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Technology Review

Fukushima: Strahlung doppelt so stark wie bisher bekannt

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Wie Japans Atomaufsichtsbehörde am gestrigen Montag bekannt gab, geht man beim Reaktorunfall von Fukushima nun von einem radioaktiven Austritt von über 770.000 Terabecquerel während der ersten fünf Tage aus. Dies entspricht mehr als einer doppelt so hohen Menge als der bisher genannten Zahl von 370.000 Terabecquerel. Das Atomkraftwerk von Fukushima war am 11. März dieses Jahres von einem Erdbeben und anschließender Tsunami-Flutwelle erheblich zerstört worden.

In der Folge kam es in mehreren der insgesamt sechs Reaktoren zu Stromausfällen und Kühlproblemen. Wie von der Betreiberfirma Tepco bereits im Mai angedeutet und von der Regierung nun bestätigt wurde, kam es dadurch bei den Reaktoren 1 bis 3 innerhalb weniger Stunden zu Kernschmelzen. Die Reaktoren 4 bis 6 waren wegen Wartungsarbeiten zum Zeitpunkt des Unglücks nicht in Betrieb. Mit dem neuen Informationsstand ist offiziell klargestellt, dass die Konstruktion der Anlage bereits mit dem Erdbeben und nicht erst mit der Flutwelle überfordert war.

Auch knapp drei Monate nach dem Ereignis gilt die Situation in dem japanischen AKW nicht unter Kontrolle. Anfängliche Pläne einen kontrollierten Zustand binnen sechs Monaten zu erreichen wurden mittlerweile aufgeweicht und auch die Perspektiven für 2012 scheinen angesichts aktueller Messwerte wenig optimistisch. So hat ein Roboter in Reaktor 1 nun einen Strahlenwert von 4000 Millisievert pro Stunde gemessen und damit eine neue Höchstmarke gesetzt. Radioaktive Belastungen dieser Größenordnung sind für Menschen absehbar tödlich und lassen kein direktes Arbeiten in den defekten Reaktoren zu, während Roboter auf Grund ihrer begrenzten Möglichkeiten auch nur teilweise weiterhelfen.

Die japanische Regierung denkt derweil über eine Ausweitung der 20-Kilometer-Sperrzone um Fukushima nach. Die bisher maximal erlaubte Strahlenbelastung von 20 Millisievert pro Jahr für einen Erwachsenen kann in den angrenzenden Gebieten sonst gegebenenfalls nicht gewährleistet werden. Bei Schulkindern hatte sich die Regierung bereits starke Elternproteste mit einer Lösung der anderen Art eingehandelt: Anstatt Schulgebäude von kontaminierten Materialien zu befreien setzte sie einfach die zulässigen Höchstwerte für Kinder um das 20fache nach oben.

Nach dem die Informationspolitik von Betreiberfirma und Regierung immer wieder heftig in der Kritik stand soll nun eine unabhängige Expertengruppe für weitere Aufklärung sorgen. Das Akademikergremium, das sich heute zur ersten Sitzung in Tokio traf, wurde von Premierminister Naoto Kan einberufen, der zu einer vollständigen und unabhängigen Untersuchung aller Ereignisse vor und nach der Katastrophe aufrief und seine Bereitschaft erklärte, selbst vor den Experten auszusagen. Mit einem Vorabbericht ist im Dezember, mit einem vollständigen Bericht bis Mitte des nächsten Jahres zu rechnen.

Siehe zum Erdbeben in Japan und der Entwicklung danach auch:

(jub)