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Fußball-WM: Ein Netz, sie alle zu binden …

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Während die Fußball-WM immer näher rückt, liefern sich die Techniker in den Kulissen dieser Multimediashow ein amüsantes Geplänkel. Kaum hat die Deutsche Telekom eine Meldung veröffentlicht, der zufolge sie 75 % der ITK-Technik liefert, lud Netzpartner Avaya in seine Labors nach Frankfurt. Dort werden derzeit die letzten Integrationstests der kompletten Anlagen durchgeführt, ehe die Schaltschränke und Telefone zu den verschiedenen Stadien transportiert werden. Hier kann man zeigen, dass man mehr als 25 % der Technik liefert. "Es ist alles eine Frage der Definitionen", schmunzelt Karsten Hobbie, bei Avaya leitender FIFA Project Team Leader vor Journalisten. "Wenn man die IP-Ports zählt, die wir verwalten, sind gewisse Prozentzahlen nicht realistisch."

Etwa 400 Millionen Euro hat Avaya insgesamt der FIFA gezahlt und darf dafür insgesamt drei Weltmeisterschaften mit seiner Technik versorgen, bei der Sprache und Daten in einem gemeinsamen Netz transportiert werden. Die WM in Korea und Japan, die Frauen-WM in den USA und nun die deutsche WM sollen dafür Sorge tragen, dass der Name Avaya bekannt wird. Früher, bevor man von der Lucent-Ausgliederung Avaya übernommen wurde, hieß man Tenovis oder Bosch Telekom, noch früher Telenorma, und in der Steinzeit der Telefonie trug man den wunderbaren Namen "Telefonbau und Normalzeit". Mit der Konsolidierung im TK-Sektor, wie sie Lucent und Alcatel vorexerzieren, wird es für Avaya schwerer denn je, die eigene Präsenz zu behaupten. Viele WM-Besucher wissen sicher nicht, wofür der Name Avaya überhaupt steht, während Fleischbräter, Bierbrauer und der seltsam verzierte Fußball bekannt sind. Begriffe wie "konvergente Kommunikation" und "Triple Play" mögen dem Marketing etwas sagen, doch bei Konvergenz denkt der gemeine Fußballfan eher an Maradona und kleines dickes Müller, bei Triple an die Dribblings, mit denen ein Ronaldinho drei Gegner in Serie umrundet.

Die WM 2002 in Korea und Japan stellte Avaya vor die Herausforderung, zwei sehr unterschiedliche Netze (Frame Relay und ATM) zu verbinden. Die WM 2006 ist eher von der Herausforderung geprägt, dass sehr unterschiedliche Geräte an das gestellte Netz angeschlossen werden. "2002 gab es ein paar PDAs und etliche Laptops. Aber jetzt gibt es alles Mögliche", meint Hobbie. An insgesamt 70 Orten und in den Stadien werden die Racks von Avaya installiert, in den Stadien jeweils redundant in unterschiedlichen Brandschutzsektionen. Jedes Rack enthält jeweils redundant ausgelegt den Core-Switch, einen Media Server S8710, den Media Gateway G650 als Brücke ins analoge Netz und den Switch L363T für die IP-Verbindungen.

Insgesamt wird ein IP-Netz aufgebaut, das 35.000 Nebenstellen versorgen könnte, aber nur 4.500 in der "Deutschlandarena" (Avaya) versorgen muss. Dazu kommen 3000 WLAN-Zugänge. Mit den Mediendaten, den Videokonferenzen der FIFA, den Akkreditierungen der Teilnehmer und Journalisten sowie der Datenbankabfragen für die Seriennummern der RFID-bestückten Eintrittstickets fallen 15 bis 20 Terabytes an Daten an. Doch nicht die Kapazität, sondern die Logistik ist das größte Problem: In einigen Stadien kann die gesamte Technik erst eine Woche vor Spielbeginn aufgebaut werden. Und wenn das letzte Spiel gelaufen ist, will man innerhalb von 1 bis 2 Tagen alles abgeräumt haben, um Kosten zu sparen: Was für die FIFA ein hübscher Sponsoring-Vertrag ist, kostet Avaya in Deutschland etwa 100 Millionen Euro, da ist jeder zurückgewonnene Tag Geld wert. Darum werden in dem seit September 2005 eingerichteten Labor alle Komponenten installiert und getestet, ehe sie ausgeliefert werden.

Für Karsten Hobbie gibt es nur zwei offene Probleme. Das eine sind die Wünsche der FIFA-Offiziellen, die in letzter Minute Änderungen verlangen. Technisch hat jeder von ihnen eine Nebenstellennummer und ein Telefon, das mitzieht, wenn er oder sie den Arbeitsplatz wechselt. Außerdem wird diese Nebenstelle automatisch auf das Mobiltelefon des offiziellen umgeschaltet, wenn dieser nicht am jeweiligen Arbeitsplatz ist. 20 bis 30 % der Arbeit der gesamten Installation besteht aus Änderungswünschen in letzter Minute, wenn etwa ein "Nebenstellenbesitzer" ein anderes Hotel bezieht und notfalls per Richtfunk zugeschaltet werden muss.

Das andere Problem ist die Netzwerksicherheit: Rund um die Uhr überwachen 60 Techniker das Netz, in der Kommandozentrale in München, im (geheim gehaltenen) deutschen Rechenzentrum und im Backup-Rechenzentrum im Avaya-Hauptquartier in Texas. Eine ähnlich starke Truppe ist bei der Deutschen Telekom im Einsatz. Zum Federation Cup im letzten Jahr wurden 1500 ernst zu nehmende Einbruchsversuche von Hackern registriert, darunter einer, der die höchste Alarmstufe auslöste und die Techniker wirklich auf die Probe stellte. "Es war der brillanteste Angriff, den wir je gesehen hatten. Leider weigerte sich der deutsche Provider, uns die Daten zu der IP-Nummer zu geben", erinnert sich Hobbie, der zu dem Vorfall ein gespaltenes Verhältnis hat: Auch er hat ein Internet-Konto bei einem Provider und möchte seine Privatsphäre gewahrt wissen. Zur WM, wenn solche Angriffe dem zentralen Sicherheitszentrum des Bundesinnenministeriums gemeldet werden müssen, mag die Sache ganz anders ausgehen.

Gravierender als ein Könner dieser Sorte sind Hobbie zufolge jedoch die "internen Angriffe". Er berichtet von seinen Erfahrungen vom Confederation Cup, als ein afrikanischer Journalist ein Win95-Notebook in einem Stadion anschloss, das sich als "Dreckschleuder" entpuppte. Es war offensichtlich ohne Wissen des Journalisten präpariert worden, das Netz auszukundschaften. Zur WM werden 15.000 internationale Journalisten erwartet und viele von ihnen mit ihren Notebooks und den sonstigen Gerätschaften in die Stadien kommen, wo sie für 160 Euro pro Spiel eine Ethernet-Verbindung anmieten können. Avaya wie Telekom werden genug damit zu tun haben, diese Bedrohung in den Griff zu bekommen. Hinterher wird es dazu vielleicht Prozentzahlen geben, wer wie viele Angriffe abgewehrt hat.

[Update]
Laut Avaya bezahlt der Konzern insgesamt für das WM-Sponsoring nur 100 Millionen US-Dollar; für die WM 2006 fallen dabei nach Angaben der Firma 40 Millionen US-Dollar an.

Zur Technik und zum Datenschutz bei der Fußball-WM 2006 siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)