS D60". Daraufhin habe Canon das Magazin gebeten, die Meldung vom Netz zu nehmen. "Da der 1. April ein Tag ist, an dem die gute Laune im Vordergrund steht und woanders auf der Welt die Stimmung schon genug auf 'Konfrontation' steht, wollen wir die gute Laune zumindest hier erhalten und der Bitte von Canon nachkommen", heißt es in einer Mitteilung.

Schlechte Laune täuscht dagegen Macup.de vor. Der Bund Naturschutz Bayern e.V. (BUND) wolle gegen Alternate vorgehen, da der Computerversand für 99 Euro einen Einbausatz für die taiwanischen Lian-Li-Gehäuse anbiete. In dem PC-Aquarium sei genug Platz für zehn Guppies oder vier Goldfische. Für den Bund Naturschutz sei der schmale Tank aber für lebende Tiere nicht geeignet und aufgrund von Gerätevibrationen für jedes Lebewesen eine Tortur. Und auch Big Blue bleibt nicht verschont, das laut GLAT.ch den ersten Alpharelease von PalmOS/390 freigegeben hat, einer Portierung des Embedded Systems auf IBM Mainframes. Damit könne "weltweit und vollkommen standortunabhängig eine Verfügbarkeit nach Bedarf bis zu 99,999 Prozent garantiert werden".

Das Gewitter der scherzhaften Falschmeldungen war dieses Jahr beträchtlicher als im vergangenen, als der 1. April auf einen Ostermontag fiel. Umso verunsicherter waren auch einige Leser von heise online angesichts der Meldung, dass es Hackern gelungen sei, Linux mit Hilfe des Spiels James Bond 007 Agent im Kreuzfeuer auch auf einer nicht modifizierten Xbox zu starten. So weit wir das überprüfen konnten, handelt es sich nicht um einen Aprilscherz... oder doch? (anw)

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