Funketiketten in der Kritik

RFID-Tags – drahtlos lesbare Nummernschilder für Handelswaren – taugen zur Kostensenkung im Handel ebenso wie zur Bespitzelung ahnungsloser Käufer. Verbraucher finden das irritierend.

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Von
  • Hans-Peter Schüler

Mit einer Aktion zum Datenschutz-Risiko durch Funketiketten in Kleidungsstücken sorgte der FoeBuD e.V. am vergangenen Mittwoch für irritierte Verbraucher in der Bielefelder Innenstadt. Die Aktivisten postierten sich vor dem Eingang des örtlichen Gerry-Weber-Damenmodehauses und demonstrierten ahnungslosen Kundinnen, dass man ihre frisch erstandene Garderobe unbemerkt aus mehreren Metern Entfernung identifizieren kann – und mit der Garderobe auch die Trägerin. Reaktionen der Passanten sowie von Sprechern des Modehauses strahlt der WDR in seiner Sendung "markt" am heutigen Montag ab 21 Uhr sowie als Wiederholung am darauffolgenden Mittwoch ab 14:15 Uhr aus. Nach der Sendung soll der Beitrag außerdem im Web erscheinen.

Jedes von Gerry Weber verkaufte Kleidungsstück enthält einen RFID-Funkchip (Radio Frequency Identification), der auf Kommando eine weltweit eindeutige Seriennummer sendet. Anhand dieser Zeichenfolge könnten Marktforscher in einem beliebigen Warenhaus nicht nur ausmachen, mit welchem konkreten Modeartikel von Gerry Weber gerade jemand an ihrem Lesegerät vorbei flaniert, sondern sie könnten aus ihren Log-Dateien auch ablesen, wie oft diese Kundin schon mit diesem Kleidungsstück im Laden war und was sie an sonstigen RFID-markierten Einkäufen bei sich hatte.

RFID im Modehandel (3 Bilder)

Ladenfront Gerry Weber

Das Modehaus Gerry Weber verkauft Garderobe mit Funketiketten.

Die Funkchips versprechen den Händlern massive Einsparungen in ihrer Logistik, können ältere Techniken zum Schutz gegen Ladendiebe ersetzen und lassen sich auch als Unterscheidungsmerkmal gegenüber gefälschten Markenartikeln verwenden. Doch bei der Abwägung zwischen Handels- und Verbraucherinteressen gehen verschiedene Händler ganz unterschiedlich vor: Die Metro Handelskette setzt nach eigenen Aussagen keinerlei RFID-Tags mehr auf den Einzelartikeln ihres Warenangebots ein. Ganz anders das italienische Modehaus Peuterey: Dessen Nobel-Garderobe trägt eingenähte Funketiketten, die sich zwar nicht als solche zu erkennen geben, dafür aber fordern, man möge sie keinesfalls entfernen. Damit will das Unternehmen vermutlich jedes seiner Erzeugnisse individuell zurückverfolgen können, um Markenpiraten zu bekämpfen. Peuterey hat sich mit dieser Vorgehensweise schon im Jahre 2011 den Big Brother Award des FoeBuD verdient.

Gerry Weber distanziert sich ausdrücklich von dieser Praxis und bemüht sich erkennbar um Transparenz. Zwar sind die Artikel dieses Anbieters ebenfalls RFID-markiert, doch stecken die Chips in Pflegeetiketten, die ausdrücklich auf diesen Umstand hinweisen und den Kunden auffordern, den Abschnitt mit dem Chip entlang einer eingezeichneten Schnittkante abzutrennen. An den Ladeneingängen des Modehauses finden sich deutlich sichtbare RFID-Hinweise, und einige Tage nach der FoeBuD-Aktion fanden wir in einer Stichprobe im Hannoveraner Gerry-Weber Laden zumindest einigermaßen informative Flyer, die an den Ladenkassen auslagen. Bei Anfragen an der Ladentheke erklärte man uns unumwunden, dass das Unternehmen mit RFID-Kennzeichen arbeitet, doch mit Fragen nach etwaigen Datenrisiken waren die Verkäuferinnen dann doch überfordert. (hps)