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GDC: Kein Pionier-Preis für Spiele-Entwickler Nolan Bushnell

Atari-Mitgründer Nolan Bushnell sollte auf der Game Developers Conference den Pionierpreis bekommen. Doch angeblich ging es in seiner Firma in den 1970ern hoch her. Grund genug, ihm den Preis doch nicht zu verleihen?

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GDC: Kein Pionier-Preis für Spiele-Entwickler Nolan Bushnell

(Bild: Jacoplane, CC BY-SA 2.0)

Auf der Game Developers Conference (GDC) in San Francisco feiern Spielentwickler alljährlich die besten Spiele des Vorjahres. Außerdem gibt es Sonderpreise für Spieleveteranen – für Pionierleistungen, besondere Verdienste um die Branche oder schlicht das Lebenswerk. Ein solcher Preisträger sollte in diesem Jahr Nolan Bushnell sein: Der 74-jährige war 1972 Mitgründer der legendären Spielefirma Atari und gilt als der Vater der Videospielautomaten. Zu den Spielhallentiteln seiner Firma gehören Computer Space, Pong und Breakout.

Doch wir leben im Jahr 2018 und damit im #metoo-Zeitalter: Anfang dieser Woche meldeten sich weibliche Spieldesigner und Akademiker wie Brianna Wu, Jennifer Scheurle, Jen Allaway und Gillian Smith per Twitter zu Wort. Sie monierten, dass Bushnell in seiner Atari-Zeit ein schlimmer Finger gewesen sei. Genauer: ein Sexist, der unter anderem Projekte seiner Firma mit weiblichen Codenamen bezeichnet habe. Laut eines Playboy-Interviews hieß Pong intern beispielsweise Darlene, nach einer "von allen geliebten Mitarbeiterin mit toller Taille und noch tollerer Oberweite".

Die Anklägerinnen verwiesen außerdem auf einen Artikel in Steven Kents Buch The Ultimate History of Video Games. Darin erinnert sich Pong-Designer Al Alcorn an die wilde Atari-Zeit der 1970er und beschreibt ein Meeting der Firmenleitung, das im Whirlpool in Nolan Bushnells Garten stattfand. Bushnell rief eine Kollegin in der Firma an und bat sie, einige für das Treffen benötigte Dokumente vorbeizubringen. Als sie damit erschien, versuchte er sie zu überreden, auch in den Whirlpool zu steigen, erzählt Al Alcorn. In Bushnells Bücherregal stand zudem, so berichtete der San Francisco Chronicle vor über 40 Jahren, der Aufklärungsklassiker The Joy of Sex.

Dass Bushnell offensichtlich Spaß am Sex hatte, berichtet auch Ray Kassar, der Atari Ende der 70er Jahre leitete. Im Interview mit dem Magazin Replay erzählte er, wie Bushnell zu Geschäftstreffen im Sakko und mit einem T-Shirt erschien, mit der Aufschrift: "I love to fuck".

All diese Anschuldigungen waren Grund genug, dass die GDC-Leitung am Mittwoch dieser Woche beschloss, Nolan Bushnell den Pioneer Award doch nicht zu verleihen. Der seit über 40 Jahren verheiratete, achtfache Familienvater Bushnell, der neben Atari auch die Familienrestaurantkette Chuck E. Cheese mit Pizza und Videospielen gründete, twitterte: "Falls meine persönlichen Taten oder die Taten derer, die mit mir zusammengearbeitet haben, Mitarbeiter unserer Firmen verletzt oder ihnen Schmerzen zugefügt haben, entschuldige ich mich ohne Vorbehalte."

Sind die Anschuldigungen, die GDC-Entscheidung und Bushnells Entschuldigung berechtigt? Noch am gleichen Tag meldete sich Loni Reeder, eine ehemalige Atari-Mitarbeiterin zu Wort: "Ich habe dort gearbeitet. Ich kannte Nolan persönlich. Ich habe Jahre danach eine Firma mit ihm gegründet. Ich wurde fair behandelt und gut bezahlt. Ich habe weitere Atari-Freundinnen, die Nolan ebenfalls kennen. Keine von uns fühlte sich von ihm, [weiblichen] Codenamen oder T-Shirts [mit schlüpfrigen Sprüchen] verletzt. Das hier ist definitiv KEINE #metoo-Geschichte." Und: "Scheinbar sind die einzigen Leute, die sich über uralte Pressegeschichten und einen Arbeitsplatz von vor 40 Jahren erregen, wohl nur die, die damals NICHT dabei waren."

Loni Reeders Atari-Kollegin Elaine Shirley schlägt im RePlay-Magazin in die gleiche Kerbe: "So ging es damals zu. Nolan baggerte die Frauen an und sie baggerten ihn an. Wäre die #metoo-Bewegung zu Atari-Zeiten aktiv gewesen, hätte sie die halbe Firma angeklagt. Meines Wissens tat keiner etwas gegen seinen Willen. Ganz ehrlich? Frauen bei Atari waren in dieser Hinsicht mindestens genauso aggressiv, wenn nicht noch aggressiver. (...) Meiner Meinung nach muss sich eine Bewegung auf die Ära beziehen, in der dieser 'Missbrauch' geschehen ist – auch, wenn klare Linien wie Kindesmissbrauch und sexuelle Gewalt zu keiner Zeit entschuldbar sind."

Das ist das größte Problem der #notnolan-Affäre: Sie richtet über eine Zeit vor knapp einem halben Jahrhundert. Über Spielentwickler in der San Francisco Bay Area, die gerade erst den Summer of Love mit freier Liebe und Drogenexperimenten erlebt hatten.

Doch wo sollen wir heute die Grenzen ziehen? Wie ist es mit Musikern, die nach eigenen Aussagen nur zum Instrument oder Mikro gegriffen haben, um Frauen ins Bett zu bekommen? Wie sieht es mit Filmen aus den 1960ern und 70ern aus? Wie mit TV-Serien wie Mad Men und Pan Am, in denen diese Zeit messerscharf nacherzählt wird? Müssten nicht auch diese Bilder gestürmt werden? Und war nicht sogar Steve Jobs in seiner Sturm- und Drangzeit alles andere als ein Feminist?

Hier müssen sich die Aktivistinnen und Aktivisten entscheiden, ob sie sich in der #metoo-Debatte auf die Missbrauchsfälle der Gegenwart konzentrieren oder gegen jedwede Form von Chauvinismus vorgehen wollen – selbst, wenn diese Vorkommnisse Jahrzehnte zurückliegen und sich deshalb nicht immer lupenrein nach heutigen Maßstäben beurteilen lassen. Mit letzterem riskieren sie, dass sich die öffentlichen Diskussionen mehr um Fragen der Kunstfreiheit und Prüderie drehen und die Themen sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch aus dem Fokus verlieren. (Roland Austinat) / (hag)

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