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Gadgets als elektronische Spitzel

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Die schöne neue mobile Online-Welt, wo jedermann überall – ob in der Straßenbahn, beim Familienausflug oder Einkaufsbummel – mit dem Netz der Netze verbunden ist, hat nicht nur ihre praktischen Seiten. Den blühenden Landschaften der ständigen Erreichbarkeit und des uneingeschränkten Konsums stehen immense Datenschutzprobleme gegenüber.

In seiner Rede auf der Konferenz Computers Freedom and Privacy 2001 in Cambridge warnte der Sicherheitsexperte Richard Smith vor einem zu sorglosen Umgang mit den so genannten Gadgets. Smith, Chief Technology Officer der Privacy Foundation führte eine ganze Reihe von Beispielen an, wie Gadgets mit Internetanschluss ihre Besitzer ausspionieren.

So fragt die Software der Creative Labs Nomad Jukebox freundlich nach, ob sie die Liste der gerippten MP3-Musikstücke an Creative zurückschicken darf, damit der Musikfreund dann "individuelle Produktinformationen" erhält. Geräte wie die Nomad Jukebox erstellen ein genaues Benutzerprofil über Gewohnheiten und Hobbys, damit letztendlich die Hersteller durch gezielte Werbung mehr Konsumprodukte verkaufen. So gewissenhaft wie Creative fragen jedoch nicht alle Firmen ihre Kunden, ob sie die Daten sammeln dürfen. Viele machen dies einfach, ohne den User zu informieren.

So hat sich Sony mit seinem eMarker scheinbar etwas ausgedacht, worauf alle Radiohörer schon lange gewartet haben. Wer kennt nicht das Problem, dass ein Musiktitel im Radio läuft und der DJ vergisst, den Titel anzusagen? Damit der Musikbegeisterte später an der Ladentheke nicht dem Verkäufer die Titelzeile vorsingen muss, drückt er einfach auf den Knopf des eMarker, der Zeit und Datum speichert. Am heimischen PC überträgt das 20 US-Dollar teure Tool die Daten dann an emarker.com, die sämtliche Play-Listen der Radiostationen nach dem entsprechenden Song durchsuchen. So findet der Musikfreund den Titel seines Lieblingssongs und kann per Mausklick gleich die CD bestellen. In Vorbeigehen sammelt Sony eifrig Daten über die Hörgewohnheiten seiner Nutzer. Komplette Internet-Bewegungsmuster sammelt mySmart.com mit seinem intelligenten Mauspad, das die beliebtesten Internetseiten des Surfers registriert und am mySmart.com zurück schickt.

Doch auch in der Offline-Welt nimmt die Überwachung zu, ohne dass der Benutzer etwas davon merkt. Der digitale Schrittmesser Sportsbrain klemmt am Gürtel des Besitzers und speichert dessen Distanzen und Zeiten, die er am Tag zurücklegt. Am Abend überträgt Sportsbrain seine Daten über einen speziellen Telefonanschluss direkt an die Server der Herstellerfirma. Der Benutzer kann dann seine Bewegungsprofile online über die "personalisierte" Website von Sportsbrain abrufen, garniert mit "personalisierten" Werbebannern. Natürlich könnte eine solche Analyse genau so gut offline auf dem heimischen PC laufen, dann wüsste Sportsbrain jedoch nicht über seine Kunden Bescheid und könnte keine Werbung verkaufen.

Biometrische Sicherheitssysteme seien laut Smith nicht nur dazu geeignet, einen Benutzer eindeutig zu identifizieren, durch sie lassen sich auch komplette Bewegungsprofile erstellen: Wann meldet sich wer in welchen Computer an, wer hebt wann am welchen Bankautomaten wie viel Geld ab, und wer bezahlt in welchem Geschäft was mit Kreditkarte? Diese Daten werden laut Smith zum Großteil ohne Wissen der Nutzer gesammelt. So senden Kameras auf öffentlichen Plätzen ihre Bilddaten an eine Gesichtserkennungssoftware, die diese mit einer Datenbank abgleicht. Um einige "Kriminelle" ausfindig zu machen, überwachen staatliche Organisationen gleich pauschal alle Bürger, wie zuletzt beim Super Bowl. Dies stellt laut Smith eine massive Verletzung der Privatsphäre dar. Noch genauer ließen sich Personendaten mit GPS- und anderen Systemen, wie zum Beispiel der KeyGhost Tastatur oder dem Anoto Digital Stift, sammeln.

Smith bezeichnet sich selber als ausgesprochenen Gadget-Fan. Die Menschen sollten technischen Neuerungen jedoch grundsätzlich kritisch gegenüber stehen. (hag)

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