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Future Security: Sicherheit hat ihren Preis

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Sichere Lebensmittelketten, sichere Containertransporte, sichere Weltraumsatelliten: 10 Jahre nach dem 11. September ist die Sicherheitsforschung trotz Finanzkrise ein Bereich mit besten Wachstumsraten. Allein in Deutschland werden jährlich 20 Milliarden Euro für sicherheitstechnische Verbesserungen ausgegeben. Im Kampf gegen asynchrone Bedrohungen werden weiterhin Mittel für die unterschiedlichsten Forschungsansätze bewilligt - oder müssen gezahlt werden, um exportfähig bleiben zu können. Drei Tage lang stellten Forscher aus 19 Ländern auf der 6. Future Security in Berlin ihre Lösungsansätze vor.

Zur Eröffnung der Future Security hielt der Europaparlamentarier Christian Ehler (CDU) das Grundsatzreferat. Ehler, der Gründer der German European Security Association (GESA) und parlamentarischer Beobachter beim European Security Research Forum (ESRIF) würdigte die Leistungen der Sicherheitsforscher als besonders innovativ und freute sich, dass die Sicherheitsforschung zunehmend das alte Paradigma von der "dual use technonology" militärisch-ziviler Forschung ablöst. Mit mehr als 2 Milliarden Euro an Forschungsmitteln bis zum Jahr 2013 unterstütze die Europäische Union diesen Ansatz. Mit Blick auf Horizon2020, dem 8. Forschungsrahmenprogramm der EU mahnte Ehler eine größere Eigenständigkeit der europäischen Sicherheitsforschung an. Es könne nicht angehen, dass amerikanische Firmen diesen Markt dominierten. Insbesondere sei es skandalös, wenn eine Firma wie Rapid Eye mit 30 Millionen Euro Fördermitteln in Deutschland aufgebaut und dann von einem kanadischen Investor übernommen werde. Forschungstechnisch regte Ehler an, beim Thema Cyber Security die Reduktion der allgegenwärtigen Vernetzung zu untersuchen. Entkoppelte Netze könnten die beste Antwort auf Angriffe wie Stuxnet sein. Jürgen Stock, Forschungsleiter beim Bundeskriminalamt, forderte die Anwesenden auf, ein "Netzwerk der Informationen" gegen das "Netzwerk des Cybercrime" zu bilden.

Mit 250 Teilnehmern und 90 Referaten bildete die Future Security das ganze Spektrum der Sicherheitsforschung ab. Viele Referate zeigten, dass sich die Forscher vom "Kampf gegen den Terror" verabschiedet haben. Man konstruiert intelligente Bojen für den Einsatz an den Mittelmeergrenzen der EU oder forscht, wie Verschüttete dank ihrer Mobiltelefone lokalisiert werden können, auch wenn diese ausgeschaltet und zerstört sind. Oder man arbeitet an Katalogsystemen für den Weltraumschrott, um dem Kessler-Syndrom zu entgehen. Klassischen Militärtechnik spielte auf der Tagung nur eine randständige Rolle. Nach dem Prinzip der Raketentechnik wurde ein Gasbrenner vorgestellt, der Töne unterhalb von 100 Hz produziert, die Unwohlsein erzeugen und solchermaßen schwarz vermummte Demonstrantengruppen zerstreuen sollen. Dabei können sie vom "Tönewerfer" auch noch eingenebelt und zwecks Identifikation mit Mikropartikeln bestäubt werden.

Wo noch von Terrorabwehr die Rede war, ging es hauptsächlich um Anforderungen, die die USA zu ihrer Sicherheit stellen. Damit Container über ihre Kaimauern überhaupt in die USA ausreisen können, müssen Häfen wie Bremerhaven oder Hamburg erhebliche Anstrengungen unternehmen, die Container zu röntgen und auf atomare Bedrohungsstoffe hin zu untersuchen. Wie im Referat über das Projekt
ECSIT gezeigt wurde, sind dabei die Sicherheitsauflagen so vage gehalten, dass experimentiert werden muss. Mitunter sind sie kaum einzuhalten, meinte Thorsten Blecker von der TU Hamburg-Harburg in seinem Vortrag unter Verweis auf alle LKW-Fahrer im Hamburger Hafen, die eigentlich einer Sicherheitsüberprüfung unterliegen müssen. Ob die Terahertz-Technologie eine Verbesserung der Flugsicherheit darstellt, wurde gleich auf mehreren Panels diskutiert.

Zur Future Security gehört seit Jahren, dass die fachübergreifende Konferenz sich auch mit den sozialen Aspekten der Sicherheitsforschung beschäftigt. In diesem Jahr gab es Referate zur Schulung von THW-Einsatzkräften, wie Stresssitautionen bewältigt werden oder zum Einsatz von Social Media in Katastrophengebieten. Eine rege Diskussion entspann sich beim Thema, ob das Leaken von Informationen ein Problem der Sicherheitsforschung darstellt. Die Debatte entzündete sich nicht an Wikileaks, sondern an dem Kauf der sogenannten Steuer-CDs in Liechtenstein. Wenn der Einkauf von Leaks durch die Politik wie die Rechtssprechung gedeckt sei, könnte diskutiert werden, ob auch der Kauf einer deutschen CD mit Firmengeheimnissen durch eine chinesische Firma rechtens sei. (jh)