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Frequenzauktion: Veranstaltungstechnik sieht sich erneut benachteiligt

Die geplante neue Spektrumsaufteilung gefährdet Großveranstaltungen wie Spitzenspiele der Bundesliga, mahnen Betreiber von Funkmikrofonen. heise netze ist dem Problem im Gespräch mit einem der Funkmikrofon-Hersteller nachgegangen.

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Seit dem 11. Dezember 2014 ist es beschlossene Sache: Die "Digitale Dividende II", das Rundfunkspektrum zwischen 694 und 790 MHz und das L-Band, wird noch im ersten Halbjahr 2015 an den Mobilfunk versteigert. Trotz der politischen Übereinkunft zwischen Bund und Ländern bleiben aber nach Meinung von Beobachtern viele technische Aspekte ungelöst. Mit dem aktuellen Entwurf sind selbst die Mobilfunknetzbetreiber nicht glücklich. Und bei ungünstigem Auktionsausgang könnte es sogar passieren, dass das eine oder andere Netz hinterher schlechter dasteht als vorher, obwohl die Versteigerung gerade die Breitbandversorgung verbessern soll.

Hersteller und Betreiber von Veranstaltungstechniken finden besonders kritisch, dass Funkmikrofone und weitere professionelle drahtlose Produktionsmittel (PMSE, Programme Making and Special Events), die für Bühnendarbietungen der Kultur- und Kreativwirtschaft, aber auch die Live-Berichterstattung unverzichtbar sind, "wertvolles Frequenzspektrum verlieren sollen".

Wo diese in Zukunft senden sollen, finden die PMSE-Nutzer unklar. Aber anders als bei der letzten Versteigerung, nach der sie mitsamt den DVB-TV-Sendern schon das 800-MHz-Band räumen mussten, finden sie jetzt bessere Argumente für den Erhalt ihrer Plätze. Nun stellen sie heraus, dass "besonders Großveranstaltungen wie Spitzenspiele der Bundesliga und der Champions-League gefährdet" sind. Spätestens mit der deutschen Bewerbung zur Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele komme für die BNetzA die Stunde der Wahrheit.

Noch immer kritisieren Betreiber von Funkmikrofonen die Folgen der Frequenzauktion im Jahr 2010. Seitdem haben sie aber immerhin noch ausreichend Spektrum zur Verfügung, um beispielsweise Audio-Übertragungen von Großveranstaltungen zu gewährleisten. Nun sollen Funkmikrofone auch den Bereich von 710 bis 792 MHz räumen.

heise netze ist dem Problem im Gespräch mit Norbert Hilbich von der Firma Sennheiser nachgegangen. Sennheiser stellt unter anderem Funkmikrofone her. Hilbich beurteilt die aktuelle Einigung zwischen Bund und Ländern, die Auktion im Frühjahr 2015 durchzuführen, kritisch. "Wir sind der Ansicht, dass die Frequenzauktion zu früh kommt, da sehr viele Fragen nach wie vor ungeklärt sind, obwohl diese seit langer Zeit von den betroffenen Spektrumnutzern an die BNetzA adressiert worden sind".

Die EU Kommission habe aufgrund dieser Eingaben vorgeschlagen, das 700-MHz-Spektrum im Zeitfenster von 2020 bis 2022 für neue Dienste vorzusehen. Die dazu notwendigen internationalen Abstimmungen sollen demnach möglichst bis Ende 2016 durchgeführt werden. Hilbich merkt kritisch an, dass "eine Vorab-Versteigerung damit wohl nicht gemeint" sei. Aber Sennheiser zeigt sich durchaus auch gesprächsbereit: "Wir stimmen damit überein, die zur Verfügung stehende Zeit zu nutzen, um für alle Beteiligten akzeptable und langfristige Lösungen zu erarbeiten".

Wiederum verweist Hilbich auf die Nachteile, die die Veranstaltungstechnik schon aus der Auktion 2010 hinnehmen musste und deren Folgen ihr weiterhin zu schaffen machen; ein wesentlicher Teil der Funkmikrofonnutzer musste danach in den Bereich von 710 bis 790 MHz umziehen. "Unter anderem wurde dieser Umzug auch mit Steuergeldern finanziert", so Hilbig. Nun stehe ein weiterer Umzug an, jedoch mit dem zusätzlichen Nachteil, dass zu wenig Frequenzlücken für die Veranstaltungstechnik verbleiben. Die unter anderem auch von der EU geforderten Ersatz-Frequenzen für die Veranstaltungstechnik seien mithin nicht langfristig verlässlich verfügbar. Man dürfe jedoch nicht dien Wirtschaftsfaktor "Veranstaltungstechnik" verkennen: Sie stehe in Deutschland praktisch an zweiter Stelle nach der Automobilindustrie, betont Hilbich.

Funkspektren für PMSE (MHz)
32,475 – 38,125
174 – 230
470 – 790
823 – 832
863 – 865
1452 – 1518
1785 – 1805
2400 – 2483,5

Die Bundesnetzagentur hat zwar in ihrem Entwurf zahlreiche Bänder aufgeführt, die für die Veranstaltungstechnik eingesetzt werden können, insgesamt stolze 440 MHz in acht verschiedenen Bändern. Aber für die Nutzer der Funkmikrofone klingt das nach mehr als es de facto ist. Die BNetzA führt in der Tabelle beispielsweise Frequenzbereiche auf, die erst noch versteigert werden sollen (694 – 790 MHz und 1452 – 1492 MHz). Diese stehen also nur verzögert zur Verfügung. Der Bereich von 2400 – 2483,5 MHz eignet sich für Funkmikrofone nur schlecht; bestenfalls ließe er sich nutzen, wenn WLAN und überhaupt alle 2,4-GHz-Funker im Veranstaltungsraum ausgeschaltet werden würden. Das lässt sich in der Praxis kaum 100-prozentig sicherstellen.

Alleine diese beiden Bereiche halbieren das Angebot von 440 MHz. Außerdem seien die von der BNetzA aufgeführten Lücken in den VHF- und UHF-Bereichen zu optimistisch berechnet. Beispielsweise werde aktuell im VHF-TV-Bereich deutschland-weit DAB+ aufgebaut. Auch das reduziert den Bereich, den PMSE-Anwendungen nutzen können. Der Bereich von 32,475 – 38,125 MHz sei wegen starker Störungen und langer Antennen praktisch auf nur wenige Anwendungen beschränkt.

Die Frequenzbereiche 823 – 832 und 1785 – 1805 werden von Mobilfunkendgeräten stark gestört und können daher nur in Teilbereichen genutzt werden. Schätzungen zufolge könnten nur maximal 17 MHz in ausreichender Qualität nutzbar bleiben.

Nicht in die Betrachtung einbezogen sei auch die geplante Umstellung von DVB-T auf DVB-T2: "Das wird, wenn auch nur temporär – wahrscheinlich für drei bis vier Jahre, die verbleibenden verfügbaren Frequenzen für die Veranstaltungstechnik etwa halbieren", fasst Hilbich zusammen. "Sehr viele Veranstaltungen und Übertragungen werden dann nicht mehr in bekannter Form möglich sein". (dz)