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GDC: "Videospiele sind Kitsch, keine Kunst"

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Brian Moriarty schaltet seinen Rechner aus, wenn er über die Welt reflektieren will und so geistreiche Vorträge schreibt, wie über die Kunstdebatte der Videospiele.

Ende 2005 behauptete US-Filmkritikerpapst Roger Ebert, dass Videospiele niemals Kunst sein könnten und löste damit innerhalb der Videospielindustrie einen Sturm der Entrüstung aus. Denn Ebert gab selbst vollmundig zu, niemals ein Videospiel gespielt zu haben und weigerte sich, dies auch künftig zu tun, was der Glaubwürdigkeit seiner Argumentation nicht besonders half. Doch im Unterschied zu Ebert kennt sich Brian Moriarty, Professor für Interactive Media & Game Development am Worchester Polytechnic Institute in Massachusetts, sehr gut mit der Materie aus. Bereits in den 80ern entwarf er Adventures für Infocom, bevor er später zu Lucas Arts wechselte.

Zuletzt hatte Kelly Santiago von thatgamecompany Ebert zeigen wollen, dass es sehr wohl Spiele gebe, die als Kunst anzusehen seien. Als Beispiele nannte sie Waco Resurrection, Braid und ihr eigenes Spiel Flower. Doch für Moriarty sind selbst diese Werke weit entfernt von den Kunstwerken, wie sie die Musik, Literatur oder die Malerei hervorgebracht haben. "Spiele gibt es seit tausenden von Jahren. Aber wenn selbst Schach und Go nicht als Kunst gelten, warum sollte es Missile Command", fragte er das Fachpublikum auf der Game Developers Conference in San Francisco. Damit traf er einen Nerv. Statt wie befürchtet mit Eiern und Tomaten, bedachten ihn die gebannten Zuhörer nach seinem flammenden Vortrag mit stehenden Ovationen.

Videospiele seien industriell gefertigte Produkte, mit denen Firmen Geld verdienen. Sie könnten zwar handwerklich durchaus kunstvoll gestaltet sein und künstlerische Bilder und Musik enthalten. Ein Spiel definiere sich aber durch seine Regeln und seine Mechanik. Diese verlangen vom Spieler – wie es Sid Meier einmal sagte – Entscheidungen ab, seien also von seinem Willen abhängig. Kunst ist jedoch erhaben – und hier griff Moriarty auf Schopenhauer zurück – sie transzendiere den Willen; dies sei Spielen per se nicht möglich. Und der Flow, den Spiele erzeugen, diene nicht der Besinnung, sondern er sei dazu da, Arbeit als Spaß erscheinen zu lassen. "Flow wird zum Zaumzeug der neuen Abeiterklasse", konstatierte Moriarty.

Moriarty verdeutlichte das Verhältnis der Kunst zu den Videospielen anhand des Bildes "Die Schachspieler" von James Northcote: Die Kunst sei der Jüngling im gelben Gewand. Sein Blick ist an den beiden Spielern nicht interessiert. Zu seinen Füßen liegt ein Hund als Manifestation des Kitsches.

(Bild: Public Domain)

Seit Mitte des 19. Jahrhundert habe sich eine Industrie entwickelt, die Bilder als Massenware reproduziert. Sie versucht, den Massengeschmack zu treffen, um einen möglichst hohen Profit abzuwerfen – das führte zu Bildern wie den röhrenden Hirschen. Doch solche Massenanfertigungen seien nichts anderes als Kitsch.

Kitsch sei jedoch keine schlechte Kunst. Er sei mit starken Emotionen aufgeladen, spiegle allenfalls universelle Ideen von Gut und Böse, Trauer und Freude wider. Kitsch lenke seinen Betrachter in eine vorherbestimmte emotionale Richtung. Dabei sei Kitsch immer konventionell und populär, existiere nur an der Oberfläche und besitze keine tiefere Bedeutung. Kitsch fordere den Betrachter niemals heraus und erzeuge auch keinerlei Assoziationen, die zum Nachdenken anregen oder ironisch interpretiert werden könnten. Kunst definiere sich aber nicht darüber, dass sie Menschen gefalle oder starke Emotionen hervorrufe. Kunst sei vielmehr dazu da, Aufmerksamkeit zu erregen.

Somit sei alles, was aus der Unterhaltungsindustrie herauskomme, Kitsch. Denn es würde stets unter ökonomischen Gesichtspunkten produziert, müsse Gewinn abwerfen. Das gelte auch für nahezu alle Filme, von denen Ebert unzählige gesehen hat. Er ist für Moriarty deshalb der beste Experte für Kitsch, den man sich vorstellen könne.

Spiele wie "Call of Duty: Black Ops" sind für Moriarty die Krönung des Kitsches; das Spiel sei das am schnellsten und am meisten verkaufte Produkt der Unterhaltungsindustrie. Doch auch die Independent-Spielentwickler würden kaum mehr als Kitsch mit einer besonderen Note produzieren, weil auch sie unter ökonomischen Zwängen stünden. "Videospiele sind Kitsch-Kunst, die dazu hergestellt wird, sich einfach und in Stückzahlen zu verkaufen", bringt Moriarty sein Urteil auf den Punkt. "Kitsch ist robust produzierbar. Erhabene Kunst ist hingegen sehr fragil, es kommt bei ihr auf feine Details an, die alle am richtigen Platz sein müssen." Sie habe keinen Gebrauchswert, sei nutzlos. Erhabene Kunst definiert Moriarty als "die stille Beschwörung des Unaussprechlichen."

"Doch Spiele brauchen gar keine Kunst zu sein, um gut unterhalten zu können", kam Moriarty zum Ende. Sie dienten der Entspannung, die jeder Mensch benötige. Sie machten einfach Spaß, und das sei gut so.

Moriartys Argumentationslinie schlug so manchen Haken und ließ außer Acht, dass es sehr wohl Spiele gibt, etwa von Mark Essen oder Brenda Brathwaite, die weder der Entspannung dienen, noch besonders gefällig gestaltet wurden, um ein großes Publikum zu erreichen. Doch sein Vortrag hat die Debatte um Kunst und Videospiele bereichert – und auf die Reaktionen darauf darf man gespannt sein. (hag)

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