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Gamescom 2018: Free2Play als Leitmotiv

Story-Spiele sind out, Free2Play und Live-Services dominieren den Markt. Ein paar Ausnahmen gibt es auf der Gamescom 2018 aber doch.

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Gamescom 2018: Free2Play ist zum Leitmotiv der Spielebranche geworden

(Bild: Gamescom)

Es ist schon etwas paradox: Die Gamescom ist das größte Gaming-Event überhaupt. Große Publisher zeigen ihre kommenden Spieleneuheiten, EA und Ubisoft, Microsoft und Sony lassen die Fans zum ersten Mal FIFA 19, Assassin's Creed Odyssey und Marvel's Spider Man spielen. Doch für viele der wichtigsten Spiele, die seit Monaten die Umsatz-Charts anführen und es auch in den kommenden Monaten tun werden, müssen die Spieler gar nicht ihre Wohnung verlassen. Sie sind nämlich schon lange in den Zocker-Zimmern angekommen.

Die Rede ist zum Beispiel von League of Legends, DOTA 2, World of Tanks und natürlich Fortnite: Battle Royale. Sie alle gehören zu den beliebtesten und umsatzstärksten Videospielen der Welt, teilweise seit Jahren. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind Free2Play. Geld machen sie nicht über den einmaligen Verkaufspreis, sondern über wiederkehrende Zahlungen für neue Inhalte, Kostüme, Animationen. Das funktioniert für die Hersteller verdammt gut. So gut, dass auch die traditionellen Spieleunternehmen irgendwann neidisch geworden sind. Ihr seit Jahren vorangetriebenes Bestreben, einen Teil vom Free2Play-Kuchen abzubekommen – wohlgemerkt ohne die eigenen Spiele gratis anzubieten – hat sich zuletzt zugespitzt. In diesem Jahr erleben wir den vorläufigen Höhepunkt der Entwicklung.

Der Begriff Free2Play bezeichnet erst einmal nur das Konzept, dass ein Spiel gratis gespielt werden kann. Es gibt also keinen Kaufpreis und keine Gebühr. Mit Free2Play werden darüber hinaus oft auch Strategien und Konzepte in Verbindung gebracht, mit denen die Entwickler auch ohne Grundpreis Umsätze machen können.

Free2Play-Spiele bieten meist zusätzliche Inhalte an, mit denen sich ein zahlender Spieler von den Gratis-Zockern abheben kann – Kostüme zum Beispiel. Das funktioniert am besten bei Mehrspieler-Titeln, in denen man sich mit anderen messen kann. Oft ist es in Free2Play-Spielen außerdem möglich, neue Spielfiguren zu kaufen, für die andere Spieler wochenlang im Spiel "arbeiten" müssen. Manche dieser Titel haben den Ruf, "Pay2Win" zu sein, also zahlungsbereiten Spielern große Vorteile gegenüber der klammen Konkurrenz zu geben.

Die Entwickler arbeiten mit psychologischen Tricks, um den Spielern Zusatzinhalte schmackhaft zu machen. Maximaler Spielspaß steht nicht immer Vordergrund: Der Spieler soll ja das Gefühl haben, dass da irgendwie noch mehr drin wäre, würde er nur die Kreditkarte zücken. Die praktische Umsetzung dieser Strategien ist bei vielen populären Free2Play-Titeln weniger zynisch, als sich das in der Theorie anhört. Das Konzept trifft im Kern allerdings meistens zu.

Fortnite: Battle Royale – das trendigste Spiel der Welt (5 Bilder)

Fortnite ist streng genommen nicht gleich Fortnite: Battle Royale. Im ursprünglichen Spielmodus "Rette die Welt" verteidigt man mit Unterstützern eine Basis vor Gegner-Wellen. Zu Ruhm und Erfolg brachte es aber vor allem die kostenlose Auskopplung "Battle Royale". In diesem Spielmodus wird man mit anderen Spielern auf eine Karte geworfen und muss so lange wie möglich überleben. Heute ist mit "Fortnite" fast immer die Battle-Royale-Variante gemeint.
(Bild: Epic Games)

Die finanziellen Möglichkeiten dieses Modells haben auch die traditionellen Publisher erkannt. Sie verkaufen ihre Spiele zwar nicht kostenlos, arbeiten aber mit den gleichen Tricks und wecken die gleichen Begehrlichkeiten wie Free2Play-Games, um Spieler wiederholt zum Zahlen für zusätzliche Gegenständen zu überreden. "Live Services" nennt man das bei EA, Ubisoft spricht von "Games as a Service". Positiv ist, dass diese Titel immer wieder mit neuen Inhalten versorgt werden. Dennoch leiden die Spieler unter dem Modell. Sie bekommen für Vollpreis kein volles Spielerlebnis mehr und laufen außerdem Gefahr, den Überblick über ihre Ausgaben zu verlieren.

Für Entwickler ist das aber profitabel: Bei Take-Two machen Mikrotransaktionen, also zusätzliche Zahlungen in Spielen, mittlerweile über 40 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Auch für EA sind Einnahmen aus Live-Services wie etwa dem Ultimate-Team-Modus der FIFA-Reihe zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. Ubisoft-Geschäftsführer Alain Martinez hat dieses Jahr in einer Investoren-Konferenz zu Protokoll gegeben, dass man gar keine Spiele ohne Live-Services mehr machen wolle, da sich das Geschäft mit den wiederkehrenden Zahlungen einfach zu sehr lohne.

EA macht mehr Geld mit "Live-Services", also wiederkehrenden Zahlungen für Zusatzinhalte für Videospiele, als mit digitalen Spieleverkäufen an sich.

(Bild: Electronic Arts)

Das Ergebnis sieht man auf der Gamescom 2018. Electronic Arts, der zweitgrößte reine Spiele-Publisher der Welt, nimmt nur zwei Titel mit auf die Gamescom: FIFA 19 und Battlefield V. Das sind beides sehr beliebte Spiele-Reihen, gerade die FIFA-Serie ist für EA eine Lizenz zum Geld drucken. Sie verkauft sich nicht nur super, sondern sorgt mit dem Mehrspieler-Modus Ultimate Team auch für langfristige Einnahmen. Laut EA macht Ultimate Team über 800 Millionen US-Dollar pro Jahr.

Auch nach dem Desaster um die Lootboxen in Battlefront 2 setzt Electronic Arts in Ultimate Team weiterhin ungehemmt auf die kostenpflichtigen Beutekisten mit Zufallsinhalt. Die offizielle Begründung: Es gibt ja auch einen Einzelspieler-Modus, den man uneingeschränkt spielen kann. Dann seien Lootboxen im Mehrspieler-Modus schon okay. Eine Rolle wird bei der Entscheidung aber auch die Tatsache gespielt haben, dass Lootboxen schon seit Jahren in Ultimate Team enthalten sind und sich bisher noch niemand ausreichend darüber aufgeregt hat.

In Battlefield V werden keine Lootboxen angeboten, andere Mikrotransaktionen gibt es aber. Immerhin ist das kommende Battlefield in erster Linie ein Mehrspieler-Titel, der die Spieler langfristig bei Laune halten kann. Dass EA da nicht freiwillig auf die lukrativen Zusatzzahlungen verzichtet, kann man angesichts der Geschäftszahlen verstehen. Wie fair sie aber umgesetzt werden, muss sich zeigen.

Battlefield V bekommt außerdem wie auch Call of Duty: Black Ops 4 einen Battle-Royale-Modus, der an den Riesen-Erfolg von Fortnite und PUBG anknüpfen soll. Publisher Activision schmeißt zugunsten dieses Spielmodus' auch gleich die gesamte Einzelspieler-Kampagne über Bord – die bindet nunmal nicht langfristig.

Ubisoft hat es in Assassin's Creed Origins und Far Cry 5 sogar geschafft, eine Light-Variante der Free2Play-Modelle in Einzelspieler-Titeln zu implementieren. Wie in Origins wird man im kommenden Assassin's-Creed-Titel Odyssey ein nach hinten offenes Open-World-Abenteuer vor malerischer Kulisse erleben. An der Spielmechanik ändert sich praktisch nichts, erstmals in der AC-Reihe haben Spieler aber die Möglichkeit, in Gesprächen zwischen verschiedenen Dialogoptionen auszuwählen. Mit der historischen Genauigkeit nimmt Ubisoft es bei Waffen und Kostümen aber nicht mehr so genau, seit das Unternehmen festgestellt hat, dass sich brennende Kriegshämmer besser verkaufen als schnöde Dolche.

Selbst Bethesda, das Studio hinter den legendären Einzelspieler-Rollenspielen der Elder-Scrolls- und Fallout-Reihen, springt auf den Live-Service-Zug auf. Der nächste Fallout-Titel wird daher kein klassisches Solo-Rollenspiel, sondern ein Online-Shooter, Mikrotransaktionen inklusive. Zur Gamescom lässt Bethesda Fallout 76 aber in Maryland liegen und zeigt stattdessen den Ego-Shooter Rage 2. Entwickler id Software scheint sich beim Rage-Nachfolger auf die Einzelspieler-Kampagne zu konzentrieren. Einen Mehrspielermodus hat Rage 2 trotzdem, vermutlich wird man sich auch dort mit zusätzlichen Gegenständen eindecken können.

Die wichtigsten Spiele der E3 2018 (14 Bilder)

Death Stranding (Kojima Productions)

Hideo Kojima könnte einen Bürojob-Simulator entwickeln und die Leute würden darauf abfahren. Death Stranding ist kein Bürojob-Simulator, so viel scheint klar, viel mehr aber auch nicht: Selbst nach einem zehnminütigen Gameplay-Trailer weiß eigentlich kein Mensch, worum es in Death Stranding nun eigentlich geht. Die Hauptfigur streift im Video schwerfällig durch verschiedene Landschaften, die alle wunderschön aussehen. Mehr sieht man aber auch nicht wirklich. Ein Walking-Simulator also? Death Stranding bleibt herrlich mysteriös.
(Bild: Sony)

Ein paar spannende, reine Singleplayer-Spiele gibt es aber doch, von Sony zum Beispiel. Der Konsolenhersteller ist in der vorteilhaften Situation, dass er Exklusivtitel für die Playstation-4-Werbung nutzen kann. Es ist für Sony also gar nicht so wichtig, dass ein Spiel den maximal möglichen Profit erzielt, solange es die PS4-Verkäufe ankurbelt. Sony macht daher als eines der wenigen großen Spieleunternehmen noch echte, storylastige Einzelspieler-Titel – mit Anfang und Ende, und vor allem ohne störende Mikrotransaktionen.

Wie sehr Spieler nach solchen Spielen lechzen, zeigt der riesige Erfolg von God of War. Und mit The Last of Us 2, Days Gone und Marvel's Spider-Man haben die Japaner gleich mehrere Titel in der Pipeline, die diesen Hunger ebenfalls stillen können. Auf der Gamescom zeigt Sony aber nur Spider-Man, das ohnehin kurz vor der Veröffentlichung steht. Switch-Hersteller Nintendo hält sich bei eigenen Spielen mit Mikrotransaktionen ebenfalls vornehm zurück. Super Mario Party und Super Smash Bros. Ultimate stehen im Gamescom-Programm.

Auch Ubisoft hat mit Anno 1800 ein vielversprechendes Spiel dabei. Bei den Spielen der Anno-Reihe musste man den Begriff "Endlosspiel" bisher nie negativ auffassen. Hoffentlich bleibt das so. Square Enix zeigt außerdem Shadow of the Tomb Raider, ein waschechtes Einzelspieler-Actionspiel, in dem es keine Zusatzzahlungen geben wird. Deep Silver präsentiert den anspruchsvollen Ego-Shooter Metro Exodus, CD Projekt führt den neuen Titel Cyberpunk 2077 auf der Gamescom zumindest der Fachpresse vor. Free2Play-Schnickschnack will sich CD Projekt wie schon bei The Witcher 3 sparen.

Der Gamescom-Besuch lohnt sich also für Spiele-Fans, die sich auch bei kleineren Publishern und Entwicklern umschauen. Dort findet man Ideen, Mut, und Begeisterung fürs Videospiel. Da könnten sich die Großen gern eine Scheibe von abschneiden. EA, Ubisoft und Co. werden ihre Live-Services in den kommenden Jahren noch weiter ausbauen. Denn das Konzept geht voll auf, das zeigen die Umsatzzahlen – und auch auf der diesjährigen Gamescom werden die Schlangen vor den FIFA- und Assassin's-Creed-Stationen wieder sehr lang sein. Aber wie lange spielen die Fans da noch mit?

Die Gamescom beginnt am 21. August mit einem Tag für Fachbesucher. Vom 22. bis 25. August kann jeder Fan mit Ticket die Spielemesse besuchen. (dahe)

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