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Frisches Blut für Wikipedia

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"Die erste Priorität der Wikimedia Foundation ist es, die ersten Erlebnisse neuer Nutzer zu verbessern", erklärte Michael Jahn, Mitarbeiter von Wikimedia Deutschland, auf der Konferenz in Nürnberg. Denn gerade bei den neuen Mitstreitern stößt das Projekt auf Probleme. Zwar stoßen immer noch viele Nutzer zur Wikipedia hinzu, aber sie steigen relativ schnell wieder aus dem Projekt aus. Mit Experimenten wie einem neuen Belohnungssystem will Wikimedia das Arbeitsklima verbessern, bisher aber ohne spürbare Erfolge.

Die zweite große Priorität ist die Etablierung eines neuen Wikipedia-Editors, der es Autoren auch ohne Kenntnis der MediaWiki-Syntax erlauben soll, komfortabel Änderungen an den Artikeln der Wikipedia vorzunehmen. "Wenn wir es wirklich wollen würden, könnten wir die Anzahl der Nutzer in der Community vervielfachen. Aber ich glaube nicht, dass wir es wirklich wollen", sagte Kurt Jansson in Nürnberg. Die Voraussetzungen seien heute zu schlecht: "Wem kann man den heutigen Editor zumuten?", fragte der Gründungsvorsitzende von Wikimedia Deutschland.

Der WYSIWYG-Editor wird zwar seit über fünf Jahren immer wieder angekündigt, wurde aber bis heute nicht umgesetzt. Inzwischen wurde eine erste Version des neuen Editors für Ende 2011 in Aussicht gestellt, in Wikipedia soll der neue Editor voraussichtlich im nächsten Jahr etabliert werden. Der Vorsitzende des Stiftungsrats der Wikimedia Foundation Ting Chen gestand auf der WikiCon Versäumnisse der US-Stiftung ein. "Erst seit 2008 haben wir die Entwicklung wirklich vorangetrieben", sagte Chen. Obwohl mittlerweile fast 100 Angestellte für die Wikimedia Foundation arbeiteten, seien dies immer noch viel zu wenige für die anstehenden Aufgaben. So hatte die Stiftung angepeilt 60 Entwickler einzustellen, konnte aber bisher nur die Hälfte der Stellen besetzen. Zudem hätten die Entwickler mit starkem Gegenwind aus der Wikimedia-Community zu kämpfen, wenn sie neue Features entwickelten.

Unterdessen versucht Wikimedia ein besseres Bild von den Problemen der Wikipedia zu bekommen. So versucht die Wikimedia Foundation mit einem multidisziplinären Forschungsprogramm die Zusammensetzung und Motivation der Community und die Auswirkungen der Wikipedia-Regeln wie dem anonymen Editieren zu erforschen. Mit einem systematischen Untersuchung der Zufriedenheit der Wikipedia-Autoren versucht der Medienwisenschaftler Manuel Merz derzeit Erkenntnisse über die Motivation der deutschsprachigen und englischsprachigen Wikipedia-Communities zu gewinnen. Dazu schickte er einen Fragebogen an Nutzer, nachdem sie ihren ersten Edit in der Wikipedia abgespeichert hatten.

Erste Auswertungen der 2100 Antworten bestätigen den geringen Frauenanteil: Nur neun Prozent der Befragten war weiblich. Während sich Administratoren trotz einer Anhäufung von undankbaren Routine-Tätigkeiten in ihre Rolle eingelebt haben, sieht es für die unangemeldeten Autoren anders aus: "Neue Nutzer fühlen sich in der Wikipedia wenig willkommen", erklärte Merz. So werden Neulinge oft damit konfrontiert, dass ihre ersten enzyklopädischen Gehversuche schnell gelöscht werden. Genauere Ursachen und Strategien für eine Verbesserung des Arbeitsklimas will Merz in den kommenden Monaten herausarbeiten.

Immer wieder thematisiert wird der offene Zugang der Wikipedia und die Verwendung von Pseudonymen. Auf der WikiCon schlug Wikipedianer Jürgen Engel vor, die Nutzung des Klarnamens in der Wikipedia zu fördern. Bei einer Auswertung von 1000 Wikipedia-Konten fand er nur 75 Nutzer, die ihren bürgerlichen Namen als Autorennamen verwenden. Dabei sei es in den meisten Fällen unnötig, sich hinter Pseudonymen zu verstecken. "Es gibt nur wenige Berichte über nachteilige Ereignisse", sagte Engel. Zudem würde die Nutzung des Realnamens das Ansehen zum Beispiel bei Wissenschaftlern erhöhen, um deren Mithilfe man sich bemühe.

Beim Publikum stieß die Initiative aber auf wenig Zustimmung. So wollen viele Wikipedianer nicht breit bekannt machen, woran genau und wann sie in der Online-Enyzklopädie arbeiten. Verzicht auf Pseudonyme werde die Umgangsformen kaum verbessern. Hier seinen Treffen wie die regelmäßig stattfindenden Wikipedia-Stammtische wichtiger: "Ob ich einen Wikipedianer beim Stammtisch unter Klarnamen oder Benutzernamen kennenlerne, ist mir egal. Wichtig ist mir, dass ich ihm in die Augen sehen kann", sagte eine Teilnehmerin.

Erfolgreicher erweist sich derzeit eine andere Initiative. Unter dem Motto Wiki loves Monuments ruft Wikimedia dazu auf, Bilder von europäischen Denkmälern auf die Multimedia-Plattform "Wikimedia Commons" hochzuladen. Nach weniger als zwei Wochen wurden bei der Aktion, für die derzeit auf allen Wikimedia-Plattformen geworben wird, über 36.000 Bilder von historischen Bauwerken und Naturdenkmalen hochgeladen, davon über 6000 aus Deutschland. Die Aktion läuft noch bis Ende September. Die besten Bilder sollen mit Sachpreisen wie einem Tragschrauberflug oder Fotoausrüstungen prämiert werden. (jk)

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