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Gaia X: IT-Wirtschaft sieht digitale Souveränität mit europäischer Cloud gestärkt

Laut einer Arbeitsgruppe des Digitalgipfels sind Vorhaben wie Gaia X auch wichtig für "demokratische Werte und die Stabilität unseres politischen Systems".

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(Bild: Gorodenkoff/Shutterstock.com)

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Die deutsche IT-Wirtschaft hat sich hinter die am Dienstag auf dem Digitalgipfel präsentierte Initiative von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) gestellt, mit Gaia X ein europäisches Cloud- und Datennetzwerk ins Leben zu rufen und damit den US-Platzhirschen auf dem Markt Paroli zu bieten. Das Projekt kann etwa nach Ansicht des Verbands Bitkom "ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der digitalen Souveränität und der Datensouveränität" werden.

Die Frage nach der Sicherheit zentraler Infrastruktur sowie der einseitigen Abhängigkeit in der digitalen Welt habe sich zuletzt etwa durch Handelskonflikte wie mit den USA "noch einmal völlig neu gestellt", erläutert der Bitkom. Gaia X solle daher "von Anfang an europäisch gedacht werden", Funktion, Nutzerfreundlichkeit und Kosten müssten aber "im Wettbewerb bestehen können". Der öffentlichen Hand komme zudem als Nachfrager eine Vorreiterrolle zu.

Der eco-Verband der Internetwirtschaft begrüßte ebenfalls grundsätzlich das Konzept einer "leistungsfähigen, sicheren und souveränen europäischen Dateninfrastruktur im Dialog zwischen Staat, Wirtschaft und Forschung". Europa brauche einen intelligenten Mix an digitalen Anbietern, die gestärkt werden müssten. Anwenderfirmen und die öffentliche Verwaltung benötigten eine "solche Orientierung hinsichtlich der Verfügbarkeit vertrauenswürdiger Infrastrukturen" von Edge Computing bis zu Hyperscalern, "um souverän wirtschaftliche Entscheidungen in Zeiten der digitalen Transformation treffen zu können"

Datensouveränität und -zugang sind für den eco wesentliche Erfolgsfaktoren gerade für Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) und den darauf aufbauenden Geschäftsmodellen. Leistungsfähige Rechenzentren seien der Schlüssel für die angestrebte digitale Souveränität. Der vom eco betriebene Netzknoten DeCIX sei das beste Beispiel dafür, "wie ein vitales Ökosystem digitaler Infrastrukturen zum Treiber von Innovationen werden könne.

Der Ansatz stimme, Daten vernetzt zusammenzuführen, "um Mehrwerte zu schaffen und unberechtigte Zugriffe zu verhindern", konstatierte auch der Bundesverband IT-Mittelstand (BITMi). Das Projekt müsse nun "schnell bis Ende 2020 umgesetzt werden und vor allem in der Ausgestaltung mit Cloud-Angeboten der Digitalkonzerne mithalten können". Die Verantwortlichen sollten aber laufend prüfen, ob Gaia X vom Markt angenommen werde. Es gehöre auch der Mut dazu, "stetig Änderungen am Leistungsportfolio agil vorzunehmen".

"Parteien, staatliche Stellen und Unternehmen haben endlich erkannt, wie wichtig es für die Sicherheit, Innovationsfähigkeit und wirtschaftliche Prosperität von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft und auch für jeden Einzelnen ist, volle Kontrolle über die Entstehung, Speicherung und Nutzung von Daten zu haben", bezeichnete Peter Ganten, Chef der Open Source Business Alliance, das Vorhaben als "ermutigend". Wer Daten erzeuge, müsse dabei aber "ihren Speicherort bestimmen können". Dies beziehe sich nicht nur auf die Geografie, sondern auch auf das System und den Cloud-Dienstleister. Ganten rät dazu, "strategisch auf Open-Source-Software und offene Standards" zu setzen, um die Kontrolle über Daten dauerhaft zu bewahren.

Sabine Bendiek, Chefin von Microsoft Deutschland, will ihre am Montag geäußerte Skepsis gegenüber einer als "Staatscloud" daherkommende Gaia X derweil nicht als Absage an das Prestigeprojekt verstanden wissen. "Wir begrüßen es ausdrücklich, wenn Deutschland und Europa ihre digitale Souveränität stärken wollen", schreibt sie in einem Blogeintrag. "Wir sind bereit, sie mit unserem Wissen zu unterstützen. Wir glauben an das gewaltige Potenzial von Partnerschaften." Die Industrie brauche "die weltweit führenden Lösungen, um ihre führende Position verteidigen zu können".

Die Fokusgruppe "Digitale Souveränität" des Gipfels wirbt in einem jetzt veröffentlichten Papier für die grundsätzliche Fähigkeit, "digitale Plattformen selbst zu entwickeln und zu betreiben". Ohne sie verliere Europa in vielen Feldern die Möglichkeit, "Datenströme und Wertschöpfungspotentiale zu steuern". Auch demokratische Werte und die Stabilität des politischen Systems seien angesichts der sich stark verändernden und teils fast unberechenbaren geopolitischen Verschiebungen potenziell in Gefahr, "wenn für Kommunikation, Waren- oder Informationsaustausch ausschließlich Plattformen genutzt werden, die in Europa nicht kontrolliert werden können".

Die erforderlichen Marktbedingungen müssen den Experten zufolge "in der humanistischen und föderalen Tradition Europas stehen und die digitale Selbstbestimmtheit als Grundpfeiler verankern". Zu fördern seien durch "föderiert aufgebaute Multi-Cloud-Technologien" eine "verteilte und von zentralen Instanzen unabhängige Datenhaltung und die freie Nutzung selbst generierter Daten". Die bisherige Cloud-Strategie der EU-Kommission hatte nicht den erhofften Durchbruch erbracht.

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(jk)