GPS – Der "magische Kompass" mit gewollter Ungenauigkeit

GPS ist ein Service der US-Luftwaffe. Doch ein Jahrzehnt lang amputierte sie es absichtlich. Lesen Sie, warum Sie Bill Clinton Ihr Frühstück verdanken.

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Ohne GPS wäre moderne Luftfahrt unmöglich. Zu oft sind Wolkendecken zu niedrig, um ohne GPS landen zu dürfen. Auch die Landwirtschaft setzt stark auf Präzision dank GPS.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

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Seit genau 20 Jahren profitiert die Welt von viel genaueren Signalen des GPS (Global Positioning System), die zuvor US-Militärs und bestimmten Verbündeten vorbehalten waren. Am 1. Mai 2000 befahl der damalige US-Präsident Bill Clinton, eine extra eingebaute Ungenauigkeit abzuschalten, was in den Morgenstunden des 2. Mai europäischer Zeit umgesetzt wurde.

Ab März 1990 hatte die US-Luftwaffe, die die GPS-Satelliten betreibt, mit dem öffentlich verfügbaren GPS-Signal absichtlich ungenaue Zeitangaben übertragen, um sich selbst den Vorteil genauerer Ortung mit dem verschlüsselten militärischen GPS-Funk zu schaffen. Das Konzept der absichtlichen Verschlechterung ist als "Selective Availability" (SA; selektive Verfügbarkeit) oder als "accuracy denial" (Genauigkeitsverweigerung) bekannt.

Mit Abschaltung von Selective Availability am 2. Mai 2000 sank die Abweichung schlagartig auf einen Bruchteil.

(Bild: US Space Command (gemeinfrei))

Mit der Abschaltung der SA erhöhte sich die Genauigkeit der binnen Minuten erzielbaren Ortsbestimmung schlagartig um den Faktor zehn. Waren zuvor Fehler von bis zu 100 Metern (horizontal) üblich, reduzierte sich das auf meist bis zu zehn, manchmal bis zu 20 Meter. Und diese verbliebenen Abweichungen waren keine Absicht, sondern vorwiegend durch Umweltbedingungen verursacht.

Hersteller von GPS-Empfängern, Luft- und Seefahrer, Militärs und einige andere "Insider" nahmen die lang ersehnte Nachricht von der SA-Abschaltung mit Begeisterung auf. Für die breite Öffentlichkeit war es nur bedingt ein Thema.

Faksimile - New York Times vom 15. Juni 2000

(Bild: NYT)

So berichtete die New York Times erst eineinhalb Monate später: "Pentagon lässt Zivilisten die besten GPS-Daten nutzen". Auf den benachbarten Seiten der Ausgabe vom 15. Juni 2000 wurde über Feldversuche mit Videostreaming zu Mobiltelefonen sowie die Hoffnung von Kurzfilm-Studios auf mehr Zuschauer im Internet berichtet. Ein ISP warb bei Unternehmen für den Umstieg von 56k-Einwählverbindungen auf DSL.

Langfristig haben die Auswirkungen der SA-Abschaltung die kühnsten Träume des Jahres 2000 übertroffen. Es dürfte heute auf der Erde mehr GPS-Empfänger geben als Menschen. Ganze Geschäftszweige sind neu entstanden, an die damals niemand gedacht hat, etwa ortsbasierte Dating-Apps, ortsbasierte Reklame oder Spiele wie Ingress und Pokemon Go.

Lieferketten wären ohne GPS unvorstellbar, von der gegebenen Qualität der Welternährung ohne Präzisionsackerbau ganz zu schweigen. Fast alle Lebensmittel, die wir heute einkaufen, haben mit Hilfe genauer GPS-Daten in den Laden gefunden.

Der GPS-Markt setzt jährlich hunderte Milliarden Euro um. Das Verfahren ist vielleicht sogar zu erfolgreich: Schon seit geraumer Zeit betrachtet das US-Ministerium für Heimatsicherheit die umfassende Abhängigkeit von GPS als Risiko für die nationale Sicherheit des Landes.